11.03.2018

Zwei Einwürfe, ein 60-Meter-Solo - und der Kostic-Gedächtnis-Elfer

Sieben Tore und geschichtsträchtiger Wedel-Sieg

Jan Eggers (3. v. li.) bejubelt zusammen mit Marcus Richter seinen glücklichen Elfer zur 3:2-Führung. Foto: KBS-Picture.de

11.03.1973: In Argentinien werden erstmals seit der Machtübernahme des Militärs 1966 Wahlen durchgeführt. Warum dieser polithistorische Rückblick mit Hilfe der Daten von „chroniknet.de“? Ganz einfach. An jenem 11. März 1973 gewann der Wedeler TSV mit 2:1 beim SC Condor. Na und? Von wegen. Es war nämlich der bis heute letzte Sieg der Elbstädter bei den „Raubvögeln“! Mehr Motivation geht eigentlich nicht. „Das haben wir tatsächlich in der Kabine thematisiert, dass wir heute die Geschichte wiederholen können“, offenbarte WTSV-Trainer Jörn Großkopf im Nachgang. Um es vorweg zu nehmen: Sein Team schaffte auf den Tag genau 45 Jahre danach Historisches.

Dabei sah es zunächst gar nicht danach aus. Zwar waren es die Gäste, die das aktivere, spielbestimmende und bessere Team waren – aber die eklatanten Aussetzer in der Defensive bringen das Großkopf-Ensemble immer wieder in arge Nöte. Bestes Beispiel: Die 35. Spielminute. Gökhan Iscan klärte am eigenen Sechzehner, woraufhin Nico Weiser tief in der eigenen Hälfte zu einem Solo ansetzen und schnurstracks über Dreiviertel des Platzes durchmarschieren durfte. Drei Wedeler Verteidiger orientierten sich ausschließlich in Richtung des kreuzenden Jannick Martens, schon hatte Weiser freie Bahn und veredelte seinen Alleingang mit einem coolen Abschluss aus 15 Metern ins lange Eck! Fassungslosigkeit bei den Gästen, die in jener Szene im Zentrum keinen Zugriff fanden (suchten). Dieses Tor war bereits das zwischenzeitliche 2:1 für den SCC. Schon zuvor ging es munter und mitunter kurios zur Sache.

Zwei Einwürfe, zwei Bälle im Spiel - egal!

Jan Eggers (li.) - hier gegen Gökhan Iscan - zeigte vor allem in der ersten Hälfte eine starke Vorstellung. Foto: KBS-Picture.de

Denn: In Minute zehn führten die Condoraner einen Einwurf in gleich doppelter Ausführung aus. Klingt komisch, war es auch. Denn Referee Florian Pötter (FC Voran Ohe) ließ, obwohl kurzzeitig zwei Bälle im Spiel waren – der eine in der Condor-Hälfte, der andere weit in den Wedeler Gefilden –, einfach weiterlaufen. Für wenige Augenblicke ging es getreu dem Motto „Zweikämpfe hüben wie drüben“ zu. Daraus resultierend: Ein Eckball für die Farmsener, den Iscan auf den Kopf von Ken Niederstadt zirkelte – und der Abwehrrecke traf wuchtig zum 1:0! Die Wedeler Offiziellen, allen voran Trainer Jörn Großkopf, waren außer sich. Doch der (umstrittene) Treffer zählte. Dennoch: Die Reaktion des WTSV fiel beeindruckend aus. Eine einstudierte Eckenvariante, eine herausragend präzise Eggers-Flanke und ein schulbuchmäßiger Agyemang-Kopfball – 1:1 (18.)!

Weiser wieder schwer verletzt? - Wedel nutzt Überzahl

Kommen wir noch einmal zum 2:1-Schützen Nico Weiser: Der Jungspund, der zuletzt immer wieder von schwerwiegenden Verletzungen zurückgeworfen wurde, musste kurz nach der Pause wieder vorzeitig die Segel streichen. Die ersten Befürchtungen: Der Angreifer klagte über Schmerzen im Kreuzband-geschädigten Knie und musste gestützt von der Anlage gebracht werden. Bleibt nur zu hoffen und zu wünschen, dass es diesmal nichts Ernstes ist! Da sich zur selben Zeit allerdings auch René Jozic verletzte und Condor zunächst nur einmal wechselte (Woike: „Wir mussten tatsächlich erst überlegen, wie wir das nun lösen“), waren die Hausherren für wenige Momente in Unterzahl. Dies bestrafte Wedel prompt. Ali Moslehe bediente Eric Agyemang, der auf einmal selbst überrascht schien über den Platz, der sich ihm bot. Seinen Schuss aus halblinker Position könnte Sascha Kleinschmidt zwar noch entschärfen, gegen das Nachsetzen von Tim Jeske war er aber chancenlos – 2:2 (57.)! Eine Menge los am Berner Heerweg, was allerdings kaum überraschen dürfte, schließlich boten beide Mannschaften in der jüngeren Vergangenheit bereits stets reine Spektakel, wenn es zum direkten Aufeinandertreffen kam.

Kostic-Elfer, aber mit Erfolg - Woike: „Haben die Quittung bekommen“

Er hat ihn - oder: Nein, doch nicht! Sascha Kleinschmidt muss den Strafstoß passieren lassen. Foto: KBS-Picture.de

Nach zäher und von vielen Unterbrechungen geprägter Anfangsphase im zweiten Durchgang übernahm Wedel mit fortlaufender Zeit wieder klar das Kommando. Es brach die 81. Minute an, als Eric Agyemang im gegnerischen Strafraum im Duell mit Philipp Körner urplötzlich zu Boden sank und Pötter auf den Punkt deutete. Jan Eggers lief an und brachte den Ball in allerbester Filip-Kostic-Manier aufs Tor. Der Unterschied: Kostic‘ Versuch im Spiel des HSV gegen Mainz wurde von FSV-Keeper Müller nahezu mühelos entschärft, Eggers‘ Schuss rutschte Kleinschmidt durch – 2:3! Spätestens nach dem Befreiungsschlag von Christian Najjar und der Coolness des eingewechselten Marcus Richter – neben Nicolaj Rörström der einzig einsatzbereite Akteur auf der Bank, auf der sogar „Oldie“ Marco Schabacker Platz nahm –, der Kleinschmidt freistehend keine Abwehrchance ließ (87.), schien der Drops gelutscht. Aber nicht mit diesen beiden Mannschaften! Denn Wedel offenbarte noch einmal erhebliche Schwächen im Defensivverbund und ermöglichte Mike Theis die mustergültige Vorlage für André Kossowski, der aus kurzer Distanz keine Mühe mehr hatte (89.). Doch – trotz vierminütiger Nachspielzeit – blieb es beim historischen 4:3-Triumph der Elbstädter!

Condor-Coach Woike, der am Saisonende seine erfolgreiche Arbeit bei den Mannen vom Berner Heerweg beenden wird, vor dem Spiel von Wedel-Sportchef Frank Ockens ein „Abschiedspräsent“ erhielt und im Nachgang mit warmen Worten von Großkopf bedacht wurde, bilanzierte: „Ich habe Wedel als verdienten Sieger gesehen. Die waren von der ersten Minute an die bessere Mannschaft. Wir sind zwar überraschend in Führung gegangen, hatten aber zu keinem Zeitpunkt Kontrolle über das Spiel. In den letzten drei Partien haben wir insgesamt fünf gute Halbzeiten gespielt – daran haben wir heute nicht annähernd anknüpfen können. Besonders in der ersten Halbzeit haben wir katastrophal gegen den Ball gearbeitet. Es fehlten Bissigkeit und Griffigkeit, dafür haben wir heute die Quittung bekommen.“

Autor: Dennis Kormanjos

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