Oberliga Hamburg
16. Spieltag


FC Türkiye

4

:

2


Wedeler TSV

Anpfiff

Di - 17.04. 18:30 Uhr

Spielstätte

Landesgrenze

Zuschauer

78

Schiedsrichter

Florian Pötter (FC Voran Ohe)

Der Glaube lebt: Türkiye trumpft in Unterzahl auf!

Jubel und Freude beim FC Türkiye nach dem 2:1 durch Boris Shtarbev, der von seinen Teamkollegen Tolga Tüter und Sascha de la Cuesta geherzt wird.

„Wir hatten keine Bindung zum Spiel, keine Griffigkeit, gar nichts! Ein mannschaftlicher Totalausfall – komplett“, fand Michael Fischer zu dem, was seine Equipe über mehr als eine halbe Stunde lang ablieferte, deutliche Worte. Gleiches galt für die Pausenansprache: „Ich habe die Jungs gefragt: ‚Was trainiere ich hier eigentlich – eine Assi-Mannschaft? Da habe ich keinen Bock drauf!‘ Ich habe eine klare Ansage gemacht, gewisse Dinge strikt verboten und ihnen gesagt, dass ich möchte, dass sämtliche Emotionen in das Spiel gehen.“ Und was die Akteure des FC Türkiye dann auf das Parkett im „Estadio de la Hügel“, wie Fischer den Platz an der Landesgrenze taufte, brachten, „ist unfassbar“ gewesen, wie Fischer meinte – und zwar im absolut positiven Sinne.

Vor dem Spiel war Wedel-Interimscoach Thorsten Zessin noch guter Dinge.

„Natürlich mache ich mir Sorgen“, entgegnete Thorsten Zessin mit vehementem Blick, als die Frage zum Abstiegskampf kam – und führte erklärend aus: „Weil wir damit rechnen können oder müssen, dass St. Pauli runtergeht und es vier Absteiger geben könnte. Die ganze Zeit wurde immer überall gesagt, dass wir die Punkte schon irgendwo holen werden. Aber das tun wir eben nicht! Und jetzt sind wir in einer Spirale drin…“ Daran änderte auch der Trainerwechsel – Jörn Großkopf musste gehen, Zessin übernahm interimsmäßig – nichts, den die Elbstädter am Montag vollzogen. Und das, obwohl es lange Zeit sogar sehr gut aussah, was der WTSV zeigte. So gut, dass man als Außenstehender annehmen konnte, dass die Mannschaft nach der Großkopf-Trennung eine richtige Reaktion zeigen wollte. „Wir haben super gespielt, all das, was wir uns vorgenommen haben, sehr gut umgesetzt und waren total diszipliniert“, so Zessin, dessen Elf nach gut 20 Minuten folgerichtig und hochverdient in Führung ging, als Marcus Richter einen langen Abschlag von Keeper Stefan Steen, der dafür einen Scorerpunkt einsackte, per Flachschuss aus 14 Metern halblinker Position ins lange Eck veredelte (21.). Kein Wilhelmsburger fühlte sich in jener Situation für den Torschützen verantwortlich.

„Jetzt ist hier Ruhe im Karton – ich habe die Schnauze voll!“

Während Boris Shtarbev (re.) ein gutes Spiel machte und traf, flog Tim Jeske (li.) in der Nachspielzeit vom Platz.

Doch dann kam es zur vermeintlich spielentscheidenden Szene: Türkiyes Roman Schmer wurde von Tim Jeske gefoult und bekam einen Freistoß zugesprochen. An sich erstmal nichts Außergewöhnliches. Aber die Situation eskalierte. Schmer bekam versehentlich die Hand von Jeske ins Gesicht und deutete daraufhin einen Tritt an, den er zwar nicht durchzog, doch allein der Versuch ist strafbar – und so sah der „Sechser“ glatt Rot (34.)! Schmer verlor völlig die Fassung, baute sich vor Schiedsrichter Florian Pötter (FC Voran Ohe) auf und schrie ihn mehrfach an: „Ist das dein Ernst?!“ Die Wilhelmsburger waren zu jener Zeit mehr mit dem Unparteiischen als mit dem Spielgeschehen beschäftigt, was auch Fischer auf die Palme brachte: „Jetzt ist hier Ruhe im Karton – ich habe die Schnauze voll!“, faltete er seine Mannen zusammen, bei denen 34 Minuten lang rein gar nichts zusammenlief und nun war man auch noch in Unterzahl. Was sollte da noch gehen? Die Antwort: eine ganze Menge! Mit der allerersten Chance brachte Tolga Tüter, der nach einem Eckball von Sascha de la Cuesta die Konfusion im Wedeler Strafraum nutzte (40.), die Hoffnung wieder zurück. Doch die Stimmung war einem Ausgleichstreffer noch immer nicht angemessen, was offenbar auch Kapitän de la Cuesta bemerkte und seine Teamkollegen nach dem 1:1 direkt zusammenrief und zu einem Kreis versammelte, indem er einige Worte an seine Mitspieler richtete. „Da hat er ein sehr gutes Gespür für die Situation gehabt“, lobte Fischer seinen „Capitano“ hinterher.

Zessin: „Es ist Wahnsinn und läuft komplett gegen dich“

In der zweiten Halbzeit mit ernster Miene am Spielfeldrand: Thorsten Zessin.

Währenddessen war bei den bis dato starken Elbstädtern „direkt nach der Roten Karte ein Bruch drin“, wie auch Zessin befand. „Es ist verdammt schwer, zu erklären. Alle haben einen Tick weniger gemacht und der Gegner war auf einmal gallig und hat sich gepusht.“ Und weiter: „Wir sind momentan eben nicht so stabil, dass wir das verkraften. Aus dieser Delle sind wir nicht mehr richtig rausgekommen. Da hast du sofort gemerkt, wie die Körpersprache negativ wurde. Da kann man im Vorfeld so viel erzählen und so oft darauf hinweisen wie man möchte, das passiert alles in den Köpfen. Da kannst du dich dann auch nicht mehr gegen wehren, die Beine werden schwer, man fängt an, negativ zu denken – und dann passiert das eben. Es ist einfach Wahnsinn!“ Und es sollte noch viel schlimmer kommen. Keine 120 Sekunden nach Wiederanpfiff signalisierte der Assistent mit seiner Fahne, dass ein 17-Meter-Freistoß von Boris Shtarbev von der rechten Strafraumkante, den Steen mit den Fingerkuppen noch an den Innenpfosten lenkte, die Torlinie überquert haben soll. 2:1 Türkiye! „Ich weiß nicht, ob der drin war. Es sah jedenfalls sehr komisch aus und läuft dann komplett gegen dich. Er schießt flach, wir springen alle hoch. Und dann erholst du dich in unserer Situation leider nicht davon“, so Zessin. Nachdem Moslehe mit einem ungenauen Querpass auf Richter den vermeintlichen Ausgleich leichtfertig vergab (55.), legten die – wohlgemerkt in Unterzahl agierenden – Hausherren nach. Mümin Mus verlängerte eine Flanke von Burak Ören spektakulär ins lange Eck – 3:1 (57.)!

Wedel kommt zurück und verpasst Ausgleich - Tüter trocken, Jeske fliegt

Nach dem 4:2-Erfolg in Unterzahl schöpfen die Wilhelmsburger wieder Mut und Hoffnung.

Wedel wehrte sich, hatte durch Agyemang, der freistehend drüber schoss (58.), und Jan Eggers, dessen Freistoß an die Latte klatschte (76.), den Anschluss auf dem Fuß. Was denen nicht gelang, besorgte dann der eingewechselte Nikolaj Rörström, der nach Moslehes missglücktem Abschlussversuch keine große Mühe mehr hatte und aus sieben Metern links unten einschoss (77.)! Nun ging es noch einmal hin und her. Richter hätte nach einem Eggers-Eckball per Kopf eigentlich ausgleichen müssen (84.), stattdessen sorgte Tüter nach einem langen Pass von Ozan Gencel aus der eigenen Hälfte mit einem satten Schuss aus halbrechter Position in den Winkel für die Entscheidung (90.)! Eine komplett überflüssige Aktion leistete sich in der Nachspielzeit Tim Jeske, der Gegenspieler Shtarbev in die Bande checkte und den roten Karton sah (90. +2)! „Er wollte sich die fünfte Gelbe abholen, weil er am Wochenende eh nicht da ist. Dann mache ich das aber ein bisschen anders – ganz ehrlich. Das ist schon bitter“, ärgerte sich auch Zessin, der die 55-minütige Überzahl seiner Elf in der augenblicklichen Situationen eher als Nachteil empfand: „Das glaube ich schon, dass es für uns nicht gerade hilfreich war.“ Erfolgreich verlief der Abend hingegen für den FC Türkiye – und das, obwohl es lange nicht unbedingt danach aussah: „Mein Co-Trainer (Ömür Kaplan; Anm. d. Red.) machte das Aufwärmprogramm, kam in die Kabine und sagte: ‚Wenn wir so spielen, wie wir uns Warmmachen, kriegen wir Fünf.‘ Es ist halt eine Kopfsache. Und man darf nicht vergessen, dass alles Menschen und keine Maschinen sind. Ich weiß nicht, ob die Lockerheit heute zu groß war.“

„Ich würde eine dieser Jacken bekommen, wenn ich sage, der Glaube ist nicht mehr da“

Im weiteren Verlauf der Partie konnte man jene Lockerheit jedoch als Trumpf ausspielen. „Ich denke mal, was ‚Dela‘ den Jungs gesagt hat und was ich ihnen in der Halbzeit mitgegeben habe, haben sie hervorragend umgesetzt. Da kann ich nur den Hut vor ziehen. Ich finde in der zweiten Halbzeit kein Haar in der Suppe – und das kommt bei einem Michael Fischer selten vor!“ In seiner gewohnt süffisanten Art beantwortete „Fischi“ derweil die Frage nach dem noch vorhandenen Glauben an den Klassenerhalt: „Es gibt ja diese Jacken, wo du vorne Ärmel hast und diese hinten zumachst. Ich würde ja drei von denen angezogen bekommen, wenn ich jetzt sagen würde, dass der Glaube ich nicht mehr so da ist, nachdem wir ein Spiel gewonnen haben. Nur weil Pinneberg auch gewonnen hat, werde ich einen Teufel tun und sagen, dass unser Glaube runtergeht. Das ist vielleicht beim HSV nach dem Sieg von Mainz der Fall. Aber bei uns sind noch ein paar Mannschaften mit drin, die vor drei, vier Wochen noch nicht damit gerechnet haben und eigentlich schon weit weg waren. Wir bleiben geduldig und machen unsere Hausaufgaben Stück für Stück.“


Das umstrittene Freistoßtor von Boris Shtarbev zum 2:1 im Video. War der Ball drin?

Jan Eggers zirkelt einen Freistoß an die Latte

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