Landesliga Hansa

Mit Nikolic, seinen „Schäfchen“ und drei neuen Routiniers: Lohbrügge will „eine neue Kultur aufbauen“

Elvis Nikolic kehrt auf den Trainerstuhl des VfL Lohbrügge zurück - nachdem er den Club einst an der Seite von Sven Schneppel in die Oberliga führte und zuletzt als Sportlicher Leiter fungierte. Foto: Bode

Er hat mit dem Verein schon viel erlebt. Vom völlig verrückt zustande gekommenen Oberliga-Aufstieg bis hin zum Wiederabstieg. Vom Neuaufbau in der Landesliga in neuer Funktion bis hin zu vielen Erfolgen mit den Nachwuchs-Mannschaften des Clubs. Gerade erst führte Elvis Nikolic die A-Jugend des VfL Lohbrügge zum Regionalliga-Aufstieg – und verabschiedete sich von „seinen“ Jungs mit überaus emotionalen Worten: „Heute endet eine geile Reise. Wir hatten eine Vision. Und daraus ist ein Ziel geworden. Andere Vereine habe Tracking-Systeme, Videokameras und, und, und. Wir haben nicht einmal einheitliche Trainingsanzüge. Aber wir haben uns. Wir sind mit Zusammenhalt, Herz und Leidenschaft Meister geworden“, zitierte die „Bergedorfer Zeitung“ die Abschiedsrede von Nikolic, die mit folgendem Satz endete: „Ihr seid wundervolle Menschen!“

Mitte Juni feierte Nikolic (Mi.) mit der Lohbrügger A-Jugend den Gewinn der Oberliga-Meisterschaft und den Aufstieg in die Regionalliga. Foto: Bode

Ein echter Gänsehaut-Moment – und eine Kultur, die der 47-Jährige nun auch wieder bei der Liga-Mannschaft reinbringen und etablieren möchte. Denn: Der Ex-Coach, der zuletzt als Sportlicher Leiter fungierte, kehrt nach der kurz vor Saisonende beschlossenen Trennung von Gökhan Acar zur neuen Spielzeit 2023/24 auf die Trainerbank des VfL Lohbrügge zurück. Eine Entscheidung, die nach der Demission von Acar zwar vermutet wurde, aber „überhaupt nicht klar war“, wie Nikolic entgegnet. „Ich hatte die große Hoffnung, dass das mit Gökhan eine längerfristige Sache wird. Aber das hat aus verschiedenen Gründen nicht geklappt“, erinnert er sich.

„Zu Beginn der Saison muss man ehrlicherweise sagen – und da nehme ich mich ganz klar mit ins Boot und habe das auch mitzuverantworten –, dass die Zusammenstellung der Mannschaft nicht gut war. Wir sind Letzter in der Fairness-Tabelle geworden. Das heißt ja klar, dass die Disziplin mangelhaft bis ungenügend war“, findet Nikolic rückblickend klare Worte. In der zweiten Saisonhälfte kam hinzu, „dass der Verein finanzielle Probleme bekommen hat. Da gehe ich auch ganz offen und ehrlich miteinander um. Das trägt natürlich nicht zur positiven Stimmung bei.“

"Die härteste sportliche Entscheidung meines Lebens"

Elvis Nikolic hat gut lachen. Aus den einstigen "Wild Boyz" sind inzwischen die "Young Boyz" geworden. Ein Weg, den der Trainer schon vor vier Jahren gehen wollte. Foto: Bode

Im Verlaufe der Rückrunde reifte auch bei Acar der Entschluss, dass seine Amtszeit im Sommer enden wird. Zu viel ging in eben jener Zeit am Binnenfeldredder drunter und drüber. Und dennoch beendete der VfL die erste Spielzeit nach dem Oberliga-Abstieg und einem großen Umbruch auf einem guten sechsten Tabellenplatz in der Hansa-Staffel – dafür allerdings ohne Acar. „Das war die härteste sportliche Entscheidung meines Lebens“, gesteht Nikolic, der nach Bekanntwerden, dass Acar nicht über die Saison hinaus weitermacht, vier Spieltage vor Schluss bereits die Reißleine zog. „Aber im Nachhinein war das gut und richtig – das hat Gökhan mir auch gesagt. Es hat sich einfach ein unfassbares Spannungsfeld gebildet, das gelöst werden musste“, befand Nikolic.

"Im Endeffekt konnte ich nicht anders, als ‚Ja‘ zu sagen"

Chris Mahrt (li.) soll und will seine höherklassige Erfahrung künftig wieder am "Binner" beweisen - und als absoluter Führungsspieler vorangehen. Elvis Nikolic schwärmt vom 34-Jährigen. Foto: Bode

Dem Sportlichen Leiter stellte sich die Frage: „Was machen wir jetzt?“ Dabei macht er auch keinen Hehl daraus, dass sich „genügend externe Trainer angeboten haben. Einige auch mit der Aussage, dass sie Sponsoren mitbringen würden.“ Ein Weg, den Nikolic aber nicht mehr gehen will. Stattdessen kam es ihm wie gelegen, dass sich viele seiner ehemaligen Spieler aus dem sehr erfolgreichen 2004er-Jahrgang, die inzwischen bei ambitionierten Nachwuchsteams untergekommen waren, gemeldet und zusammengetan haben. Die Jungs, mit denen Nikolic einst U15-Meister wurde, wollten „die alte Mannschaft“ wieder aufleben lassen. Unter der Bedingung, dass der 47-Jährige auf die Trainerbank zurückkehrt. „Im Endeffekt konnte ich nicht anders, als ‚Ja‘ zu sagen“, schmunzelt Nikolic.

Metzler, Mahrt und Zschimmer kommen - Sigarieazar und Weber bleiben

Der Oberliga-erfahrene Innenverteidiger Andreas Metzler (li.) kehrt ebenfalls zum VfL zurück und wird die Mannschaft als Kapitän auf das Feld führen. Foto: Bode

Nicht nur, weil er seine „Schäfchen“ dadurch wieder für den Verein gewinnen konnte, sondern vor allem auch deshalb, weil „bei einem Externen die Gefahr zu groß gewesen wäre, dass das, was ich schon vor vier Jahren gesagt und gepredigt habe, den Weg mit jungen, hungrigen, talentierten und gleichzeitig ambitionierten Spielern aus den eigenen Reihen gehen zu wollen, über den Haufen geschmissen und kaputt gemacht worden wäre. Deswegen habe ich das gemacht, um auch diese Verzahnung zwischen Jugend und Herren weiter zu fördern, zu forcieren und aufrecht zu erhalten.“ Dabei war dem neuen/alten Cheftrainer auch klar, „dass wir nicht nur mit jungen Spielern auflaufen können, denn dann werden wir in dieser Liga aufgefressen“.

Und so lotste Nikolic den einen oder anderen erfahrenen Spielern an den „Binner“. Andreas Metzler kehrt nach einer halbjährigen Pause und einem Intermezzo beim FC Türkiye zum VfL zurück und wird gleichzeitig die Kapitänsbinde übernehmen. Mit Christopher Mahrt (ASV Hamburg), der auch schon in Lohbrügge aktiv war und über jahrelange höherklassige Erfahrung verfügt, sowie Kevin Zschimmer (Oststeinbeker SV) wurden „zwei Rebellen“ verpflichtet, von denen Nikolic aber in den höchsten Tönen schwärmt: „Chris kenne ich schon als kleines Kind. Beide gehen in ihren Rollen als wichtige Führungsspieler und Säulen der Mannschaft total auf!“ Komplettiert wird die erfahrene Achse von Torwart Said Sigarieazar und Franklin Weber. Das Duo hat den einstigen „Wild Boyz“ die Treue gehalten.

"Ich weiß, dass ich jetzt mit ganz tollen Charakteren zusammenarbeite"

Auch Kevin Zschimmer will es nochmal wissen - und beim Hansa-Landesligisten vom Binnenfeldredder mit nunmehr 30 Jahren zu alter Stärke zurückfinden sowie als Leistungsträger vorangehen. Foto: Bode

Im Gegensatz zu den Vereins-Urgesteinen Pascal Bäker, Tim Santelmann, Jonas Holz und Robert Pallasch. Das Quartett hat sich dem künftigen Liga-Kontrahenten SV Curslack-Neuengamme angeschlossen. „Darüber war ich am Anfang traurig. Die Jungs trauen uns das mit den vielen jungen Spielern nicht zu. Aber im Endeffekt kann das auch gut sein, weil wir so wirklich einen extremen Cut vollzogen haben“, hofft Nikolic, der mit der Underdog-Rolle gut leben kann. Sehr gut sogar. „Das ist jeden Tag meine Motivation“, entgegnet er – und fügt an: „Es geht ganz grundsätzlich im ersten Schritt darum, dass das unser aller Hobby ist. Und ich weiß, dass ich jetzt mit ganz tollen Menschen, Charakteren und Jungs, denen ich vertraue, wo ich in die Kabine gehen kann und weiß, dass ich Spaß haben werde, zusammenarbeite. Das war in der letzten Saison nicht immer so“, gesteht er.

Erdogan Pini wird Co-Trainer am Binnenfeldredder

„Aber natürlich ist meine Motivation auch, es all den Leuten, die sagen, Lohbrügge ist mit den vielen jungen Spielern ein absoluter Abstiegskandidat, zu zeigen, dass wir eben nicht absteigen werden. Auch die Jungs haben einfach Bock darauf!“ Und haben das auch schon in den ersten Testspielen unter Beweis gestellt: Auch wenn es bisher nur gegen unterklassige Gegner zur Sache ging, konnten alle fünf Vorbereitungspartien gewonnen werden. Nach dem vierten Testkick in Hamwarde (5:0) rief ihn sein neuer Co-Trainer an, verrät Nikolic, und meinte: „Die Jungs sind ja der Hammer!“ Apropos neuer Co-Trainer: Erdogan Pini wird Nikolic bei dessen Arbeit unterstützen und die Trainer-Laufbahn einschlagen. „Wenn absolut Not am Mann sein sollte, wird er auch spielen“, soll der Fokus des einstigen Regionalliga-Torjägers und ehemalige Lohbrüggers aber vor allem auf der Karriere nach der Karriere liegen.

Nikolic' größtes Ziel: "Eine neue Kultur aufzubauen"

Erdogan Pini wird neuer Co-Trainer von Elvis Nikolic - und soll im absoluten Notfall auch auf dem Platz sein Können noch zur Schau stellen. Foto: Bode

Was andere Leute über die neue Ausrichtung am Binnenfeldredder, den Weg fast nur mit jungen Spielern und dem einen oder anderen inzwischen in die Jahre gekommenen Routinier denken, darüber macht sich Nikolic „gar keine Gedanken“, wie er sagt. „Wir haben einen Drei-Jahres-Plan – und ich weiß, dass das erste halbe Jahr das schwierigste wird. Wenn wir das gut überstehen und die Spieler schnell lernen, wie Herren-Fußball in Punktspielen funktioniert, dann werden wir gut sein. Aber dennoch backen wir kleine Brötchen und wollen schauen, dass wir schnellstmöglich nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun haben werden.“

Das zumindest sei das tabellarische Ziel. Für Nikolic aber noch viel wichtiger: „Eine Kultur aufzubauen. Die haben wir bei Lohbrügge in der Vergangenheit – und da spreche ich dann auch ganz klar in gewisser Weise von einer Söldner-Mentalität – nicht gehabt. Da geht es einerseits natürlich um die Spielkultur, aber auch um eine Kultur, wie wir miteinander umgehen wollen. Das soll und wird sich über die Kabine auf das Feld übertragen“, ist Elvis Nikolic nicht nur Vorreiter, sondern auch vollauf überzeugt von dem neuen Weg seines VfL Lohbrügge.