09.09.2019

Eine Liga der zwei Welten – und den Preis zahlen die „Kleinen“

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture.de

In unserer Kolumne „Abpfiff“ greifen wir die wichtigsten Themen der vergangenen Woche im Hamburger Amateur-Fußball auf und kommentieren diese. In dieser Woche geht es um die momentanen Platzierungen und Entwicklungen der vier Hamburger Mannschaften in der Regionalliga Nord. 

Es ist auffällig. Wenn man auf die aktuelle Tabelle der Regionalliga Nord schaut, dann stellt man schnell fest: Die Hamburger Teams hängen, mit Ausnahme der Platzierung von Eintracht Norderstedt, im untersten Tabellenkeller fest: Die Reserve des Hamburger SV steht auf dem 14. Platz, direkt dahinter folgt Altona 93. Die Zweitvertretung des FC St. Pauli II ist derzeit auf dem 16. Rang zu Hause. Keine rosige Zwischenbilanz – man darf aber bei der Betrachtung dieser Momentaufnahme nicht vergessen: Es ist eben nur eine Momentaufnahme, in der St. Pauli II und der HSV II sogar – ebenso wie die Eintracht, die am Mittwoch das zuletzt wegen eines Gewitters abgebrochene Begegnung gegen den HSC Hannover nachholt – noch ein Spiel weniger absolviert haben. Nämlich das direkte Derby gegeneinander. Und dennoch bleibt die Frage: Warum klappt's bei den Hamburger Mannschaften (noch) nicht?

Es ist nur eine Momentaufnahme – aber es wird schwer für die Hamburg-Teams

Finanziell hinken die Teams von Norderstedt-Coach Jens Martens (li.) und St. Pauli II-Trainer Joachim Philipkowski so manchem anderen Regionalligisten hinterher. Foto: KBS-Picture.de

Beginnen wir mit Altona. Der AFC muss wieder einmal den Sprung von der Ober- in die Regionalliga managen. Ein Schritt, der rein von der Klassenzugehörigkeit vergleichsweise schnell erledigt ist. Meister werden, die Aufstiegsrunde überstehen – und schon ist man in der „Regio“. Doch damit allein ist es nicht getan, in Wirklichkeit ist der Schritt zwischen diesen beiden Ligen – das bestätigt einem jeder Experte – groß. Urplötzlich misst man sich nicht mehr nur mit den Teams aus seiner Stadt, sondern ganz anderen Kalibern aus dem gesamten Norden. Nicht nur die Infrastruktur sondern auch der Kader muss den neuen Herausforderungen angeglichen werden. Projekte, die Geld kosten – und bei denen die Investition in Steine einfacher ist als selbige in Beine. Spieler, die Regionalliga-Format haben, sind nicht ganz billig. Und mit einem Neuen dieses Formates allein ist es schließlich auch nicht getan. Kurzum: Die Regionalliga ist ein Kraftakt, um sich erst einmal überhaupt das Rüstzeug anzuschaffen, das man braucht, wenn man nicht gleich – so wie der AFC vor zwei Jahren – direkt wieder den Abflug zurück in die Oberliga machen will. Vor der laufenden Spielzeit hat Altona aus den Versäumnissen vor der letzten AFC-Regionalliga-Saison gelernt und adäquat „eingekauft“. Aber: Wer – so wie das FussiFreunde-Sonderheft verrät – 15 Zugänge vor einer Spielzeit holt und dann auch vor dem Ende der Transferfrist in der vergangenen Woche nochmal „nachbessert“, der muss wissen, dass der Prozess der Integration, das Zusammenwachsen zu einer schlagkräftigen Einheit eben Zeit benötigt.

Zeit, die auch Eintracht Norderstedt noch braucht. Genau wie an der Griegstraße wurde auch im Edmund-Plambeck-Stadion vorm Start in die Spielzeit ein veritabler Umbruch vollzogen – und das, wo die Eintracht doch in ihrer alten Besetzung schon einige Jahre „Regio“ auf dem Buckel hatte. Doch eben genau da lag in der Vorsaison der sprichwörtliche Hund begraben: Wer „EN“ in der Serie 2018/2019 betrachtete, wurde nicht nur einmal den Eindruck nicht mehr los, als müssten diese eingefahrenen Strukturen innerhalb der Mannschaft einfach mal aufgerissen und aufgefrischt werden, um statt Stillstand Fortschritt zu erreichen, nachdem man nur knapp am Absturz in die Oberliga vorbei geschlittert war und erst auf den allerletzten Drücker den Klassenerhalt perfekt machen konnte. Gesagt, getan – und so ist der Kader des inzwischen gleichberechtigten Trainer-Duos Jens Martens/Olufemi Smith inzwischen zwar modifiziert, aber auch hier greift das „Altona“- beziehungsweise Erneuerungs-Phänomen: Die Rädchen können de facto nicht von heute auf morgen direkt wieder ideal ineinandergreifen. Feintuning ist keine Sache, die binnen ein paar Spieltagen abgehandelt werden kann. Da aber lauert das nächste Problem: Hat man diese Zeit überhaupt noch in dieser für „kleine“ Vereine zum „Haifischbecken“ gewordenen Regionalliga? Wer nicht direkt funktioniert, wird gefressen. Von der Konkurrenz, die bisweilen viel größere finanzielle Mittel hat als die, über die zum Beispiel der AFC oder „EN“ verfügen. Unter diesem Aspekt wäre es vielleicht wirklich einmal reizvoll, einen finanziell eher auf Rosen gebetteten Club wie die TuS Dassendorf oder „T05“ in dieser Spielklasse zu erleben.

Eine Frage, wie man sich selbst sieht: Aushängeschild, Ausbildungsclub oder Aufsteiger

Auch Altonas Trainer Berkan Algan (re.) weiß, dass es für den AFC in der Regionalliga Nord schwer wird – trotz aller Überzeugung vom Klassenerhalt. Foto: KBS-Picture.de

Die infrastrukturellen Probleme müssten auch diese beiden erst einmal gelöst bekommen – Stichwort Spielstätte. Was aber das kickende Personal angeht, so sind beide durchaus dafür bekannt, dass sie gern und gut investieren – auch wenn die TuS sich diesmal vorm Start in die laufende Oberliga-Saison mal nicht im (aller)obersten Regal bedient hat. Was die Voraussetzungen wie Stadion und Umfeld angeht, sind mit dem HSV II und dem FC St. Pauli II angeht zwei der vier Hamburger Vertreter in Norddeutschlands höchster Spielklasse solcher Probleme ledig. Aber: Auch hier läuft's noch nicht. Gucken wir uns den FC St. Pauli an: Einzig Christian Stark (von HSV II) und Cemal Sezer (vom VfB Lübeck) sind externe Neuzugänge, das komplette andere neue Spielermaterial kommt aus der eigenen A-Jugend. Man ist – in Anlehnung a den Vornamen von Coach Philipkowski – geneigt, zu sagen: Jung, jünger, Joachims junge Meute. Dass ein so junges Team im Vergleich mit Teams, in denen sich ein gestandener Regionalliga-Spieler an den anderen reiht, natürlich ein Defizit an Erfahrung hat und Lehrgeld bezahlen muss, ist absehbar. Die daraus resultierende Tatsache, dass die Braun-Weißen nicht ganz oben mitspielen, ebenso. Dass die Arbeit von „Piepel“ bei „Pauli“ dadurch aber schlecht ist – Quatsch! Im Gegenteil. Man nehme Namen wie Christian Conteh, Ersin Zehir oder vor Jahren Jan-Marc Schneider, die ins eigene Profilager schnupperten oder sich dort fest spielten. Auch ein Sirlord Conteh reifte unter Philipkowski, ehe er in die Dritte Liga nach Magdeburg wechselte.

Der HSV II hat als einziger der vier Hamburger Vereine vorm Saisonstart seinen Trainer gewechselt. Hannes Drews löste – mit Zweitliga-Erfahrung gesegnet – den in der Außendarstellung blassen Steffen Weiß ab. Ergo: In diesem Fall braucht nicht nur das Team untereinander Zeit, um zusammenzuwachsen. Es muss sich auch erst an den neuen Coach und seinen (Spiel-)Stil gewöhnen – und umgekehrt eben auch der Trainer ans Team. Erneut also ein Prozess, der nicht von heute auf morgen vonstatten gehen kann und bei dem Rückschläge, so wie bei allen anderen drei Hamburg-Clubs auch, einkalkuliert werden sollten. Selbst bei den beiden „Unterbau-Teams“ der Profis muss man letztlich konstatieren: Rein finanziell ist diese Regionalliga eine Liga der zwei Welten. Ein Club wie der Erstligist VfL Wolfsburg hat mit seiner „Zweiten“ beispielsweise ganz andere Rahmenbedingungen und Möglichkeiten als die Hamburger Zweitligisten mit ihren „U-Teams“. Vom Vergleich zwischen den „Wölfen“ und Altona oder Noderstedt ganz zu schweigen. Es ist und bleibt eben eine Frage, wie man sich selbst sieht: Als Aushängeschild, Ausbildungsverein oder Aufsteiger. Allein dieser Vergleich zeigt die Ungleichheit. Es wird schwer für die vier Hamburger Teams – auch wenn's derzeit nur eine Momentaufnahme ist. Den Preis zahlen am Ende (leider) meistens die „Kleinen“... 


Jan Knötzsch 

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