08.09.2018

„Jetzt sind wir oben, das ist nunmal so – aber es interessiert uns nicht“

Hamm United springt durch einen 2:0-Sieg gegen Lohbrügge auf Platz eins der Hansa-Staffel

Der HUFC-Doppeltorschütze und einer seiner Vorbereiter: Christian Ayim (re.) feiert mit Lucas Kauth. Foto: Bode

Sie boten das, was man gemeinhin als Bild des Jammers bezeichnen würde. Duro Arlovic und Anto Zivkovic saßen auch weit nach dem Abpfiff des Landesliga Hansa-Spiels zwischen dem VfL Lohbrügge und Hamm United (Hier gibt’s den Live-Ticker des Spiels zum Nachlesen) noch auf dem grünen Rasen der Sportanlage am Binnenfeldredder. Die beiden Akteure des VfL machten den Eindruck, als ob gerade die Welt untergegangen wäre. Arlovic hatte den Kopf nach unten gesenkt, starrte ins Leere. Auch Zivkovic schaute ungläubig drein. So, als hätten er und sein Teamkollege immer noch nicht fassen können, was sich da soeben ereignet hatte.

Zugegeben: Es war allerdings auch eine Schlussphase, die man nicht so oft erlebt – und als Spieler am liebsten gar nicht erleben will. Es lief die 83. Minute der Begegnung, als Arlovic im gegnerischen Strafraum den Ball per Kopf erreichte und das Spielgerät so auf Pascal Bäker weiterleitete. Lohbrügges Stürmer fackelte nicht lange und knallte die Kugel über die Linie ins Netz. 1:0 für Lohbrügge – dachten zumindest die meisten der 86 Zuschauer und vor allem die VfL-Bank, aber nichts da. Referee Kevin Klüver (Eintracht Norderstedt) entschied auf Abseits und gab das Tor nicht. Im direkten Gegenzug passte Lucas Kauth das Spielgerät auf Christian Ayim und Hamms Stürmer zielte aus spitzem Winkel ins lange Eck des Lohbrügger Tores – 1:0 für Hamm. Sechs Minuten später war es Matthias Märtens, der Ayim bediente und wieder schlug Uniteds Nummer 18 eiskalt zu – 2:0. Der Endstand. Und zugleich der Sprung auf Platz eins für den HUFC.

Ansage an Ayim: „Du hast mein Vertrauen – wenn jemand anderes spielen will, muss er an dir vorbei“

Und tschüss: Schiedsrichter Kevin Klüver zeigt Lohbrügges Duro Maskaljevic die Gelb-Rote Karte. Foto: Bode

„Schreib: 90 Minuten überlegen, drei verdiente Punkte“, scherzte Hamms Präsident Jörn Heinemann nach dem Match augenzwinkernd in Richtung des Verfassers dieser Zeilen – wohlwissend, dass es so nicht gewesen war. Es war vielmehr eine Portion Fußball paradox, die sich am Binnenfeldredder abgespielt hatte. „Wir waren über weite Strecken die bessere Mannschaft. Das Einzige, was wir besser machen müssen: Wir müssen den Sack zumachen“, erkannte Elvis Nikoic, gemeinsam mit Sven Schneppel Coach des Hausherren und ergänzte: „Ob das bei unserem Treffer Abseits war, weiß ich nicht. Unser Stürmer sagt nein, aber das würde jeder Stürmer sagen. Dass dann genau im Gegenzug das 0:1 fällt, ist eine dieser Geschichten, die es im Fußball leider manchmal gibt. Das tut weh, weil es unnötig war. Wenn der Gegner besser gewesen wäre, hätten wir ganz klar gesagt: Respekt, der Sieg ist verdient...“


So aber durfte sich nicht der VfL, sondern der HUFC freuen. „Es war von vornherein zu erwarten, dass es schwer wird. Ich habe vorm Spiel gesagt: Wenn wir in der 89. oder 90. Minute das 1:0 machen, dann bin ich zufrieden, froh und glücklich. Jetzt ist es ein 2:0 geworden – umso besser. Wir haben es clever gemacht und hinten sicher gestanden. Ich hatte mir schon für die ersten Halbzeit vorgestellt, dass wir besser gekontert hätten“, konstatierte Uniteds Trainer Sidnei Marschall im Anschluss an die Begegnung und zollte dem Kontrahenten ein Lob: „Hier werden noch viele Teams verlieren. Das ist nicht irgendeine Mannschaft, sondern Lohbrügge gehört für mich auch mit nach oben in der Tabelle. Ich bin froh, dass wir die drei Punkte sicher haben.“ Dass seiner Elf damit der Sprung an die Spitze des Klassements gelang, sei, so Marschall, „ein netter Nebeneffekt. Das zeigt, dass wir gute Arbeit geleistet haben.“

Nikolic über mögliche Kobas-Rückkehr: „Es ist Antonios persönliche Entscheidung“

VfL-Stürmer Pascal Bäker ärgert sich über seinen wegen Abseits nicht gegebenen Treffer. Foto: Bode

Er nehme „die Tabellenführung an und mit. Ich habe ja gesagt, dass wir punkten wollen. Jetzt sind wir oben, das ist nunmal so – aber es interessiert uns nicht. Wir wollen weiter arbeiten und punkten“, konstatierte Marschall und offenbarte, dass er neben seinen fußballerischen Qualitäten und denen als Coach auch in Sachen Prophezeiung einiges drauf hat: „Ich hab's dir gesagt, dass du einen machst“, hatte Marschall schon während des Spiels Doppeltorschütze Ayim zugerufen und klärte nach Spielschluss auf: „Ich habe am Mittwoch mit ihm gesprochen. Am Anfang, als er zu uns kam, war er nicht so stark. Ich habe viel mit ihm geredet, er hat viel gemacht. Mittwoch hab ich mir ihn zur Seite genommen und ihm gesagt: Du hast mein Vertrauen. Wenn jemand anderes spielen will, muss er an dir vorbei. Jetzt hat er zwei statt nur einem gemacht – das ist noch besser!“

Einen wie Ayim hätte auch der VfL auf der anderen Seite gebrauchen können, der in der Abwehr auf die gesperrten Tim Santelmann und Sandjar Ahmadi verzichten musste und mit Neuzugang Ozan Gencel (FC Türkiye) und Duro Maskaljevic (sah in der 86. Minute Gelb-Rot) zwei Offensive auf den Außenpositionen in der Abwehr aufs Feld schickte. Zudem hatte sich Artur Hoppe am Montag verletzt. „Das waren schwierige Vorzeichen, gerade deshalb war es eine gute Leistung der Truppe“, so Nikolic, der sich über das frühe verletzungsbedingte Aus von Agit Aydin ärgerte: „Er wäre auf jeden Fall für ein Tor gut gewesen.“ Das gilt auch für Torjäger Antonio Kobas, der den VfL vor der Saison verließ, um in seiner bosnischen Heimat zu heiraten, aber aktuell in Hamburg weilt: „Es gibt nich keinen Vollzug zu vermelden. Wir können noch nicht sagen, ob sich was andeutet. Das hängt davon ab, wo er seinen Lebensmittelpunkt haben will. Es ist Antonios persönliche Entscheidung. Wir würden ihn gerne wieder im Team haben. Er ist einer, der den Unterschied machen kann“, berichtete Nikolic. 

Jan Knötzsch 

Kommentieren