Meppen 4:0 abgefertigt: „Ein Jahrzehnt- oder sogar Jahrhundertspiel“

Kiezkicker-Kantersieg über den Regionalliga-Spitzenreiter

15. März 2017, 23:09 Uhr

Während Jan-Marc Schneider (re.) mit drei Scorerpunkten seinen ganz großen Anteil zum Sieg beitrug, leitete Patrick Posipal (li.) die Meppen-Pleite mit seiner Roten Karte ein. Foto: KBS-Picture.de

Partystimmung an der Hoheluft! Joachim Philipkowski hatte nach der Derbypleite gegen Norderstedt „eine Reaktion“ von seiner Equipe gefordert – und diese auf beeindruckende Art und Weise auch bekommen. Vor 408 Zuschauern wurde der unangefochtene Spitzenreiter aus Meppen – thront mit 13 Punkten Vorsprung auf Weiche Flensburg einsam auf dem Platz an der Sonne – mit sage und schreibe 4:0 abgefertigt! „Solche Spiele erlebt man als U23 selten. Das war ein Jahrzent-, vielleicht sogar ein Jahrhundertspiel“, schwärmte Philipkowski.

Im Kampf um den Ball: St. Paulis heimlicher "Matchwinner" Sirlord Conteh (li.) und Max Kremer. Foto: KBS-Picture.de

Nachdem ihm „die gute Seele“ der Kiez-U23, Eva Kalla, eine warme Decke über die Schultern legte, führte der erste Weg von Jan-Marc Schneider nach dem Schlusspfiff zu Ex-Profi Eric Agyemang, der unter den Zuschauern weilte. „Wir kennen uns schon lange, sind gut befreundet“, verriet uns der Kapitän des FC St. Pauli II, der mit Agyemang vor allem eine Sache gemeinsam hat: beide wissen, wo das gegnerische Tor steht. Das demonstrierte Schneider am heutigen Abend gegen das „Überteam“ der Regionalliga Nord, den SV Meppen, einmal mehr. „Das Ergebnis in der Höhe hätte ich natürlich nicht erwartet, aber ich war von Anfang an von meiner Mannschaft überzeugt. Und ich denke, wir haben das sehr gut gemacht“, konstatierte der „Blondschopf“, der allerdings auch zugab: „Der Platzverweis für Meppen hat uns natürlich in die Karten gespielt, aber selbst das muss man sich erstmal erarbeiten.“

„Diese Situation kotzt mich tierisch an“

Referee Patrick Mewes hatte keine andere Wahl, als nach Posipals Notbremse Rot zu zücken. Foto: KBS-Picture.de

Denn bis zu jener Roten Karte, die schon fast einer Slapstick-Einlage glich, hatte es nicht nur für Meppen-Coach Christian Neidhart „nicht den Anschein, als würde St. Pauli hier überhaupt ein Tor schießen“. Der Spitzenreiter dominierte und diktierte das Geschehen. „In den ersten 25 Minuten müssen wir 0:1 oder sogar 0:2 zurückliegen“, gestand auch Philipkowski. Erst scheiterte Francky Sembolo – nachdem Brian Koglin wegrutschte – im Eins-gegen-Eins an Svend Brodersen (2.), ehe der Leugers-Ersatz per Hacke am sankt paulianischen Fänger hängen blieb. Auch der Nachschuss von Max Kremer fand nicht den Weg ins Tor, weil Benjamin Nadjem auf der Linie rettete (24.). Doch dann folgte die wohl spielentscheidende Szene: Meppens Schlussmann Benjamin Gommert wollte einen Abstoß kurz ausführen, brachte mit dieser völlig verunglückten Variante aber Patrick Posipal derart in Bedrängnis, dass Sirlord Conteh dazwischen spritzte und vom Meppener Verteidiger an der Strafraumgrenze zu Fall gebracht wurde. „Diese Situation kotzt mich tierisch an, weil wir das ganz anders lösen wollten“, ärgerte sich Neidhart über das Zustandekommen. Da Posipal letzte Mann war, blieb Referee Mewes nichts anderes übrig, als den roten Karton zu zücken (28.)! „Die Entscheidung war in Ordnung",  gab auch Neidhart unumwunden zu.

„Der Matchwinner war für mich heute Sissi Conteh“, verteilte Philipkowski derweilein Sonderlob an seinen wendigen „Flügelflitzer“. „Er hat die Situation, dass der Gegner kurz rausspielen will, erkannt und den Sieg für uns damit auf den Weg gebracht.“ Während Conteh also so etwas wie der „Dosenöffner“ mit seinem beherzten Nachsetzen war, sorgte Jan-Marc Schneider schließlich dafür, dass der Außenseiter auch zählbar auf die Siegerstraße abbog. Weil die Gäste einen Eckball der „Kiezkicker“ schlecht klärten und Richard Neudecker dadurch den „Rebound“ 20 Meter vor dem Tor überlegt durchstecken konnte, hatte Schneider freie Bahn und schob mit der Innenseite zur Führung ein. 1:0 (61.)!

Schneider kommt in Fahrt – und trifft alles

Ein enttäuschter Posipal marschiert vom Platz. Foto: KBS-Picture.de

Und plötzlich klappte bei den Hausherren einfach alles, weil Meppen hinten noch mehr aufmachte. „Auch wenn die letzten Spiele nicht gut waren, haben wir uns davon nicht verunsichern lassen, sondern von der ersten Minute an Gas gegeben. Das hat heute den Unterschied ausgemacht, dass wir bereit waren zu laufen. Dann kommen die Tore von allein“, so Schneider, der beim zweiten Treffer als unfreiwilliger Vorlagengeber für den eingewechselten und zuletzt aufgrund seiner mangelnden Chancenverwertung oft gescholtenen Nico Empen diente. Nach einem Ballgewinn im Mittelfeld schickte Marcell Sobotta den Torjäger steil. Dieser ging im Duell mit Gommert zu Boden, der Pfiff blieb aus und der Ball fiel Empen vor die Füße, der aus halbrechter Position zum 2:0 einschob (66.)! Kurz darauf war Jan-Marc Schneider wieder höchstselbst zur Stelle, als Conteh den linken Flügel hinunter marschierte und quer legte. Der 22-Jährige Stürmer, der bei den Profis bereits einen Neun-Minuten-Einsatz gegen den VfB Stuttgart (0:1) verbuchen konnte, feuerte das Spielgerät aus 16 Metern staubtrocken in den rechten Knick – 3:0 (70.)! Für den Schlusspunkt zeigten sich drei Joker verantwortlich: Über Empen und Dennis Rosin kam die Kugel zu Seung-Won Lee, der mit dem 4:0 artig „Danke“ sagte (87.)!

Meppen ohne Top-Torjäger und weitere Leistungsträger

Jubelnde Kiezkicker nach dem überraschenden Kantersieg. Foto: KBS-Picture.de

Nach einem Auftritt, in dem „die Bereitschaft fehlte“, wie „Piepel“ nach der Norderstedt-Schlappe bemängelte, folgte nun eine furiose Wiedergutmachung. „Wir haben leistungsmäßig ganz bewusst einige Positionen geändert und man konnte von der ersten Minute sehen, dass die Jungs wollten. Ich bin aber ganz ehrlich und glaube nicht, dass wir ohne die Rote Karte gewonnen hätten. Trotzdem bin ich heute einfach nur happy“, bilanzierte Philipkowski, der dem Kontrahenten auf dem Weg in Liga drei „alles Gute“ wünschte. SVM-Trainer Neidhart gab zu Protokoll: „Ich habe zwei komplett unterschiedliche Halbzeiten gesehen. In der ersten hatten wir vier richtig gute Möglichkeiten, haben aber kein Tor gemacht. St. Pauli war hingegen sehr effektiv und macht aus vier Chancen vier Treffer.“

Bei aller Lobhudelei für den Kiez-Nachwuchs, sei aber auch noch erwähnt, dass der Regionalliga-Primus auf die verletzten Marius Kleinsorge und Liga-Top-Torschütze Benjamin Girth verzichten musste. Beim Aufwärmen fiel auch Thilo Leugers aus, ehe die Rote Karte gegen Posipal folgte. „Wenn, dann kommt es halt knüppeldick! So etwas können auch wir nicht wegstecken“, erklärte Neidhart, der mit seiner Truppe trotz der Niederlage weiterhin einsam seine Kreise zieht. Für die „Braun-Weißen“ war es hingegen ein äußerst wichtiger Erfolg, wie auch Schneider abschließend betonte: „Wir sind heute mit einer ganz anderen Einstellung und Leidenschaft ins Spiel gegangen, als in den Wochen zuvor. Natürlich braucht man gegen den Spitzenreiter keine Extra-Motivation. Dennoch muss man es erstmal so auf den Platz bekommen. Heute bin ich sehr stolz auf die Mannschaft.“

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