Der Amateur-Blog

Krauses Kapitel: Schiri, der hat schon Gelb!

15. Februar 2021, 10:27 Uhr

Mit seinem eigenen Blog "Krauses Kapitel: Schiri, der hat schon Gelb!" gibt Osdorf-Capitano Bennet Krause (re.) einen Einblick in das Leben eines Amateurfußballers. Foto: noveski.com

25 Jahre TuS Osdorf – Bennet Krause hat gerade erst ein ganz besonderes und in der heutigen Zeit fast schon einmaliges Jubiläum hinter sich. Der Kapitän der „Blomkampler“ hat in diesem Vierteljahrhundert alles rund um den Verein miterlebt – vom Aufstieg aus der Kreisklasse bis in die höchste Hamburger Amateurliga und zu einem der angesehensten Vereine in Hamburg. In all den Jahren hat sich „BK4“ den Ruf erarbeitet, alles für seinen TuS auf dem Platz zu geben und zu lassen – mit allen Mitteln, am Rande des Erlaubten und oft auch zum Leidwesen der gegnerischen Teams. Nun hat der 32-Jährige seine philosophische Ader entdeckt und wird uns künftig mit seinem eigenen Blog „Krauses Kapitel: Schiri, der hat schon Gelb!“ in das Leben eines Amateurfußballers einweihen…

Blog 02: Früher war (nicht) alles besser

Foto: Malte Krause

Innovativ und zukunftsorientiert sind Attribute eines modernen Trainers. Heutzutage muss man nicht als solcher charakterisiert sein, um zu erkennen: Waldläufe innerhalb der Vorbereitung gehören der Vergangenheit an. Fußballspezifische Spielformen zur Verbesserung der Ausdauerleistung sind auch im unteren Amateurbereich mittlerweile fester Standard. Trainer mit Stoppuhren um den Hals sitzen längst nicht mehr schreiend vor Heizpilzen des Clubheims, sondern stehen mit ihren Smartwatches jetzt mitten in der Übungsform und takten die Intervalle des Kleinfeldduells.

Die Wochen vor Hin- und Rückrundenstart gehören zwar in den Jahreszyklus eines jeden Fußballers, gelten aber bei den meisten nicht als Saisonhöhepunkte. Aufgrund der angenehmeren Temperaturen ist die Vorbereitungsphase im Sommer noch deutlich erträglicher als die im Winter. Der Gedanke an eine Kombination aus zugefrorenem Kunstrasen und einer langandauernden, aeroben Trainingseinheit, lässt mein Herz jedenfalls nicht sofort höherschlagen. Um es auf den Punkt zu bringen: der Jahresbeginn ist für Fußballer immer eine Qual.

Foto: Malte Krause

Erschwerend kommt noch die Nachweihnachtszeit hinzu. Wie so oft konnten wir den Leckereien an den Feiertagen nicht widerstehen. Die Lebkuchen haben sich an den Hüften festgesetzt. Der Traum vom Sixpack ist in weite Ferne gerückt. Geplagt vom schlechten Gewissen wird eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio abgeschlossen. Spätestens beim Trainingsauftakt stellen wir allerdings fest, für Sport außerhalb des Fußballplatzes weder Zeit noch Energie zu haben.

Früher, als der Fußball noch nicht so wissenschaftlich angehaucht war, und die Trainer noch keinen Idealen auf YouTube nacheiferten, gehörten Läufe um die Alster oder an der Elbe in jede Vorbereitung. Wir sprechen hier über die Zeiten, in denen Felix Magath mit dem „Berg der Leiden“ noch als Maßstab galt. Manchmal fuhren die Trainer der Mannschaft beim Laufen mit dem Rad hinterher. Wir haben uns häufiger direkt im Volkspark getroffen. Unser Trainer steckte die Distanzen mit rot-weiß gestreiften Pylonen ab und setzte sich mit dem Torwarttrainer, der Kaffee in einer Thermoskanne reichte, auf eine Parkbank. 

Hochmut kommt vor dem Fall

Foto: Malte Krause

Im Grunde genommen sind es doch aber genau diese Geschichten von früher, die uns in Nostalgie schwelgen lassen. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Trainingstag im Januar. Der Platzwart bekam vom Trainer das Kommando, er müsse das Fluchtlicht nicht anschalten, weil die Mannschaft erstmal laufen geht. Nachdem sich die Idee rumgesprochen hatte, kippte die Stimmung in der Kabine schlagartig. Aus einer stürmischen Kabinenparty wurde plötzlich eine Trauerfeier. Statt der Buffer durften wir jetzt die Laufschuhe schnüren. In diesem Moment war allen bereits klar, einen Ball bekommen wir heute nicht mehr zu Gesicht. Eingepackt in Schal und Mütze machten wir uns auf zur Laufrunde. Die Strecke umfasst in etwa neun Kilometer und gehörte jahrelang zum Standardrepertoire der Osdorfer Fußballkultur. Am Elbe-Einkaufszentrum kam einem meiner Mitspieler dann die Erleuchtung die 21 zu nehmen und sich ein paar Stationen vom Busfahrer chauffieren zu lassen. Damals durfte man noch hinten im Bus einsteigen, ohne dem Fahrer das Ticket zeigen zu müssen. Während die Türen des Busses bereits piepte und die Warnblinker rot leuchteten, quetschte sich mein Teamkollege im letzten Augenblick zwischen die Schiebetüren. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Jungs, es hat sich noch niemand in die Mannschaft gelaufen!“ Wir waren begeistert von der spektakulären Idee und ärgerten uns im nächsten Moment darüber, uns nicht angeschlossen zu haben. Wir ärgerten uns so lange, bis wir im Mittelgelenk des Busses drei Männer in Uniformen der HOCHBAHN erkannten. Selbst durch die beschlagenen Scheiben wirkten die Typen nicht weniger unsympathisch. Unser Ärger war jetzt verflogen. Eine Mischung aus Schadenfreude und schallendem Gelächter brach aus. Die Zeit des Rückweges verging wie im Flug. Am Sportplatz gab es nur ein Thema und irgendwie hatte auch der Trainer den Braten gerochen. Zum Leidwesen meines Mannschaftskollegen, musste er sich zum Rückrundenauftakt dann mit einem Platz auf der Ersatzbank zufriedengeben.

Niemand kann sich in die Mannschaft laufen, darüber herrscht auch heute noch Einigkeit. Wir Fußballer benötigen keine Fitness, um Fußball zu spielen. Wir benötigen Fitness im Fußballkontext. Wir müssen 90 Minuten lang in der Lage sein im höchsten Tempo mit unseren Mitspielern zu interagieren, Entscheidungen zu treffen und diese bestmöglich auszuführen. Verschwendet eure Zeit also nicht nur mit eintönigen Dauerläufen. Und wenn doch, dann vergesst die Monatskarte nicht.

Blog 01: Zusammenhalt in Zeiten einer Pandemie

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