18.02.2019

Im Dilemma zwischen Paragraphen und Moral

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture.de

An dieser Stelle greifen wir regelmäßig die Themen des Hamburger Fußballs aus der Woche und vom Wochenende auf und kommentieren diese. Dieses Mal geht es um den Abbruch der Oberliga-Begegnung zwischen dem HSV Barmbek-Uhlenhorst und dem Meiendorfer SV nach einer vermeintlich rassistischen Äußerung gegenüber den Meiendorfern.

Es war nicht abzusehen, dass ein Spiel wie das des HSV Barmbek-Uhlenhorst gegen den Meiendorfer SV am Sonntagnachmittag ein derartiges mediales Echo nach sich ziehen würde. Wieso auch? Es war der Auftritt eines Clubs aus dem Mittelfeld der Tabelle gegen einen, der noch nach unten gucken muss. Seit gestern Nachmittag aber ist es ein Skandal-, zumindest aber ein Abbruch-Spiel. Das Geschehen ist bekannt: Nach knapp 71 Minuten war vorzeitig Schluss. Spielabbruch! Weil es eine vermeintliche rassistische Beleidigung von der Tribüne Richtung Meiendorfer Spieler gegeben hat. Der MSV verließ daraufhin – und nach einer Rudelbildung, die sich auf dem Platz angeschlossen hatte – kollektiv das Feld und kam nicht mehr wieder. „Ich habe die Jungs vom Platz geholt, weil es nicht zu einem positiven Ergebnis geführt hätte. Das Spiel wäre nicht gut zu Ende gegangen“, begründete Baris Saglam, Meiendorfs Trainer, diesen Schritt. Damit sind wir mittendrin im Dilemma.

Meiendorfs Reaktion, den Platz zu verlassen, ist moralisch verständlich

Aus dem BU-Block im Stadion an der Dieselstraße kam die Äußerung. Foto: Bode

In mehrerlei Hinsicht. Der Ausruf, der getätigt wurde, lässt sich anhand eines Videos, das es von der Szene gibt, verifizieren: „Du Wichser, du Schwarzer.“ Wichser, das steht außer Frage, ist eine Beleidigung. Aber ist Schwarzer auch eine? Hier geht’s los mit den geteilten Meinungen. Stellen wir es uns andersherum vor: Wer würde sich, wenn er als „du Weißer“ bezeichnet wird, beleidigt fühlen? Von Mensch zu Mensch sicher unterschiedlich. Zumindest aber ist die eine wie die andere Betitelung eine Diskriminierung, eine Herabsetzung gegenüber anderen, die von der Hautfarbe her anders sind. Wenn es als Rassismus gewertet wird: Wie reagiert man dann darauf? In der ersten Emotion sicher anders als wenn man etwas Abstand zu der Szene gewonnen hat. Dass Meiendorfs Kevin Heitbrock in den Fanblock sprang, ist ebenso nachvollziehbar, wie Saglams Reaktion, die Mannschaft vom Feld zu holen. Letzteres gerade dann, wenn neben dem Wort „Schwarzer“ auch das „N-Wort“ gefallen ist. Durch das Verlassen des Platzes hat Meiendorf – gesetzt der Ausruf war in Bezug auf die Hautfarbe gemeint und nicht auf die Farbe des MSV-Trikots – ein klares Zeichen gegen Rassismus. Aber eben auch den Abbruch des Spiels herbeigeführt.

Das ist das nächste Dilemma. Kann man einen Verein, der ein solches Zeichen setzt, dafür auch noch bestrafen? In Form einer 0:3-Wertung und drei Punkten für den Gegner – das nämlich sieht die Spielordnung des Hamburger Fußballverbandes für den Fall eines verursachten Abbruchs für den Verursacher vor. Hält man sich streng an die Paragraphen, dann ist es nämlich nichts anderes: ein Spiel, das wegen des Verlassens des Feldes von einer Mannschaft, abgebrochen werden musste. Es bleiben Fragen: Ist das nicht zu kurz gedacht? Hat nicht der Zwischenruf den Abbruch im Kern ausgelöst? Wäre damit BU schuld? Schwierig. Man bewegt sich irgendwie inmitten einer Grauzone zwischen Paragraphen und Moral. Kann man einen selbsternannten Fanbeauftragten dem Verein zu rechnen? Wäre BU damit immer noch möglicher Schuldiger? Ist Meiendorfs „Vergehen“, den Platz zu verlassen, eine überzogene Reaktion? Ist es – so wie BU-Coach Marco Stier deutlich auf dem Video sagt – „lächerlich“ vom Platz zu gehen „wenn man keine Chance mehr hat“? Zumindest Letzteres kann man getrost damit kontern, dass es eher lächerlich ist, einen solchen Vorwurf auszusprechen – auch, wenn (oder: weil) man ja vielleicht gar nicht gehört hat, was nach dem Zwischenruf bei der Rudelbildung noch alles gesagt wurde.

Wenn der Verband das MSV-Verhalten veruteilt, hält er sich nur an die Statuten

Kevin Heitbrock (li.) sprang nach der Äußerung über die Bande in Richtung Tribüne. Foto: Bode

BU hat – immer vorausgesetzt, die Aussage war rassistisch gemeint – die richtige Reaktion gezeigt, in dem man ankündigte, den Täter aus dem Verein auszuschließen und ihm Stadionbverbot zu erteilen. Ein klares Zeichen von null Toleranz gegen Rassismus. Ein klares Zeichen dafür, dass BU und der Stadtteil Barmbek für Kultur und Vielfältigkeit stehen. Der Verband seinerseits befindet sich bei der Suche nach einem Urteil in einer Zwickmühle, in der man nicht stecken möchte: Hier die Paragraphen, Recht und Unrecht. Da Moral und Werte. Eine Wertung des Spiels „pro BU“ wäre von der Grundhaltung her nicht falsch – das sagt die Spielordnung. Einen lauten Aufschrei und Kritik aber würde es dennoch geben. Nicht nur aus Meiendorf. Sondern auch von all denen, die die MSV-Reaktion als richtiges Zeihen gegen Rassismus werten. Nicht wenige also. Und: Wie steht ein Verband, der sich im Grunde gegen Rassismus positioniert und auf seine Fahnen geschrieben hat, diesen im Keim zu ersticken, mit diesem Urteil am Ende da? Gefühlt irgendwie so, als ob man sich mit einem Urteil „Spielwertung pro BU“ ins eigene Knie schießen würde. Wie man das Ganze auch drehen mag: Am Ende gibt es nur Verlierer.

Den Meiendorfer SV, weil er vielleicht für ein richtiges Zeichen im richtigen Moment mit einer (falschen) Strafe belegt wird. Die oder der Spieler, die auf Meiendorfer Seite beleidigt wurden, weil es nicht sein kann und darf, dass jemand nur aufgrund seiner Hautfarbe beleidigt oder diskriminiert wird. Den HSV Barmbek-Uhlenhorst, weil nun ein Verein und seine Fans pauschal mit der Handlung einer Person in Verbindung gestellt und für diese verbal abgestraft werden – und das, wo doch MSV-Trainer Baris Saglam mit seiner Aussage, BU und Barmbek stünden für Kultur den sprichwörtlichen Nagel genau auf den Kopf traf. Den Verband, weil er eine anhand der Statuten (verursachter Spielabbruch) vielleicht richtige Strafe verhängt, die moralisch aber im Kreuzfeuer der Kritik landen könnte. Und zu guter Letzt auch denjenigen, der den Zwischenruf getätigt hat, weil es einfach nur unfassbar ist, wenn er wirklich eine solche rassistische Gesinnung hat. Weil es genau so unfassbar ist, wenn der Ausruf so gemeint war, wie es der Fan-Verbund „BUsenfreunde“ in seiner Stellungnahme erklärt (hier geht's zum Wortlaut) – unfassbar unklug nämlich.

Jan Knötzsch

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