Oberliga Hamburg
20. Spieltag


FC Türkiye

1

:

2


SV Rugenbergen

Anpfiff

Sa - 27.01. 11:30 Uhr

Spielstätte

Karl-Arnold-Ring/Kunstrasen

Zuschauer

35

Schiedsrichter

Marvin Vogt (SV Börnsen)

Oberliga

Bönningsteder Lebenszeichen, Basta! „Das ist Abstiegskampf – den muss man auch annehmen!“

Aleksa Basta (li.) bejubelt seinen Treffer zum 2:0 für den SV Rugenbergen. Tom Burmeister eilt als erster Gratulant herbei. Foto: noveski.com

In der 36. Minute platzte Türkiye-Kapitän Sahin Taflan endgültig der Kragen: „Ey, bewegt euch doch mal! Ihr steht da alle rum und guckt euch an!“, schimpfte er wie ein Rohrspatz – und versuchte, seine Teamkollegen endlich wachzurütteln. Die Wilhelmsburger waren zu jenem Zeitpunkt im so wichtigen „Kellerkick“ gegen den SV Rugenbergen (alle Highlights im LIVE-Ticker) noch überhaupt nicht auf dem Platz. „In der ersten Halbzeit wollten alle die Murmel laufen lassen und haben sich wahrscheinlich gefreut, dass sie endlich wieder auf dem Platz sind, dabei aber komplett vergessen, dass zum Fußball zwei Tore dazu gehören. Einmal das eigene Tor zu verteidigen und das andere, um anzugreifen. Aber wir haben einfach auf Ballhalten und ohne jegliche Zielstrebigkeit gespielt“, brachte es Türkiye-Trainer Daniel Sager auf den Punkt.

Pascal Haase (Mi.) brachte die Bönningstedter nach einem blitzsauberen Spielzug in Führung, verspürte aber auch keinerlei Gegenwehr. Foto: noveski.com

Zwei Beispiele für das Verteidigen des eigenen Tores: Ohne jeglichen Gegnerdruck durfte Jan Schrage in der elften Minute einen „Diago“ aufnehmen, verarbeiten und den Ball scharf vors Gehäuse bringen. Ebenso ungehindert konnte Pascal Haase die flache Hereingabe in der Mitte zur Gäste-Führung veredeln. Selbst SVR-Coach Nils Hachmann zeigte sich überrascht über die Freiheiten: „Ja, der Raum war ja komplett auf“, entgegnete er auf Nachfrage – und fügte in Bezug auf eine Szene in der Schlussminute des ersten Durchgangs an: „Mich ärgert das vermeintliche 3:0, wo wir das gleiche machen.“ Diesmal stand Haase aber einem Schuss von Schrage im Weg und verhinderte damit den vermutlich sicheren Einschlag (45.).

Basta verdoppelt die Führung

Das 2:0 für die Gäste: Aleksa Basta (li.) jagt die Pille nach einer Eckenvariante ungehindert ins Tor. Foto: noveski.com

Zwischen beiden Situationen ereignete sich ein weiteres Defensiv-Dilemma der Wilhelmsburger auf dem ungewohnten Geläuf am Karl-Arnold-Ring, da sowohl die Landesgrenze als auch die Fährstraße nicht bespielbar sind: Bei einer Haase-Ecke von rechts, flach in den Rückraum ausgeführt, schauten die Hausherren nur zu, so dass Patrick Hoppe unbedrängt aus elf Metern Maß nehmen konnte, den Ball aber nicht voll traf. Machte jedoch nichts, da Aleksa Basta am langen Pfosten ebenfalls sträflich frei stand und das Runde ins Eckige beförderte (26.)! „Ich fand, dass wir zur Halbzeit verdient 2:0 geführt haben. Trotzdem sind wir nicht dazu in der Lage, das einfach runter- und die richtigen Räume anzuspielen. Vorne hatten wir viel zu viele Ballverluste und standen gefühlt 15-mal im Abseits – das bricht uns fast noch das Genick“, so Hachmann.

"Das habe ich nie trainiert, wie man nicht ins Abseits läuft"

Die Miene von Türkiye-Kapitän Sahin Taflan ist klar - verbunden mit der Frage: "Wohin mit dem Ball?", haderte er mit der fehlenden Bewegung. Foto: noveski.com

In der Tat. Die Räume zum Kontern waren mehrfach vorhanden. Doch die Angreifer der Bönningstedter stand unzählige Male in der verbotenen Zone und verschenkten die aussichtsreichen Möglichkeiten. „Das habe ich auch nie in meinem Trainerlehrgang oder in meinem Praxisbereich trainiert, wie man nicht ins Abseits läuft“, hatte Hachmann hinterher gut lachen. „Ob der Ball zu spät gespielt ist oder das Reinlaufen nicht stimmt, das müssen wir uns nochmal anschauen. Dass wir vielleicht auch nicht die Raketen vorne haben und auf Kante spielen müssen, ist auch klar. Aber das sind 15 Ballverluste für uns.“

Türkiye konnte daraus aber keinerlei Kapital schlagen. Trotz vieler langzeitverletzter Rückkehrer gelang den Sager-Schützlingen lange Zeit nichts. In der 72. Minute setzte der Übungsleiter mit einem Dreifachwechsel nochmal neue Impulse. Und tatsächlich. Die Hausherren kamen noch einmal zurück – allerdings unter gütiger Mithilfe der Gäste. Anders wäre es an diesem Tag wohl auch nichts mehr geworden. Eine Hereingabe von Yigit Yagmur bugsierte Denis Urdin per Grätsche in die eigenen Maschen (76.)! Ausgerechnet Urdin, der nach einem Kreuzbandriss endlich zurück ist und mit seiner Erfahrung ein wichtiger Stabilisator in der Rückrunde sein soll. „Wir bauen ihn ganz bewusst ein. Auch wenn er mal im Laufduell den Kürzeren zieht. Aber er coacht wenigstens. Ansonsten redet bei uns keiner. Bei einem Theaterstück wären wir vermutlich taubstumm“, vertraut Hachmann auf den Routinier.

Rugenbergen macht sich das Leben selbst schwer - Hachmann erleichtert

Der Anschluss für die Wilhelmsburger - und wie sollte es auch anders sein, als durch ein Eigentor: Denis Urdin (Mi.) grätscht das Runde ins eigene Eckige. Foto: noveski.com

Da Rugenbergen die Räume katastrophal schlecht ausspielte und Türkiye urplötzlich zurück war, wurde auch Hachmann an der Seitenlinie immer nervöser: „Ihr macht euch das selber schwer“, erkannte er. Und doch zitterten seine Mannen den Sieg am Ende über die Zeit, weil den Hausherren nach einem Handspiel von Tom Burmeister, dem die Kugel beim Klärungsversuch nur und ausschließlich an den Oberarm sprang, ausblieb (84.). Während Sahin Taflan ernüchtert niederkniete und Metekaan Yilmaz enttäuscht zu Boden sank, zeigte Hasan Karaca nach Abpfiff die während der 90 Minuten notwendigen Emotionen und geriet mit Jannick Wilckens Kopf an Kopf aneinander. Enttäuschte Mienen auf der einen, strahlender Gesichter auf der anderen Seite.

Natürlich sei eine gewisse Erleichterung da, freute sich Hachmann über das Lebenszeichen seiner Bönningstedter. „Wir hatten unter der Woche wieder viele Ausfälle. Was ich aber ganz gut fand: Wir haben nicht so viele stumpfe Standards verursacht. Das war ein Manko in der Hinrunde, wo wir auch sechs, sieben Spiele über Standards verloren haben. Aber wir hatten heute auch alles an Größe dabei. Wenn uns da noch was passiert wäre, dann hätte ich auch nicht weitergewusst. Ich bin heute einfach mal froh, dass wir nicht noch das Gegentor kurz vor Schluss gekriegt haben, müssen uns aber schon auch hinterfragen, warum wir es mit so vielen guten Herrenspielern nicht geschafft haben, mehr Ruhe reinzukriegen.“ Die Hoffnung auf die Aufholjagd und den Klassenverbleib lebt. „Aber wir gucken nur von Spiel zu Spiel. HR wurde vor der Saison schon abgeschrieben. Aber die holen ihre Punkte, weil sie körperlich und mental sehr gut sind“, sollte man auch den SVR noch nicht abschreiben.

"Die haben das gemacht, was sie können – und das besser als wir"

Türkiye-Torjäger Michel Netzbandt (li.) hatte einen schweren Stand - und konnte sich diesmal nicht entscheidend in Szene setzen. Foto: noveski.com

„Brutal“ erschrocken zeigte sich hingegen sein Gegenüber von der Darbietung seiner Mannen in der ersten Hälfte. „In der zweiten Halbzeit war das ein bisschen besser. Zwar nicht mit wirklich durchdachten Aktionen, aber wenigstens hatten wir ein paar Torraumszenen“, konstatierte Sager. Die Situation ohne große Vorbereitung aufgrund der Witterungsverhältnisse sei „für alle beschissen. Keiner weiß, wo er steht. Wir haben nicht einmal gespielt und standen nur einmal wirklich auf dem Platz. Aber das soll gar keine Ausrede sein. Das ist Abstiegskampf – und das muss man annehmen. Das haben wir zu wenig und Rugenbergen mehr gemacht. Die haben das gemacht, was sie können – und das besser als wir“, resümierte ein ehrlicher Sager.

"Alles andere würde ich auch schlimm finden"

SVR-Keeper Patrick Hartmann (Mi.) ballt vor Freude die Faust. Die Bönningstedter melden sich im Abstiegskampf zurück. Foto: noveski.com

Und weiter: „Das Gesamtbild ist einfach ärgerlich, weil wir heute die Möglichkeit hatten, bei bestem Wetter ein wirklich gutes Spiel abzuliefern und in der ersten Halbzeit eigentlich gar nichts abgeliefert haben. Nach der Pause war zumindest die Einstellung da und der Versuch, auf das gegnerische Tor zu pressen. Aber wir haben einen direkten Konkurrenten mit drei Punkten weggehen lassen und überhaupt nicht das gezeigt, was wir eigentlich können.“ Dementsprechend waren die Mienen nach Schlusspfiff. „Alles andere würde ich auch schlimm finden, wenn du gegen Rugenbergen als Verlierer vom Platz gehst und dann auch noch mit lachenden Gesichtern rumläufst“, erwiderte Sager abschließend.