13.02.2018

Boll: „Die Aufgabe ist charmant und sexy“

St. Pauli-Urgestein im Gespräch über seine neue Aufgabe beim SC Condor

Von wegen langweilig: Fabian Boll findet seine neue Aufgabe als Co-Trainer beim SC Condor "charmant und sexy". Foto: KBS-Picture

Der Hamburger Amateurfußball ist in der Saison 2018/19 um eine Attraktivität reicher. Mit Fabian Boll wird ein weiterer Ex-Profi den Weg in die Beletage der Hansestadt finden. Das „Urgestein“ des FC St. Pauli – der 38-Jährige hielt den Kiezkickern 16 (!) Jahre lang die Treue – wird beim SC Condor an der Seite von Olufemi Smith und Jasper Wehrt dem Trainerteam angehören. Wir haben mit dem äußerst sympathischen „Boller“ über seine neue Aufgabe gesprochen – und der A-Lizenz-Inhaber stand uns offen und ehrlich Rede und Antwort.

„Vor dreieinhalb Wochen wusste ich noch gar nichts von meinem Glück“, witzelt Fabian Boll eingangs des Gesprächs – und erklärt dann das Zustandekommen seines neuen Engagements am Berner Heerweg: „Ich kenne ‚Femi‘ (Olufemi Smith; Anm. d. Red.) schon ewig, bestimmt seit 20 Jahren.“ Und weiter: „Wir haben bereits in der A-Jugend von Itzehoe zusammengespielt und seither eine ganz enge Verbindung.“ Und so macht Boll auch gar keinen Hehl daraus: „Ohne ihn wäre das wahrscheinlich gar nicht denkbar gewesen.“ Als Smith die einstige Nummer 17 der Braun-Weißen fragte, „ob ich ihn unterstütze könnte“, hatte Boll schnell „wieder Blut geleckt“. Daraufhin kam zu einem Gespräch mit Thomas Brinkmann (Erster Vorsitzender) und Marco Krausz (Sportchef). „Es war ein sehr sympathischer Auftritt. Der SC Condor ist ein ganz solide, seriös und familiär geführter Verein. Viele würden das als langweilig bezeichnen – aber ich finde es sehr charmant und sexy. Also habe ich zwei Nächte drüber geschlafen und dann zugesagt“, beschreibt uns Boll sehr poetisch.

"Ich habe gemerkt, dass ich eine Rückkehr nicht mehr kategorisch ausschließe"

Olufemi Smith und Boll kennen sich seit über 20 Jahren. Der neue SCC-Coach überzeugte die St. Pauli-Legende von einem Engagement am Berner Heerweg. Foto: KBS-Picture

Dabei stand eine Rückkehr ins „Fußball-Geschäft“ lange gar nicht zur Debatte, wie er uns verrät: „Als ich vor anderthalb Jahren aufgehört habe, hat mir die Pause und das Durchschnaufen sehr gut getan. Vor allem schraubt es auch die Lebensqualität wieder hoch. Es war sogar so, dass ich mich schwer damit getan habe, in den Fußball zurückzukehren. Aber die Konstellation mit Femi ist die perfekte Kombination. Und man darf Jasper nicht vergessen. Auch er wird uns sehr guttun – da bin ich mir sicher.“ Nach dem Austausch mit Smith und den SCC-Verantwortlichen habe Boll „gemerkt, dass ich eine Rückkehr nicht mehr kategorisch ausschließe, wie vielleicht noch vor einem halben Jahr.“ Der SC Condor sei für ihn „ein guter Einstieg, es lässt sich gut mit meinem Job vereinen und wird eine spannende Aufgabe“, so der einstige Mittelfeldakteur, der zuletzt bis zum Sommer 2016 als Co-Trainer bei der U23 des FC St. Pauli tätig war.

"Für mich ist es so, als wäre ich wieder in meinen Gefilden zu Hause"

Beim FC St. Pauli spielten Marius Ebbers (li.) und Fabian Boll (re.) lange Seite an Seite - nun sehen sie sich in der Oberliga wieder. Foto: KBS-Picture

Auf eine Trainer-Anstellung im Profi-Bereich habe A-Lizenz-Inhaber Boll „nicht spekuliert“, wie er sagt. „Ich habe mich eher im Nachwuchsbereich bei St. Pauli gesehen.“ Dass es für ihn nun in die Oberliga geht, sei „überhaupt kein Problem oder in irgendeiner Weise problematisch. Ganz im Gegenteil. Ich finde die Oberliga unheimlich spannend – mit Traditionsvereinen wie Vicky oder BU teilweise sogar charmanter als die Regionalliga. Da sind ein paar richtige Kaliber dabei. Und auch von den Zuschauern nimmt sich das nicht viel.“ Des Weiteren betont er ganz auf dem Boden geblieben: „Ich war ja selbst nie der typische Profi. Mein erstes Herrenspiel habe ich damals in der Landesliga gemacht. Von daher ist es für mich eher so, als wäre ich wieder in meinen Gefilden zu Hause. Es ist ein Stück weit ‚Back to the roots. ‘“ Natürlich müsse man schauen, „wie sich das alles entwickelt und wie es läuft“, so Boll, der aber nichtsdestotrotz ein längeres Engagement am Berner Heerweg für möglich hält. „Wenn ich mir nichts Langfristiges vorstellen könnte, dann würde ich es ja gar nicht machen.“ Aber: „Sollten die Bayern kommen und sagen, Jupp hat den Verein verlassen, dann müsste ich mir nochmal Gedanken machen“, scherzt der Kriminaloberkommissar.

"Frotzeleien" mit Ebbers

Nun aber freut er sich insbesondere auf das „Wiedersehen mit vielen alten Weggefährten“ – darunter: Marius Ebbers, der als Co-Trainer beim SC Victoria tätig ist und lange Jahre mit Boll am Millerntor zu Hause war. „Wir haben am gestrigen Abend schon gefrotzelt“, verrät er uns. „Zudem sind ja auch einige Spieler aus der U23 von St. Pauli inzwischen in der Oberliga aktiv. Auch da freue ich mich, viele der Jungs mal wieder zu treffen.“ Auch wenn er vom Fußball in der jüngsten Vergangenheit „ein wenig Abstand genommen“ hat, habe er das Geschehen weiter verfolgt – auch in der Oberliga. „Die Ergebnisse habe ich mir jedes Wochenende angeschaut.“ Um sich nun aber noch vertrauter mit der neuen Aufgabe zu machen, „habe ich durchaus vor, mir bis zum Sommer regelmäßiger Spiele anzugucken – vor allem dann, wenn es wärmer draußen wird“, so Boll mit einem leichten Augenzwinkern.

"In welcher Liga das sein wird, ist mir letztendlich egal"

Jasper Wehrt (ehemals SC Sternschanze) komplettiert das Trainer-Trio beim SC Condor. Archivbild: noveski.com

Rein sportlich betrachtet, ist jedoch noch gar nicht klar, in welcher Liga der SC Condor in der kommenden Spielzeit beheimatet sein wird. Denn: Die „Raubvögel“ befinden sich mitten im Oberliga-Abstiegskampf. Auf die Frage, ob seine Zusage denn auch bei einem möglichen Abstieg noch gelte, entgegnet der 38-Jährige: „Da haben wir noch gar nicht drüber gesprochen. Grundsätzlich gilt meine Zusage für die Erste Herren-Mannschaft des SC Condor. In welcher Liga das sein wird, ist mir dann letztendlich egal. Ich gehe aber fest davon aus, dass die Mannschaft die Klasse halten wird.“ Fakt ist jedenfalls, dass im Sommer „ein gewisser Umbruch“ bei den Farmsenern anstehen wird. Neben Trainer Christian Woike hat auch Torhüter Sascha Kleinschmidt bereits das Ende seiner Laufbahn angekündigt. Auch Kevin Mellmann spielt mit dem Gedanken, sportlich kürzer zu treten. Weitere Personalien sind noch ungeklärt. Die Verpflichtung Bolls dürfte demnach auch eine gewisse Signalwirkung für Spieler aus dem aktuellen Kader, aber auch für mögliche Neuzugänge haben. Die Konstellation, etwas Neues aufbauen zu können, sei ebenfalls ein Anreiz gewesen, wie der gebürtige Bad Bramstedter meint. „Man fängt zwar nicht bei null an, aber es ist für ein neues Trainerteam eine spannende Aufgabe.“

"Sollten ein Stück weit Demut an den Tag legen"

Insgesamt 16 Jahre lang war Boll (re.) - hier im Duell mit Ex-HSVer Ruud van Nistelrooy - beim FC St. Pauli aktiv. Foto: KBS-Picture

Was die Ziele betrifft, könne er zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht allzu viel sagen – denn: „Der Fokus liegt jetzt erstmal noch ganz woanders. Wichtig ist, die Klasse zu halten. Sicher wird es auch parallel dazu Gespräche mit mir geben, in denen es auch darum geht, wer dem SC Condor helfen kann und soll. Aber jetzt ist der falsche Zeitpunkt, um über ein mögliches Abschneiden in der neuen Saison zu spekulieren. Ich finde auch, dass wir da ein Stück weit Demut an den Tag legen sollten“, bleibt Boll ganz bescheiden, ehe er abschließend anfügt: „Es geht darum, sukzessive etwas aufzubauen, eine nachhaltige Entwicklung zu sehen und bestimmt auch, eine bessere Platzierung einzufahren. Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.“

Autor: Dennis Kormanjos

Kommentieren