23.09.2017

Zwei Welten beim „Ehemaligen-Treffen“: Türkiye gefällt, Billstedt zerfällt

Hausherren schießen V/W mit 5:0 ab

Sascha de la Cuesta traf per Elfmeter zum zwischenzeitlichen 2:0 für Türkiye. Foto: KBS-Picture

„Wir haben ihn diese Woche einige Male hier gesehen“, verriet Dennis Kreutzer vor dem Anpfiff des Spiels. Der Coach des FC Türkiye meinte damit Onur Tüysüz. Der Stürmer des heutigen Widersachers SC V/W Billstedt spielte einst selbst für die Wilhelmsburger, pflegt immer noch ein ordentliches Verhältnis zu seinem Ex-Club und stand in Billstedt in der vergangenen Saison – so wie auch einige Jetzt-Türkiye-Kicker – noch unter den Fittichen Kreutzers und seines Trainerkollegen Gökhan Acar. Klar, dass man da mal beim Gegner vorbeiguckt – und vielleicht auch ein bisschen stichelt. Nach dem Spiel aber verließ Tüysüz geknickt den Rasen des Sportplatz Landesgrenze.

Und er war mit seiner Ernüchterung nicht allein. Schon während des Spiels lehnte Aydin Taneli konsterniert an der Werbebande vor der Trainerbank der Gäste. Der Trainer des SC V/W Billstedt führte das eine oder andere Mal die Hand ans Kinn und verharrte in Denkerpose. Einige Minuten später schlug „Tanne“ die Hände vorm Gesicht zusammen. Und in noch einer anderen Szene platzte es lautstark verbal aus ihm heraus. Keine Frage: Taneli war frustriert. Nicht nur Gestik und Mimik, sondern auch die Farbe seiner Kleidung – vom schwarzen Oberteil über die schwarze Hose bis hin zu den schwarzen Schuhen – passte irgendwie zur Stimmung des Coaches. Er erlebte mit seiner Mannschaft nicht anderes als einen schwarzen Nachmittag.

Taneli: „Mit weiteren Auftritten wie heute steigen wir definitiv ab“

Konnte nicht mehr hinsehen: Billstedts Trainer Aydin Taneli war enttäuscht vom Auftritt seiner Equipe. Archivfoto: noveski.com

Entsprechend laut wurde es nach dem Spiel in der Kabine, wohin Taneli seine Mannschaft sofort unmittelbar nach dem Abpfiff beorderte. „Hat man das draußen gehört“, fragte Taneli, als er schließlich wieder herausgekommen war. Hatte man deutlich. Aber klare und kritische Worte waren nach der Darbietung der Gäste auch angebracht. „Wir brauchen nicht darüber zu reden: Mit weiteren Auftritten so wie heute steigen wir definitiv ab“, gab Taneli offen und ehrlich zu, „die Euphorie, die wir am Anfang der Saison hatten, ist verschwunden. Wo auch immer sie hin ist. Wir sind jetzt im Alltagsgeschäft und ihm dem heißt es, in jeder Einheit Gas zu geben und präsent zu sein und auch in den Spielen immer wieder auf das Limit zu kommen und über 100 Prozent zu geben. Man muss leider sagen: Das tun wir gerade seit einer langen Zeit nicht.“ Damit, so Taneli weiter, „zerfällt auch das, was uns am Anfang der Saison noch stark gemacht hat: das Kämpferische und die Willensstärke, nicht aufzugeben.“

Exakt von dieser Gegenwehr war im Auswärtsspiel beim FC Türkiye in Reihen der Gäste absolut nichts zu sehen. Die Hausherren benötigten entsprechend nur ganze zehn Minuten, um in Führung zu gehen. Bilyal Mustafov war es, der dann den Ball quer von links nach rechts durch den V/W-Strafraum spielen konnte und damit Boris Shtarbev bediente, der in Höhe des zweiten Pfostens schließlich das Spielgerät in die Maschen beförderte. Die nächste zwingende Aktion für Türkiye besaß Abdulah Beckmann, der mit Risiko aus der zweiten Reihe abzog und Keeper Tim Wiegand zur Faustabwehr zwang (17.). Nur zwei Minuten später gab es fast auf der Torausline einen Freistoß von der linken Seite, den de la Cuesta trat und der an der Hand von Billstedts Sandjar Ahmadi endete. Elfmeter! De la Cuesta schnapte sich das Leder, verlud Wiegand und versenkte die Kugel im vom Schützen aus gesehen unteren rechten Eck zur 2:0-Führung für die Heimmannschaft, die anschließend nach einem Foul an Ozan Gencel (26.) vehement aber vergebens einen weiteren Strafstoß forderte. Schiedsrichter Rico Zander (SV Blau-Weiß 21 Jarmen) ließ weiterlaufen.

Nach dem 2:0 zur Pause legen die Hausherren in Hälfte zwei dreifach nach

V/W-Abwehrmann Fatih Okur musste zur Pause verletzt raus. Foto: Heiden

Apropos weiterlaufen – das galt auch für die Angriffe des FCT: Shtarbev legte mit einem klugen Pass in den Rücken der Abwehr für de la Cuesta auf, der daneben zielte (30.). Danach spielte de la Cuesta eine Ecke nicht in den Strafraum, sondern auf den in der zweiten Reihe postierten Beckmann, der aus 20 Metern draufhielt. Wiegand konnte per Fuß klären (31.). Fünf Minuten vor dem Seitenwechsel versuchte sich dann auch Billstedt endlich mal in der Vorwärtsbewegung, profitierte dabei aber von einem Missverständnis zwischen Keeper Yannick Jonas und seinen Vorderleuten. Keiner fühlte sich dazu berufen, Kevin Hoffmanns Flanke zu klären, so dass die Kugel Tüysüz vor die Füße fiel, der sie in Richtung Tor schoss. Dort konnte Mustafov so gerade noch vor der Linie den Anschlusstreffer verhindern (41.). Gleiches tat in der 44. Minute dann auch Schlussmann Jonas, als er gegen Oliver Kunkel lange oben blieb und Billstedts Stürmer, der zuvor von Tüysüz per Kopf bedient worden war, an ihm scheiterte.

Nach Wiederbeginn konnte sich auf der anderen Seite Tim Wiegand auszeichnen, als er einen Kopfball vom Mustafov, der nach einer de la Cuesta-Ecke hochgestiegen war, sehenswert aus dem Winkel fischte (55.). Doch auch der Torwart der Billstedter konnte nicht verhindern, dass der Ball zwei Minuten später ein weiteres Mal im Netz lag. Wieder hatte de la Cuesta eine Ecke in den Sechzehner geschlagen. Gencel köpfte Richtung Tor, Wiegand war irgendwie noch dran, lenkte den Ball aber Mekan Barlak vor die Füße, der mühelos zum 3:0 für die Gastgeber einschob (57.). Vorm Türkiye-Tor herrschte dann zwei Zeigerumdrehungen danach hektische Betriebsamkeit. Tüysüz hatte Torwart Jonas nach einem Zuspiel bereits umkurvt, doch seinem Schuss, der möglicherweise den Anschlusstreffer bedeutet hätte, stellte sich Mustafov in den Weg und bereinigte die Situation, indem er die Kugel aus der Gefahrenzone schlug.

Kreutzer bremst: „Wir müssen bescheiden an die Sache rangehen“

Coach Dennis Kreutzer mahnt trotz der fünf Treffer zur Bescheidenheit. Foto: Heiden

Der Rest des Spiels ist schnell erzählt: Der eingewechselte Tolga Tüter scheiterte nach 64 Minuten an Wiegand und vergab ebenso wie de la Cuesta mit einem Heber, der noch in der gleichen Minute über das Tor ging, das 4:0. Selbiges gelang dann nach 78 Minuten dem ebenfalls eingewechselten Michael Löw, der der Nutznießer war, als Wiegand eine Flanke von rechts unglücklich an den Pfosten verlängerte. Die Kugel sprang Löw vor die Füße und er beendete den Angriff. Treffer Nummer fünf ging ebenfalls auf das Konto eines Eingewechselten: Medeni Kaya erlief de la Cuestas tollen Steilpass in die Spitze, umkurvte Wiegand und sorgte für den Schlusspunkt (83.). „Wir haben gegen einen Gegner, der sehr tief gestanden hat und bisher für viele Mannschaften unangenehm war, 5:0 gewonnen. Das ist gut. Unsere Jungs neigen natürlich immer dazu, dass man einen Gegner noch weiter auseinandernehmen muss. Aber wir müssen bescheiden an die Sache rangehen“, sagte Türkiye-Trainer Dennis Kreutzer und erklärte: „Es war zwar etwas anderes als sonst, weil einige von uns gegen ihren Ex-Verein gespielt haben, aber wir haben nur auf uns geguckt, weil wir vorher einige Punkte zuhause liegengelassen hatten.“

Wie es ist, wenn man Punkte, die man gerne hätte, nicht holt, weiß nach der Serie der anfänglichen Unentschieden der Billstedter inzwischen auch Aydin Taneli. „Die Willensstärke, die uns zu Beginn ausgezeichnet hat, fehlt jetzt enorm. Wenn genau das in unserem Teamspirit verloren geht, dann haben wir ein Problem. Wir sind nicht diejenigen, die durch drei, vier Leute durchmarschieren können und das entscheidende Tor machen. Wir kommen nur über den Teamgeist“, gab der V/W-Übungsleiter zur Protokoll und erklärte: „Diese Eigenschaft müssen wir so schnell wie möglich wiederbekommen.“ Es bringt nichts, so Taneli weiter, „wenn wir die Schuld vom einen zum anderen weiterschieben. Heute haben die Spieler die Schuld immer wieder bei ihren Teamkollegen gesucht, obwohl sie selbst die Schuldigen waren. In solchen Momenten muss man selbst die Verantwortung für seine eigenen Fehler übernehmen, sich entschuldigen oder aber mal hinterherlaufen und kämpfen, wenn etwas nicht klappt. Machen wir das weiterhin nicht so, dann wird es für uns im Abstiegskampf sehr schwierig. Wir müssen uns jetzt nochmal schnell zusammenfinden.“

Jan Knötzsch 

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