Oberliga

Wenn „Tauben“ plötzlich Punkte rauben: Irre 56 Minuten mit zwei Elfern, zwei „Roten“ und einer bösen Verletzung

08. März 2020, 19:20 Uhr

Die Siegerfaust geballt: Palomas Dopeltorschütze Moritz NIemann (re.) feiert mit Teamkollege Denny Schiemann. Foto: Both

Steffen Harms stand ein paar Meter abseits seiner Spieler, die nach der Begegnung des USC Paloma gegen den FC Teutonia 05 (Hier gibt’s den Live-Ticker zum Nachlesen) ihren obligatorischen Teamkreis bildeten. Der Coach der Gäste suchte nach Worten. Nicht, weil seine Jungs beim Tabellenzweiten soeben eine „Klatsche“ kassiert hatten. Nein, es war ganz anders gekommen: Die „Tauben“ hatten gewonnen. Mit 2:0. Durch zwei verwandelte Elfmeter – und dennoch musste sich Harms erst einmal sammeln. Dann fand er zurück zur Sprache, schüttelte kurz ungläubig den Kopf und stellte fest: „Wahnsinn, was dieses ganze Spiel an Herausforderungen hatte. Und dennoch haben die Jungs nie wirklich den Faden und die Disziplin verloren!“ Fürwahr – denn dieses Spiel hatte zumindest im zweiten Durchgang alles, um genau jenen Zeitraum als irre 45 Minuten zu betiteln. Nein, stopp: Eigentlich waren es ja sogar 56 Minuten...

Doch der Reihe nach: Die 117 Zuschauer, die am Sonntagmorgen den Weg zum Kunstrasen an der Kreuzkirche fanden, sahen zunächst eine erste Hälfte, in der alles in einem überschaubaren Rahmen blieb – auch, was den Ertrag beim Tabellenzweiten betraf. Der Gastgeber erspielte sich eine einzige Chance, tat sich ansonsten gegen die Gäste unheimlich schwer. Paloma wiederum machte es gut: Nach vorne gab es den einen oder anderen leichten Nadelstich – allein: Der entscheidende Pass fehlte. Gegen den Ball stand der USC hinten mit einer Fünferkette sicher, Teutonia lief immer wieder gegen dieses Bollwerk an und zeigte einfach zu wenig. Fand auch Sören Titze, der allerdings die massive Abwehr der Gäste nicht als Ausrede gelten lassen wollte: „Unser Anspruch ist ein anderer. Wenn Borussia Dortmund gegen den FC Augsburg spielt, wollen die auch gewinnen – und genauso ist es bei uns“, sagte Teutonias Trainer nach dem Spiel.

Harms: „Der Sieg ist teuer erkauft – umso stolzer bin ich, dass wir das Ding für Jannis gewonnen haben“

Platzverweis Nummer eins: Schiedsrichter Florian Schwarze (Mitte) stellt Teutonias Torwart Yannick Zummack vom Feld. Foto: Both

Selbiges wurde erst nach dem Seitenwechsel munterer und erlebte nach 66 Minuten den ersten Aufreger aus Teutonia-Sicht: Denny Schiemann war für Paloma im Strafraum frei durch, Keeper Yannick Zummack warf sich ihm in den Weg. Schiemann fiel, Schiri Florian Schwarze eilte heran, deutete auf den Elfmeterpunkt und zeigte dem „Goalie“ die Rote Karte. Auf Fotos später klar zu erkennen: Zummack traf Schiemann am Fuß, als der Ball schon weg war – die Entscheidung Schwarzes, das Foul als Notbremse zu werten, war hart, aber vertretbar. Auch, wenn sich die komplette Bank der Hausherren echauffierte, dass es die Doppelbestrafung (Elfer und Rot) nicht mehr gebe. Moritz Niemann war's egal, er verwandelte den Strafstoß gegen den frisch eingewechselten Semir Svraka zwischen den Pfosten der Teutonen sicher (68.). Nur acht Minuten nach dem Treffer stand Spielleiter Schwarze erneut im Blickpunkt: Diesmal zeigte er USC-Schlussmann Jannis Waldmann für ein Handspiel außerhalb der Box völlig zurecht den roten Karton. Waldmann verletzte sich bei der Klärungaktion vor dem „Sechzehner“ und musste ins Krankenhaus gebracht werden.

„Die erste Diagnose lautet Achillessehnenriss“, sagte Paloma-Coach Harms nach der Begegnung, in der Schiesdrichter Schwarze am Ende elf (!) Minuten nachspielen ließ, nachdem er zuvor eine neunminütige „Overtime“ angezeigt hatte. Und in dieser zusätzlichen Spielzeit deutete der Unparteiische ein weiteres Mal auf den Elfmeterpunkt – diesmal, weil Luis Hacker und und Dino Fazlic den Ex-Teutonen Furkan Aydin im Strafraum in die Zange nahmen. Aydin ging zu Boden – die Folge war klar. So hieß das Duell abermals Moritz Niemann gegen Semir Svraka – und wie schon nach 68 Zeigerumdrehungen hörte auch nach 97 Minuten der Sieger auf den Namen Niemann. Palomas Nummer 31 traf zum 2:0-Endstand für seine Farben. Dann war nach 101 Minuten Schluss. „Trotz der immer neuen Umstände – geführt, Überzahl, Gleichzahl und die brutale Verletzung unseres Torhüters – haben wir uns immer wieder in die Ordnung gerufen. Die Jungs haben sich alle super unterstützt, auch draußen kam gute Stimmung. Das war super positiv“, atmete Steffen Harms danach erst einmal durch.

Titze: „Wir können weitaus besser spielen, es war enttäuschend – das muss man so ehrlich sagen“

Platzverweis Nummer zwei: Paloma-Schlussmann Jannis Waldmann, der sich bei seiner Rettungsaktion vorm Strafraum verletzte, muss runter. Foto: Both

Alles andere als super positv war freilich die Waldmann-Verletzung. „Der Sieg ist unfassbar teuer erkauft“, befand Harms, „umso stolzer bin ich, dass Dennis Gansel, der die ganze Woche über mit 40 Grad Fieber flachgelegen hat, sich nach seiner Einwechselung genauso reingworfen hat, wir für Jannis das Ding gewonnen und sogar die Null gehalten haben. Das ist für uns eine tolle Sache“, schloss der Coach der Gäste sein Statement. Denn zur Leistung von Schiedsrichter Schwarze, mit dessen Entscheidungen Harms und dessen „Co“ Mario Jurkschaft ein ums andere Mal nicht einverstanden waren, wollte der „Tauben“-Trainer keine Stellung beziehen: „Das interessiert mich zum Glück nicht. Ich sage da nichts mehr zu“, hielt sich Harms, der im zweiten Durchgang vom Spielleiter mit einer Gelben Karte belegt worden war, als er einen Schritt aus seiner Coaching-Zone herausgeeilt war und reklamiert hatte, zurück. Das wollte eigentlich auch Sören Titze tun. „Ich sage nichts. Das ist besser für beide Seiten“, verpasste sich der Teutonen-Trainer zunächst einen Maulkorb. Dann aber redete er doch. „Der Schiri hat nicht die Schuld daran, dass wir verloren haben. Das liegt an uns. Aber es macht es auch nicht einfacher, wenn ein Spiel 90 Minuten so begleitet wird“, sagte Titze und ließ Raum für Nachfragen.

Definieren wir also zunächst einmal das „es liegt an uns“: „Wir haben spielerisch viel vermissen lassen. Nach vorne haben wir keine guten Lösungen gefunden. In der ersten Hälfte hatten wir eine Chance – das ist zu wenig. In der zweiten waren wir bis zum Elfmeter dann besser im Spiel, müssen aber mit unseren Möglichkeiten konsequenter umgehen. Das ist unser Problem: Wir schießen keine Tore. Das war gegen Vicky schon das Problem und auch gegen Sasel haben wir nur einen Treffer erzielt, obwohl wir viel mehr Chancen hatten“, bilanzierte Titze und schob hinterher: „Wir können weitaus besser spielen. Es war enttäuschend – das muss man so ehrlich sagen. Glückwunsch an Paloma. Sie haben sich den Sieg gut erkämpft. Am Schiedsrichter lag es nicht. Aber er hat mitgeholfen.“ Genau diesen letzten Satz wollte Titze jedoch erklärt wissen: „Ich meine das nicht so, dass er Paloma die Treffer augelegt hat, sondern in dem Sinne, dass er kein Fußballspiel hat sattfinden lassen. Es wurde 90 Minuten lang nur Foul gespielt, es kam kein Spielfluss zustande. Der Schiedsrichter hat nichts unterbunden: kein Ballwegschießen, dies nicht, das nicht. Er hatte keine Linie. Er war mal kleinlich, mal nicht. Genau das meine ich. Da ist es schwer, überhaupt in irgendeinen Spielfluss zu finden. Das ist die einzige Sache, wo ich sage: Er hat einen Beitrag geleistet. Trotzdem können wir es besser machen. Aber genau wie wir enttäuscht haben, hat auch der Schiedsrichter enttäuscht“, sagte Titze. 

Jan Knötzsch

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