Kolumne

Warum ist Vereinstreue für Fußballer so ein großes Problem?

Foto: Rüdiger Abend

Wenn es im Mai/Juni einer jeden Saison für alle Mannschaften im Amateurfußball in die herbeigesehnte Sommerpause geht, dann beginnt beim Gros aller Vereine in den Geschäftsstellen immenser bürokratischer Aufwand. Unzählige Spieler verlassen Saison für Saison die Vereine, egal ob im Jugend- oder im Erwachsenenbereich. Jeder dieser Spieler muss vom Spielbetrieb abgemeldet werden und das letzte Spiel muss mit dem Datum erfasst werden.

Ein Wechsel im Leistungsbereichs des Fußballs hat oft andere Gründe als nur eine Luftveränderung, einen Wohnortwechsel oder berufliche Veränderungen. Letzteres wird für mein Empfinden zu oft als Ausrede benutzt und vorgeschoben.
Im Jugendbereich geht es überwiegend um die Spielklasse, die Infrastruktur des möglichen neuen Vereins, ambitionierte oder ambitioniertere Trainer oder die Ausstattung einer Mannschaft. Im Herrenbereich geht es leider zu oft um monetäre Dinge oder gar um den unbedingten Wunsch, eine Liga höher zu spielen.

Wenn man sich heutzutage Spieler mit Anfang/Mitte 20 anschaut, da ist es schon „bemerkenswert“, wie viele Vereine bereits in der Vita stehen. Der unbedingte Wille eine Liga höher spielen zu wollen und sich deshalb überall anzubieten, ohne vorher auch nur annähernd Leistung gebracht und herausstechend performt zu haben, übertreffen leider zu oft die Selbsteinschätzung der wirklichen Leistungsfähigkeit. Gerade der Punkt der Selbsteinschätzung und der kritische Umgang mit den eigenen Fähigkeiten, der Bewertung der eigenen Leistungen und dem klaren Fokus auf sich selbst, führen in den meisten Fällen zur „Flucht“ aus dem aktuellen Verein. Sobald ein Spieler dieses notwendige Feedback von seinem Trainer, dem Trainerteam oder Vereinsoffiziellen bekommt, steigt das Frustrationslevel und es sinkt die Bereitschaft, alles für seinen Verein zu tun bzw. zu geben. Aus Trainersicht rechnet man oft sogar damit, dass der Spieler zeitnah von der Bildschirmfläche verschwindet und nicht mehr zur Verfügung steht. Erhält dieser Spieler eine finanzielle Entschädigung vom Verein, so wird die Hin- oder Rückrunde ausgesessen und man rettet sich mehr oder weniger in die nächste Wechselperiode. Natürlich gibt nicht nur dieses eine Beispiel, aber ist in den höheren Spielklassen des Amateurfußballs für mein Empfinden das präsenteste.

Ein Verein hat bei diesen ganzen Wechselarien also kaum noch die Sicherheit, dass der geplante und fertige Kader zu Beginn einer Saison am Ende der gleichen Saison noch dasselbe Gesicht hat. Wo könnte man also den Hebel ansetzen, um Vereine vor dem Abgang eines Spielers oder gar vor dem Abgang mehrerer Spieler zu schützen?

Eine Idee, die mir seit ein paar Wochen im Kopf herumschwirrt, ist, dass die Vereine bei der Beantragung einer Spielberechtigung immer eine Genehmigung für eine komplette Saison (01.07.-30.06) beantragen und der Spieler nur für einen Verein pro Saison spielen darf. Zum Ende einer jeden Saison können die Vereine die Spielgenehmigung einfach verlängern oder beenden. So binde ich den Spieler für mindestens zwölf Monate an meinen Verein. Ob das eine Lösung für die Zukunft ist, sei mal dahingestellt und sicherlich gibt es da noch bessere Varianten oder Idee. Die Verbände müssen sich mit diesem Thema aber beschäftigen und offen mit den Vereinen in den Austausch gehen.

Um den Bogen zur Vereinstreue zu spannen, würde ich mir wünschen, dass bei einem Spieler viel mehr Vertrauen in die Entwicklung einer Mannschaft durch den Trainer und in den Verein investiert wird, man sich nicht von negativen Phasen umwerfen lässt und jeder seinen Beitrag für eine Kameradschaft leistet. Schaut man sich vielen Teams im Leistungsbereich an, dann gibt es nur noch sehr wenige, wo die Kameradschaft, das Vereinsleben und das Zusammengehörigkeitsgefühl im Vordergrund steht.

Aktuell sticht da der HEBC heraus, der ohne wirkliche finanzielle Mittel eine gute Rolle in der Oberliga spielt und wo donnerstags nach dem Abschlusstraining die Musik laut aus der Kabine schallt und bis in die Nacht hinein Bier getrunken und zusammengesessen wird. Aus der jüngeren Vergangenheit fällt einem da aber auch der TuS Osdorf ein, der es auf beeindrucke Art und Weise schaffte, über Kameradschaft und eine gute Kabine die Oberliga nicht nur zu halten, sondern sehr viele Teams ärgerte und die Grenzen aufzeigte. Also, bitte wieder mehr davon!

Jan Haimerl