Oberliga 01

„Wenn man sich der Situation stellt und sieht, wie groß die Solidarität ist, dann kann man eigentlich nur froh über solche Charaktere sein!“

BU-Coach Jan Haimerl spricht mit uns ganz offen über die aktuelle Situation beim Traditionsverein. Foto: Bode

„Back to the roots“, heißt es für den HSV Barmbek-Uhlenhorst. Die fetten Jahre seien erstmal vorbei, man müsse den Gürtel deutlich enger schnallen, ließ der Clubs uns gegenüber auf Nachfrage verlautbaren. Und das, nachdem Gerüchte die Runde machten, dass der Hamburger Traditionsverein mit seiner Liga-Mannschaft vor dem Aus stehen würde. Doch an der Dieselstraße wurde gekämpft – und das, obwohl die augenblickliche Lage alles andere als einfach ist.

"Zuallererst sind Tränen geflossen", gesteht Haimerl, dass die Lage auch den vielen Ehrenamtlichen bei BU sehr nahe ging. Foto: Bode

„Viele machen sich darüber lustig oder sind schadenfroh. Andere sagen: Man schiebt es jetzt auf die Corona-Geschichte – oder fragen sich, warum es nur BU so geht. Aber wir sind der einzige Verein, der damit transparent umgeht“, entgegnet Chefcoach Jan Haimerl. Der 38-Jährige war bereits als Spieler für den Verein aktiv, fungierte dann als Co-Trainer bei der Zweitvertretung, ehe er die Nachfolge von Andy Höhn antrat und die Barmbek-Reserve in die Landesliga führte. Seit vergangenem Sommer ist Haimerl der Mann auf der Kommandobrücke der Liga-Mannschaft – und hat seitdem mit allerhand Gegenwind zu kämpfen. „Im letzten Jahr wurden wir mit einer richtig guten Truppe in die Abstiegsrunde gequatscht und am Ende hätten wir, wenn wir das letzte Spiel beim HSV III nicht verloren hätten, als Tabellenführer in die Corona-Unterbrechung gehen können“, lässt er die Fakten sprechen.

"Zuallererst sind Tränen geflossen – nicht nur bei mir"

Doch mittlerweile ist die Situation an der Dieselstraße – auch aufgrund der Corona-Pandemie und der fehlenden Einnahmen – eine ganz andere. Nachdem er sich in den letzten Wochen öffentlich zurückhielt, macht Haimerl aus seiner Gefühlswelt keinen Hehl mehr: „Zuallererst sind Tränen geflossen – nicht nur bei mir“, erinnert er sich genau an den Zeitpunkt, als ihm offenbart wurde, wie die Lage rund um die Liga-Mannschaft ist. „Ich war mit meinem Co-Trainer im Urlaub. Wir haben eine Video-Konferenz mit dem gesamten Vorstand abgehalten – und auch dort sind ausreichend Tränen geflossen. Ganz einfach deshalb, weil man viele Jahre lang Arbeit gemacht hat, die man durch die letzten anderthalb Jahre nicht hätte beeinflussen können, so wie es nun gekommen ist.“

"In der Situation kannst du eigentlich nur gewinnen"

Im ersten Testspiel gegen den klassentieferen SVNA (1:0) präsentierte Haimerl sein "neues" BU-Team. Foto: Bode

Für ihn selbst „wäre es ein Leichtes gewesen“, in dieser Situation „einfach wegzulaufen. Das kann jeder. Wenn man sich aber der Situation stellt und wenn man sieht, wie das Commitment und die Solidarität innerhalb der Mannschaft ist, dann kann man eigentlich nur froh darüber sein, solche Charaktere im Team zu haben!“ Der BU-Dompteur blieb an Bord, viele Spieler wanderten ab – doch einige Akteure blieben bei ihrem Ja-Wort. „Das ist die Basis. Dass wir natürlich die Ansprüche runterschrauben müssen, das ist ganz klar. Und wir müssen uns auch nicht mehr mit irgendwelchen Szenarien aus der Vergangenheit vergleichen“, so Haimerl, der meint: „In der Situation kannst du eigentlich nur gewinnen.“

"Charakterlich etwas, wo wir die letzten Jahre erhebliche Probleme hatten"

Man nehme die Gegebenheiten „jetzt so an, wie sie nun mal sind. Wir haben im Trainerteam genug Identifikation und Verbundenheit zum Verein. Und es wurde auch von Beginn an transparent mit der Sache umgegangen. Es ist natürlich klar, dass es von da, wo wir herkommen, ein Weg nach unten ist. Aber ich mache dann lieber bei der Struktur und den Rahmenbedingungen einen Schritt zurück, bevor ich nach dem fünften Spiel sagen muss: Feierabend. So haben wir ein Commitment von den Jungs – und die haben Bock. Das sieht man in jedem Training.“ Selbst die Neuzugänge, „die das erste Mal das Trikot getragen haben, haben schon vor einiger Zeit gesagt, dass sie trotz der Umstände bleiben. Und das ist am Ende des Tages auch charakterlich etwas, wo wir in den letzten Jahren erhebliche Probleme hatten, und ein ganz großer Schritt in die richtige Richtung.“

"Es wird das erste Mal so sein, dass nicht der Euro im Vordergrund steht"

Leere Ränge aufgrund der Corona-Verordnung. Doch schon bald hofft man bei BU wieder auf lautstarken Support - trotz oder gerade wegen der angespannten Situation. Foto: Bode

Apropos Charakter: Was die Liga-Mannschaft betrifft, werde man in der neuen Spielzeit eine absolute Einheit, die es nun gilt, zu formen, auf den Platz schicken. „In der ‚Zweiten‘ oder ‚Dritten‘ herrscht immer schon eine sehr große Identifikation. Die Jungs haben auch sofort gesagt, dass sie dabei sind und parat stehen, wenn Hilfe benötigt wird. Das ist ein tolles Gefühl und auch der Arbeit der jeweiligen Trainer geschuldet“, hält man bei BU zusammen. Währenddessen glaubt Haimerl: „Es wird in der kommenden Saison das erste Mal so sein, dass nicht der Euro im Vordergrund steht. Denn ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass es in der Vergangenheit genügend Jungs gab, die nicht hier gespielt haben, weil sie das blau-gelbe Trikot so gerne tragen oder das Stadion so schön finden, sondern weil es am Ende des Tages um die Kohle ging.“ Zeiten, die der Vergangenheit angehören sollen.

"Diese Jungs zahlen schon jetzt zurück - ohne einen Ball am Fuß gehabt zu haben"

Einschwören auf das erste Testspiel, hieß es am vergangenen Sonntag bei BU. Foto: Bode

Die neue Mannschaft werde aus Spielern bestehen, die dem Club auch in dieser so schwierigen Phase die Treue halten und für BU weiter durchs Feuer gehen, sowie Jungs, „die ihre Chance wittern, sich in der Oberliga durchzusetzen, die ihre ersten Schritte im Herrenbereich machen und die Erfahrung sammeln wollen – und das können sie über Spielzeit tun“, erklärt Haimerl. Hinzu kommen Akteure von externen Verein, „die noch gar keine Bindung zum Club haben, die aber sagen: ‚Pass mal auf. Ich hab‘ euch vielleicht unter anderen Umständen zugesagt, aber trotzdem stehe ich zu meinem Wort.‘ Diese Jungs wissen auch, dass ich in den letzten Monaten sehr stark um sie gekämpft habe. Von daher zahlen sie schon jetzt zurück – ohne überhaupt einen Ball am Fuß gehabt zu haben. Darüber kann man eigentlich nur unheimlich froh und glücklich sein.“

"Für uns geht es in erster Linie darum, die Klasse zu halten"

Nico Schluchtmann (re.) war einer der ersten Spieler, der sich sofort solidarisch zeigte und BU erhalten bleiben wird. Foto: Bode

Dass BU eine echte Herkulesaufgabe bevorsteht – vor allem angesichts der Oberliga-Teilung in zwei Staffeln –, weiß auch der Übungsleiter. „Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich da total bei Danny Zankl (Trainer des TSV Sasel, Anm. d. Red.) bin. Ich möchte keinem Verein zu nahe treten, aber ich finde es schon sehr komisch, dass man eine brutal starke Staffel hat. Ich hätte mich auch darüber gefreut, gegen Teams aus dem Westen anzutreten“, ist das sportliche Ungleichgewicht weiter ein heikles Thema. Wenngleich Haimerl auch betont: „Am Ende des Tages sind wir einfach nur froh, dass es endlich wieder losgeht!“ 


Seine „neue“ Mannschaft werde etwas brauchen, um zusammenzuwachsen. Und allein schon aufgrund des Umbruchs sei es „nicht so, dass ich ins Rennen gehe und sage, dass wir in dieser Staffel um die Plätze eins bis drei spielen müssen. Für uns geht es in erster Linie darum, die Klasse zu halten. Alles andere wäre unrealistisch. Und ich sehe da auch genug Teams, mit denen wir auf Augenhöhe sein können – und mit denen messen wir uns“, schätzt Haimerl die Lage ganz objektiv ein. Abschließend sagt er: „Natürlich träumen alle von einem gesicherten Mittelfeldplatz. Aber wenn wir am letzten Spieltag die Klasse halten, dann ist das für mich auch in Ordnung.“

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