Die „Kopfgeburt“ des alternativen Weges

Danke für den Support: Falke-Akteure schütteln fleißig Hände. Foto: KBS-Picture.de

Ein windiger, nasskalter Novemberabend. Auf den Hamburger Fußballplätzen rollt turnusmäßig der Ball – jedenfalls auf den bespielbaren Flächen. Amateurfußball als Zuschauermagnet? Diese Zeiten sind längst passé, vor allem bei diesen grauenhaften Witterungsbedingungen spielen die meisten Mannschaften unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nicht so am Freitag, 13. November, in Schenefeld. Die Zweitvertretung des Landesligisten, Tabellenzweiter, hat in der Kreisklasse 5 einen speziellen Verein zu Gast: Spitzenreiter HFC Falke e.V. 652 Zuschauer machen das KK-Topspiel zu einem echten Highlight.

„Gebt uns ein paar Minuten“, entgegnet Francis Fabian einem Fan, der im Trost zuspricht. Die ersten Punktverluste der Vereinsgeschichte sind gerade durch den Abpfiff besiegelt worden. 2:2 im Spitzenspiel gegen BW 96 Schenefeld II – der Ausgleich fällt in Minute 87. „Daraus müssen wir alle lernen. In Führung liegend bei einer eigenen Ecke in einen Konter laufen – das wird uns noch einige Tage begleiten“, so Trainer Dirk Hellmann. Die „paar Minuten“, die Mittelfeldmotor Fabian eingefordert hatte, sind um. Die Anhänger feiern immer noch ihr Team, sich selber und eine neue Art von Verein. Eine fast unwirkliche Stimmung für ein Amateurspiel.

„Normal soll es bei uns nicht sein!“ Die Worte von Präsidentin Tamara Dwenger klingen wie ein Versprechen. Bereits bei der Gründung im Juli 2014 erfuhr die Idee neben breitem Zuspruch auch viel Öffentlichkeit. Bei der Trainervorstellung im Januar 2015 kamen über 100 Mitglieder und drei Kamerateams waren anwesend. Der NDR begleitete die ersten Schritte und auch Bezahlsender SKY drehte eine Dokumentation. RTL Nord war mit einem Kamerateam zu Gast. Radio Hamburg, Abendblatt, Bild, MOPO, Zeit, Spiegel, Welt, 11Freunde – die Liste der Medienvertreter ist lang. Alle berichteten und berichten über das Phänomen Falke. Aber warum eigentlich?

Dwenger: „Verwende meine Energie jetzt auf etwas Positives!“

Tobias Herbert bejubelt einen Treffer. Foto: KBS-Picture.de

Im Mai 2014 ist die Ausgliederung der Profiabteilungen beim Hamburger SV beschlossene Sache. Vielleicht der letzte Tropfen bei einigen Anhängern, sich abzuwenden. Unzufriedenheit über verlorene Mitbestimmung und Frust über wachsende Kommerzialisierung, die Gründe sind vielfältig. Für ein paar Mitglieder treffe das zu, doch in Bezug auf die Falken ist ein Schubladendenken à la „die Abtrünnigen“ oder „Anti-HSV“ fehl am Platz. „Natürlich war die Anfangszeit von viel Herzschmerz begleitet. Alle Präsidiumsmitglieder kommen aus der eher ‚kritischen Fanszene’ und zwei hatten auch vorher Ämter in der Abteilung der ‚Fördernden Mitglieder/Supporters Club’ inne. Wir haben sicher kein Blatt vor dem Mund genommen und uns anfangs auch kritisch geäußert. Es wurde vieles auf die Goldwaage gelegt“, denkt Dwenger zurück. Jetzt lebt sie das Vereinsversprechen „dankbar rückwärts, mutig vorwärts“: „Ich habe mich von meiner alten Liebe getrennt. Früher habe ich viele negative Ansätze gefunden, heute verwende ich meine Energie auf etwas Positives!“ Der mitgliederbestimmte Verein fördere die Diskussions- und Streitkultur, die Grundlage des Vereinslebens sei.

„Wir sind in der Lernphase“


Falke ist die neue Heimat, nicht nur für Dwenger und nicht nur für ehemalige oder aktive Rothosen-Anhänger. „Jeder ist willkommen! Man muss nicht Mitglied sein, um zu unseren Spielen zu kommen. Es sind auch viele Leute da, die vorher nicht zum HSV gegangenen sind, weil hier etwas passiert, es Action und guten Fußball zu sehen gibt“, weiß Dwenger um die Strahlkraft, nicht ohne zu betonen, dass das Falke-Blut natürlich schwarz-weiß-blau sei. „Man wird sehen, welche Leute in den nächsten Jahren zu Falke kommen werden. Es bildet sich ein neuer Kreis und jedes Mitglied weiß, dass es aktiv mitmachen kann. Keiner von uns hat bisher einen Verein mit 400 Mitgliedern geführt, auch wir sind in der Lernphase“, gibt Dwenger zu, „nicht jeder muss es gut finden, was wir wie machen, aber hier können und wollen wir darüber diskutieren!“

Superlative und ganz normale Problemfelder

Der HFC Falke ist ein Verein der Amateur-Superlative! 400 Mitglieder, über 280 Dauerkarten wurden verkauft, 350 Trikots sind im Umlauf, sieben Fanclubs hat der Verein, seine offizielle facebook-Seite zählt über 8600 Likes und Spiele der Mannschaft werden, wie zuletzt in Schenefeld, von einer guten dreistelligen Zuschauerzahl verfolgt. Probleme Fehlanzeige?

„Wir plagen uns auch mit ganz normalen Befindlichkeiten einer Amateurmannschaft herum“, verrät Coach Dirk Hellmann. „Wir haben Verletzte wie andere Vereine auch, wir müssen uns um Ausweichmöglichkeiten kümmern, wenn der Trainingsplatz gesperrt ist, und dass wir nicht unbesiegbar sind, haben wir bei der knappen Pokalniederlage gegen Buchholz und in Schenefeld erlebt. Aber ich glaube, es wird uns guttun, dass wir nicht völlig reibungslos durch die Liga marschieren. Der Mannschaft und allen, die Drumherum arbeiten, gebührt ein Riesenlob, wie schnell wir zu einer Einheit zusammengewachsen sind. Das ist das Fundament für die nächsten Jahre.“ Aus organisatorischer Sicht fügt Dwenger an: „Viele denken, dass bei uns alles toporganisiert wie bei einem Bundesligaclub ablaufen muss, aber wir arbeiten alle ehrenamtlich und der Stundenaufwand ist immens. Natürlich würden wir gerne dem hohen Anspruchsdenken gerecht werden, aber wir können nicht jede Mail umgehend beantworten. Wir wollen aber nicht jammern, doch es wird eine große Herausforderung sein, wie wir uns zukünftig aufstellen.“

Hin zum ehrlicheren, regendurchtränkten, dreckigen Kick

Routinier Christopher Dobirr (M.) erntet Schulterklopfer. Foto: KBS-Picture.de

Die Entwicklung schreitet voran – und aus sportlicher Sicht? Die Mannschaft belegt nach 14 Spielen Rang eins, hat die meisten Tore erzielt (71) und die wenigsten gefangen (7).
„Nach der halben Spielzeit können wir sagen, dass wir sportlich angekommen sind“, freut sich Hellmann über die eingeschlagene Entwicklung. „Spiele wie das Pokalspiel gegen Komet oder Buchholz und das Remis in Schenefeld schweißen emotional zusammen“, erklärt Dwenger die Fansicht. „Der HFC Falke war ja eine Kopfgeburt. Es ist spannend zu sehen, wie sich die Zuneigung entwickelt. Der Prozess steht erst am Anfang.“ Trotz Kreisklasse: Leistungsorientierter Fußball, so die Maßgabe. „Eines ist doch klar, wären wir jetzt Zehnter, dann hätten wir nicht den Zuschauerzuspruch. Es geht nur mit leistungsbezogenem, attraktiven Fußball“, so Dwenger. Die Pokalpartie gegen den Oberligisten Buchholz steht sinnbildlich für das Vorhaben. Lange Zeit führte der Underdog, musste sich am Ende unglücklich mit 1:2 geschlagen geben.

Derzeit betreibt der HFC Falke Werbung für den Amateurfußball. Ähnlich wie bei Altona 93, HSV Barmbek-Uhlenhorst oder dem Hamburger SV III scheint ein entgegengesetzter Trend einzusetzen. Weg von der „Rund-um-die-Uhr-Profifußball-Beschallung“, hin zu einem ehrlicheren, regendurchtränkten, dreckigen Kick auf den Plätzen der Region. „Wir wollen einfach zeigen, dass es auch einen alternativen Weg gibt, und jeder ist dazu eingeladen, diesen mit zu bestimmen“, hofft Dwenger auf weitere Wegbegleiter. Der Wow-Effekt hält jedenfalls ungebremst an – und das nicht nur an einem nassen Freitagabend.

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