Oberliga

„Ein Regionalligist im Hamburger Osten wäre super interessant für den ganzen Stadtteil“

Gewohnt lautstark und mit viel Feuer an der Seitenlinie: Berkan Algan bei seinem Debüt als neuer Cheftrainer des ETSV Hamburg. Foto: noveski.com

Er habe sich eine wohl überlegte Auszeit genommen und anderthalb Jahre im Ausland verbracht. Genauer gesagt: Teneriffa, die größte Insel der zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln, war das Ausflugsziel von Berkan Algan. „Die Kinder sind lange sehr kurz gekommen. Wenn du einen eigenen Gastronomie-Betrieb hast und dazu noch einen Regionalligisten trainierst, dann ist das schon am Limit der Belastbarkeit. Von daher hat das auch mal gutgetan, anderthalb Jahre lang andere Dinge zu tun“, blickt der Ex-Coach von Altona 93 gerne auf die Pause zurück, betont aber zugleich: „Jetzt ist der Akku wieder aufgeladen und ich werde meine ganze Energie in die neue Aufgabe reinstecken!“

Als Spieler schaffte Berkan Algan einst den Sprung nach ganz oben, absolvierte jeweils fünf Erstliga-Einsätze in der Türkei und in Finnland - und war türkischer U21-Nationalspieler. Foto: noveski.com

Am Donnerstagabend wurde Algan vorgestellt. Am Freitagabend feierte er mit dem ETSV Hamburg einen gelungenen Einstand und einen 2:0-Sieg gegen den FC Süderelbe. „Meine Stimme ist weg. Ich bin es nicht mehr gewohnt, lautstark an der Seitenlinie Kommandos zu geben“, schmunzelte der neue Trainer der Eisenbahner auf der PK nach seinem erfolgreichen Debüt – und verriet uns im Anschluss seine Beweggründe für das Engagement am Mittleren Landweg. „Zunächst einmal habe ich eine über 20 Jahre andauernde Freundschaft zu Jassi“, sprach er auf den engen Draht zu Liga-Manager Jassi Huremovic an. „Wir hatten immer mal wieder Kontakt. Und jetzt war halt die Situation da, dass er versucht, eine gute und erfolgreiche Mannschaft aufzubauen und mich gefragt hat.“

"Der Verein will den nächsten Step gehen"

Bereits beim Warmmachen pushte Algan seine neue Mannschaft verbal nach vorne - und gab die Richtung kommandofreudig vor. Foto: noveski.com

Er habe in der jüngeren Vergangenheit auch „das eine oder andere tolle Gespräch mit Vereinen aus der Hamburger Oberliga geführt“, sich „zum Schluss aber dagegen entschieden“, so Algan, der auch in Bezug auf „Unterbau-Mannschaften“ den einen oder anderen Austausch hatte. „Aber da war die Situation nicht so, dass sich da in diesem Moment etwas ergeben hat oder eine offene Stelle da war.“ Da er familiär bedingt derzeit auch an die Hansestadt gebunden ist, kam der Anruf von Huremovic wie gerufen. „In dieser Situation ist es so, dass der Verein – und davon wurde ich auch überzeugt – den nächsten Step gehen und spätestens im nächsten Jahr nochmal mit einer tollen Mannschaft angreifen will“, sind die beidseitigen Ambitionen klar gesteckt.

„Der ETSV will mittelfristig in die Regionalliga und hat kurzfristig einen Trainer gesucht. Die ganze Idee dahinter und der Charme, im Hamburger Osten in Zukunft vielleicht mal wieder einen Regionalligisten zu haben, was natürlich super interessant für den ganzen Stadtteil wäre, haben mich überzeugt“, beteuerte Algan – und erinnerte „an die damaligen grandiosen Zeiten von Bergedorf 85“. Aktuell sei im Hamburger Osten „ein bisschen wenig los. Aber jetzt ist dort ein Verein, der gewisse Ziele verfolgt. Das ist meine Motivation. Und ich war in diesem Moment in der Lage, zu helfen.“ Dafür nimmt der in Rellingen sesshafte Algan auch eine große Fahrerei in Kauf.

Algan nimmt auch die Stadt in die Pflicht

Gut gelaunt in der Coaching Zone: Berkan Algan (re.) und Liga-Manager Jassi Huremovic. Foto: noveski.com

Gemeinsam mit Huremovic und allen anderen Verantwortlichen wolle er den Aufbau einer schlagkräftigen Truppe in Angriff nehmen. „Aber man weiß ja nie, was die Zukunft bringt. Es geht auch immer darum, welche Situation durch Erfolg oder auch Misserfolg entsteht. Es ist immer etwas anderes: Was plane ich und was kommt?“, ist ein sportlicher Erfolg von mehreren Faktoren abhängig. „Dazu gehört ja nicht nur der Verein, sondern auch die ganze Stadt – weil es da auch um viele andere Thematiken geht“, deutete Algan die mögliche Stadion-Problematik an. „Da brauchen wir uns keine Luftschlösser zu bauen.“

Denn zunächst einmal steht das Kennenlernen im Fokus. „Ich bin ja erst seit ein paar Tagen da“, will sich der 46-Jährige, der einst den SV Lurup ins Hamburger Oberhaus und Altona 93 in die Regionalliga führte, ein genaues Bild von seiner neuen Truppe machen. „Die Mannschaft hat ein gutes Fundament“, befindet Algan. „Aber die Frage ist natürlich: Welche Spieler entwickeln in einem fortgeschritteneren Alter noch den Biss, ihren Körper auf einem bestimmten Leistungslevel zu quälen und alles auszuschöpfen?“ Sein erster Eindruck: „Ich habe das Gefühl, dass das der Fall ist.“ Nichtsdestotrotz: „Selbst diese Mannschaft muss punktuell und in einigen Bereichen deutlich verstärkt werden – aber das wird auch passieren.“

"Klar, deswegen bin ich da!"

Trotz des Sieges verlor Algan (Mi.) nach dem Spiel im Mannschaftskreis noch ein paar eindringliche Worte und appellierte an die Einstellung seiner Einwechselspieler. Foto: noveski.com

Und wie sieht die konkrete Zielsetzung in dieser Saison aus? „In der Winterpause kann man dazu mehr sagen“, entgegnet Algan. „Wenn man bis dahin viele Punkte sammelt, kann man vielleicht den Anschluss nach oben schaffen. Es liegt aber auch ein bisschen daran, wie die ersten drei, vier Mannschaften mit dem Vorsprung umgehen. Heißt: Wir können unsere Hausaufgaben machen, haben aber auf die Hausaufgaben der anderen keinen Einfluss.“ Erst einmal gehe es darum, „Punkte zu sammeln, eine Mannschaft zu formen, eine Dynamik entstehen zu lassen und im Winter punktuell zu verstärken, dass die Mannschaft auch in der Stabilität wächst“. Und spätestens im nächsten Jahr, wenn der Verein 100 Jahre alt wird, will man richtig angreifen. Algan: „Klar, deswegen bin ich da!“