Oberliga-Abstiegsrunde

„Seitdem wir die Abschlussfahrt nach ‚Malle‘ gebucht haben, gewinnen wir unsere Spiele!“

23. März 2022, 11:00 Uhr

Der FC Union Tornesch bejubelt den 3:1-Auswärtssieg an der Ellernreihe. Foto: Rob Kruber

Als noch gut zwölf Minuten auf der Uhr waren, zog Carsten Henning sein letztes „Ass“ aus dem Ärmel. Ersatz-Torhüter Marcel Reimers machte sich zur Einwechslung bereit. Aber nicht, um beim Bramfelder SV den Platz zwischen den Pfosten von Sebastian Kalk einzunehmen. „Reimo“ sollte im Angriff noch einmal „Unruhe stiften“, wie Henning hinterher erklärte. Bereits am vergangenen Wochenende im Testspiel gegen die U23 des Niendorfer TSV (1:1) erzielte Reimers das einzige Bramfelder Tor. „Es geht einfach darum, dass ‚Reimo‘ eine super Einstellung hat. Er geht voran“, begründete Henning den Schritt. „Und es muss auch ein Zeichen für andere Spieler sein, wenn man zu so einer Maßnahme greift.“

Vor dem Spiel setzten alle Beteiligten ein tolles und deutliches Zeichen gegen den Krieg. Foto: Rob Kruber

Der in den letzten Tagen und Wochen Corona-geplagte BSV hatte im Heimspiel gegen den FC Union Tornesch (alle Highlights im LIVE-Ticker) ohnehin schon einige Stammkräfte zu ersetzen. Hinzu kam, dass während der Partie auch noch Nikolaos Christodoulos (23.), Nils Knuth (46.) und Chris Pfeifer (63.) verletzungsbedingt die Segel streichen mussten. Die Mannen von der Ellernreihe pfiffen also aus einem der letzten Löcher. „Das darf man aber nicht als Ausrede gelten lassen“, stellte Henning unmissverständlich klar. „Ich glaube, jeder im Kader möchte in der Oberliga spielen. Und gerade in solchen Momenten haben sie die Chance dazu. Aber wenn wir uns immer wieder selbst im Weg stehen, indem wir individuelle Fehler machen und Sachen ansprechen, wie wir nicht spielen wollen, dann aber trotzdem spielen, dann kommt es so, wie es heute gekommen ist. Dafür wird man nun mal bestraft.“

"Es wurden diagonale Bälle gespielt, die wir nicht spielen wollten"

Jonas Kastl (re.), der auf der Sechs agierte, im Duell mit Maik Stahnke. Foto: Rob Kruber

Dabei erwischten die Hausherren eigentlich den nahezu perfekten Start: Nach einer Flanke von Robin Polzin jagte Maurice Freudenthal die Kugel per Volleyabnahme an die Latte – und das nach gerade mal 30 Sekunden! „Natürlich haben wir gleich zu Beginn ein bisschen Glück gehabt“, wusste Union-Coach Thorben Reibe. „Den nimmt er sensationell. Da hatte er Pech, dass er den gegen die Latte nagelt.“ Doch in der Folge habe man „wenig zugelassen“, befand Reibe. Während Bramfeld den Anfangsschwung nicht mitnehmen konnte. „Ich glaube schon, dass wir den Schwung mitgenommen haben. Aber es wurde dann der diagonale Ball gespielt, den wir nicht spielen wollten. Dadurch standen wir offen. Die haben dann einmal tief gespielt und klatschen lassen auf ihren schnellen Mann. Genau das wollten wir verhindern und haben es auch angesprochen“, haderte Henning.

"Es lief so, wie wir uns das vorgestellt haben"

Chris Pfeifer (re.) musste in der zweiten Halbzeit nach einem eigenen Foulspiel verletzt raus. Gute Besserung! Foto: Rob Kruber

Fabian Knottnerus war es, der den Ball auf den bärenstarken Morris von Winckelmann durchsteckte. Der pfeilschnelle Außenbahnspieler vollendete eiskalt mit der Innenseite ins lange Eck (13.)! „Im Grunde genommen lief es so, wie wir uns das vorgestellt haben. Gerade, wenn ich das 1:0 sehe: Das war genau die Situation, die wir wollten und gut umgesetzt haben“, lobte Reibe seine Schützlinge. Keine fünf Minuten später war es erneut von Winckelmann, der nach einer Willensleistung von Jari Maack nur am Pfosten scheiterte (18.). Danach überließ man dem BSV zwar oft den Ball, aber die Hausherren wussten damit zunächst nichts anzufangen und trafen oft die falsche Entscheidung. „Mir haben dann die Umschaltmomente bei uns gefehlt. Da waren wir zu ungenau, obwohl wir viele Situationen hatten, die wir hätten gut ausspielen können“, so Reibe.

"Den MUSS er machen!"

Maurice Freudenthal sorgte für Alarm - und erzielte auch den Bramfelder Anschlusstreffer. Foto: Rob Kruber

Gut ausgespielt war jener Angriff zu Beginn der zweiten Hälfte, der zum 2:0 führte: Maik Stahnke spielte den Zuckerpass auf von Winckelmann, der mit dem ersten Kontakt scharf vors Tor spielte, wo Knottnerus ganz cool einschob (51.)! Und Bramfeld? Unmittelbar nach Wiederanpfiff konnte Freudenthal den glänzend reagierenden Norman Baese aus kürzester Distanz nicht überwinden (47.). Besser machte er es keine 180 Sekunden nach dem zweiten Gegentreffer, als Pfeifer eine Hereingabe von Polzin noch mit den Haarspitzen verlängerte und Freudenthal im Nachstochern gegen Baese das Runde ins Eckige beförderte (54.). Nur noch 1:2! Der Start zur Aufholjagd?

„Wir hatten auch unglaublich viele klare Möglichkeiten“, konstatierte Henning – und sprach vor allem auf eine Situation an. Nachdem Tornesch ein ums andere Mal die vermeintliche Vorentscheidung verpasste, war es erneut Polzin, der mit seiner scharfen Flanke Okan Subay fand. Dieser verbrachte jedoch das schier unmögliche Kunststück, den Ball aus zwei Metern über das komplett verwaiste Gehäuse zu befördern – unfassbar (77.). „Den muss man machen“, redete Henning gar nicht um den heißen Brei herum. „Dann steht es 2:2 und ich glaube, dann würden wir das Spiel zumindest nicht verlieren.“

Erstes Tiedemann-Tor seit 2017 lässt Tornesch jubeln

Die Hundertprozentige: Okan Subay (re.) befördert den Ball aus kürzester Distanz über das leere Tor. Foto: Rob Kruber

Reibe: „Wir haben es nach der Pause eigentlich sehr gut gemacht, müssen aber früher das Tor machen. Und dann haben wir Glück, als sie auf der anderen Seite das 2:2 machen müssen“, gestand er – und stellte fest: „Das ist das Glück, was wir im Moment haben und in der Hinrunde nicht hatten.“ Und das zurzeit fast alles geht, wurde kurz vor Ultimo noch einmal unterstrichen. Eine Hereingabe von Patrice Meyer rutschte links im Strafraum zu Fabian Tiedemann durch. Dessen wuchtiger Abschluss aus 13 Metern fand vom Innenpfosten den Weg ins Tor (87.)! Der Schlusspunkt – und ein ganz besonderer zugleich. Denn: Für „Tiede“ war es das erste Tor seit 2017! Sein Übungsleiter konnte sich jedenfalls „an kein Oberliga-Tor von ihm“ erinnern. Gebührend wurden der Treffer und der Auswärtssieg im anschließend Mannschaftskreis gefeiert.

"Extrem bitter, weil wir die Sachen nicht umgesetzt haben"

BSV-Kapitän Robin Polzin (li.) - hier gegen Jan-Philipp Zimmermann - war an etlichen Situationen beteiligt. Nach dem Spiel platzte ihm der Kragen. Foto: Rob Kruber

„Alles in allem ein verdienter Sieg“, bilanzierte Reibe, dessen Mannen auch nach dem Anschlusstreffer nicht einbrachen. „Das kriegen wir momentan ganz gut auf den Acker, dass wir dann eben nicht einknicken, sondern vorne weiter Druck machen und im Spiel bleiben.“ Für Tornesch war es zugleich der dritte Sieg in Folge. Totgesagte leben länger! „Seitdem wir die Abschlussfahrt nach ‚Malle‘ gebucht haben, gewinnen wir unsere Spiele“, scherzte Reibe im Anschluss.

Weniger zu Späßen aufgelegt war sein Gegenüber: „Wir müssen da hinkommen, dass wir schnellstmöglich aus unseren Fehlern im Spiel lernen. Das haben wir heute nicht geschafft. Und Tornesch hat das gemacht, was sie stark machen und auch können. Die berufen sich auf ihre Stärken.“ Dennoch sei die Niederlage „extrem bitter, weil wir die Sachen nicht zu 100 Prozent umgesetzt haben, die wir uns vorgenommen, angesprochen und trainiert haben.“

Autor: Dennis Kormanjos