03.06.2019

Unverhofft kommt oft – doch Wedels Schritt und das HFV-Handeln machen Sinn

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture.de

In unserer Kolumne „Abpfiff“ greifen wir die wichtigsten Themen der vergangenen Woche im Hamburger Amateur-Fußball auf und kommentieren diese. Dieses Mal geht es um die Nicht-Meldung des Wedeler TSV für die kommende Oberliga-Saison und die daraus resultierende Entscheidung des Hamburger Fußballverbandes (HFV), dass die beiden Landesliga-Dritten FC Union Tornesch und VfL Lohbrügge nun gegeneinander antreten und den 18. Oberligisten für die kommende Spielzeit ermitteln.

Und genau diese Entscheidung war unumgänglich. Den HEBC als Tabellensechzehnten, und damit sportlich betrachtet, als einen von drei Regelabsteigern der abgelaufenen Serie nachträglich zum Nutznießer der Wedeler Nicht-Meldung zu machen – es wäre unsinnig gewesen. Eben, weil die Eimsbütteler die Klasse nicht gehalten hatten und als Absteiger feststanden. Auf- geht vor Abstieg – und da sind nun die beiden Drittplatzierten am Zug. Das ist richtig so. Am Zug war nach der Wedeler Entscheidung eben auch der HFV– und der hat sich dabei, das mögen Kritiker vielleicht nicht gern hören, absolut vorbildlich verhalten.

Es gibt bessere Vorbereitungen – aber was sollte der Verband anderes machen?

Die Lohbrügger Trainer Sven Schneppel (li.) und Elvis Nikolic dürfen urplötzlich noch auf den Oberliga-Aufstieg hoffen. Foto: Bode

Keine vorschnellen und mithin vielleicht sogar unbedachten Äußerungen gab es am Samstag, nachdem die Wedeler Nicht-Meldung erst gerüchtweise und dann offiziell publik wurde. Eine angenehme und unaufgeregte Zurückhaltung, die gerade in Zeiten von Nichtmeldungen und Rückzügen sowie den Diskussionen der vergangenen Wochen um den Buxtehuder SV angenehm guttat. Auch, dass die Verantwortlichen in Jenfeld am gestrigen Sonntag – und damit vergleichsweise schnell – eine sinnvolle Entscheidung mitteilten, wie es denn nun weitergeht, muss man ihnen zu Gute halten. Hut ab! Dass diese Situation für alle Beteiligten nicht der „Best case“ ist, sondern eher in Richtung unerwartetes Ende und Abteilung „Worst case“ tendiert, versteht sich von selbst. Eigentlich ist sie sogar überflüssig im Sinne von: Das hätte keiner Wedel gewünscht! Doch auch für die Nutznießer aus Lohbrügge und/oder Tornesch ist es nicht einfach.

Wer gerät schließlich schon gerne in die Lage, dass er irgendwann nach dem Ende der Saison plötzlich noch einmal vom Sofa – oder wahlweise der Pool-Liege auf „Malle“ oder sonst wo – wieder ins Training und auf den Platz muss? Es gibt sicherlich andere, vor allem bessere Vorbereitungen auf ein Spiel, das eine solche Bedeutung hat. Aber was soll(te) der Verband anderes machen? Ihm waren die Hände gebunden, eine Lösung musste her. Andererseits: So unerwartet (und vielleicht ungelegen) dieses „Auf-einmal-müssen-wir-nochmal-ran-Spiel“ kommt: Es ist eine Chance. Eine ideale Gelegenheit, eine Saison nachträglich zu krönen und in Hamburgs Amateur-Oberhaus anzukommen. Andererseits ist es aber eben auch eine Herausforderung. Und das, nicht nur, was das Spiel angeht, sondern auch die Planungen für die kommende Serie betreffend. Einer von beiden Clubs muss am Ende für die Oberliga planen – völlig unerwartet und unvorbereitet. 

Eine Handlung nach Regeln der Vernunft und gegen die finanziellen Auswüchse

Manager Thorsten Zessein (Zweiter v. li.) erlebte kein gutes, aber nachvollziehbares Oberliga-Ende des Wedeler TSV. Foto: Bode

Wie schwer diese Planungen sind – davon weiß man in Wedel nun ein (trauriges) Lied zu singen. Nachdem die Mannschaft in einer unglaublichen Aufholjagd den „Wedel-Wahnsinn“ mit dem Namen Klassenerhalt realisierte, fiel es – so der Wortlaut der Pressemitteilung am Samstag – den Verantwortlichen „sehr schwer, alte und neue Spieler für die nachfolgende Spielzeit zu gewinnen“. Der „Neuaufbau eines schlagkräftigen Kaders“ sei „mit erheblichen finanziellen Aufwendungen“ verbunden, die „wir weder leisten können noch wollen.“ Ein solcher „erneuter Kraftakt“ sei „nach allen Regeln der Vernunft für einen Verein wie den Wedeler TSV nicht tragbar und dementsprechend wenig sinnvoll. Wir müssen feststellen, dass wir Grundvoraussetzungen nicht bieten können.“ Die „Auswüchse im ambitionierten Amateurfußball haben mittlerweile eine Dimension erreicht, die für uns nicht mehr zur rechtfertigen sind“, so die Wedeler. Deutliche Sätze. Ein klares Statement. 

Und eine mutige, konsequente, ja sogar beispielhaft vernünftige Entscheidung, die man ohne großes Hin und Her durchgezogen hat. Was hätte es Wedel schließlich gebracht, mit einem nicht wettbewerbsfähigen Kader an den Start zu gehen? Uns allen hätte in der kommenden Saison ein zweites Lurup oder Pinneberg gedroht – genau das, was Wedel nicht wollte. Und was auch der Rest der Liga nicht gut gefunden hätte. Auch dass sich Wedel in diesem, wie sie sagen, Geld-Wahnsinn nicht an den Tropf eines einzelnen (Groß-)Sponsors hängen will, von dem man abhängig ist und spätestens dann zerbricht, wenn dieser keine Lust mehr hat – es verdient ein Lob. So gesehen haben sie im Elbestadion mit ihrer Formulierung, manchmal müsse man „einen Schritt zurückgehen, um zwei Schritte vorwärts zu kommen“ Recht und den berühmten sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf getroffen. Sich in der neuen Woche für Woche abschießen zu lassen, wäre alles gewesen – aber eben kein(e) Schritt(e) nach vorne. Und wenig sinnvoll.

Jan Knötzsch 

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