Untergang im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs

Der SK Komet 08 und sein Stadtteil Hammerbrook / von Uwe Wetzner

18. März 2015, 05:02 Uhr

Die Aufstiegsmannschaft von Komet 08 (hinten v.l.): Sahling, Winter, Schlichting, Nawrot, Henze, Busch, Witten. (Mitte v.l.): Katze, Lechner. (vorn v.l.): Pogge, Keunecke, Richter. Foto: Archiv Wetzner

Endlich ist der große Tag gekommen. Tausende haben sich mit der Hochbahn vom Berliner Tor aus auf den Weg zum Dammtor gemacht, die letzten Meter in der Rothenbaumchaussee windet sich ein Lindwurm von Anhängern aus Hammerbrook zum Stadion des HSV. Dort treffen sie auf die Fußball-Enthusiasten, die sich aus Alsterdorf auf den Weg gemacht haben. 7.000 sind es beim Anpfiff, eine gewaltige Kulisse für ein Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die Norddeutsche Oberliga Groß-Hamburg, im Sommer 1933 die höchste Spielklasse zwischen Alster, Elbe und Bille.

In der Alsterstaffel der Bezirksliga haben sich der SK Komet 08 und der SC Sperber ein dramatisches Kopf-An-Kopf-Rennen geliefert, das auch nach 22 Spieltagen nicht entschieden gewesen ist: Beide haben 35:9 Punkte erreicht, das bessere Torverhältnis Sperbers interessierte noch nicht, zu dieser Zeit wird bis zur Entscheidung gekickt. Umfassende mathematische Kenntnisse sind noch nicht erforderlich, um einen Sieger zu ermitteln. Nach 90 Minuten steht endlich einer fest, der SK Komet 08 hat sich mit 3:2 durchgesetzt.

Der grenzenlose Jubel um den Klub aus einem der Proletarierviertel Hamburgs ist verständlich, hat er sich doch erstmals in seiner Vereinsgeschichte in die damalige erste Liga gehievt. Lange währt er allerdings nicht. Die Nazis, kaum ein halbes Jahr an der Macht, ordnen die Spielklassen völlig neu. An die Stelle des verhältnismäßig heterogenen Gewimmels von höchsten deutschen Spielklassen mit unterschiedlichen Bezeichnungen, denen um die 500 Vereine angehören, treten 16 Gauligen. Im Norden zunächst die Gauligen Nordmark und Niedersachsen. In der „Nordmark“ ist für den Aufsteiger kein Platz, sie wird aus fünf hamburgischen Klubs, drei aus Schleswig-Holstein und einem aus Mecklenburg gebildet. Der SK Komet 08 muss darunter in der Hammonia-Staffel der Bezirksklasse einen erneuten Anlauf nehmen.

„Wirrwarr von Wohnhäusern und Lagerplätzen“

Entstanden ist der Klub um die Wende zum 20. Jahrhundert. Auf der ursprünglichen Marschniederung Hammerbrook ist nach der Fertigstellung der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahnlinie 1842 mit ihrem Bahnhof am Berliner Tor ein riesiges Arbeiter-Wohnquartier, durchsetzt mit Industrie- und Gewerbebetrieben, buchstäblich aus dem Boden gestampft worden. Auf dem um mehrere Meter aufgeschütteten Gelände quetschen Bodenspekulanten eine Mietskaserne neben die andere, 1910 leben – die allermeisten vegetieren – dort nahezu 60.000 Menschen, in den heutigen Grenzen Hammerbrooks 40.000. „Ein häßliches Wirrwarr von Wohnhäusern, Lagerplätzen, Fabriken, Eisenbahnanlagen, schmutzigen Kanälen und Pferdeställen, untermischt mit grauen Mietskasernen“, nennt das „Hamburger Echo“ die Gegend. Das Viertel selbst nennt sich „Jammerbrook“. Es gehört zu den Arbeiterwohnquartieren, die den Ruf des „roten Hamburg“ begründen, ein großenteils erbärmliches, aber auch ein sehr lebendiges Viertel. 1901 gewinnt Otto Stolten diesen Wahlkreis und zieht als erster Sozialdemokrat überhaupt in die Hamburgische Bürgerschaft ein. 1919 wird er Zweiter Bürgermeister.

Wie so häufig andernorts auch, treibt der Fußball in diesem proletarischen Milieu schnell Wurzeln auf seinem kurzen Weg zum Massensport, der er bereits in den 1920er Jahren geworden ist. In Hammerbrook haben sich einige junge Männer schon 1905 zum „wilden“ SC Delphin zusammengefunden. „Wild“ deswegen, weil er noch nicht dem Norddeutschen Fußball-Verband angehört. Das holen die Kicker 1908 nach und nennen sich seit dem 2. Mai SK Komet Hamburg 08. Es dauert nur wenige Jahre und die Mannschaft in den kornblumenblauen Trikots und weißen Hosen hat ihren speziellen Ruf. Ebenso wie der Oscar-Keßlau-Sportplatz, schon damals ein staubiger, enger Grandplatz. „Da herrschte stets eine besondere Atmosphäre, sehe ich heute noch manche Anhänger in den Bäumen sitzen“, erinnerte sich Horst Frese, einer der großen Fußball-Chronisten Hamburgs. Im Schatten dieser Bäume entwickelt sich über die Jahre eine Spielkultur, Komet steht für technisch gepflegten Kombinationsfußball, der in seinen besten Zeiten mit dem „Schalker Kreisel“ verglichen wird.

4.000 Besucher erleben in Hammerbrook ein 2:9

Das untergegangene Hammerbrook mit der damaligen Hochbahn-Strecke nach Rothenburgsort am Nagelsweg. Foto: Archiv Wetzner

In der Aufstiegsrunde zur Gauliga Nordmark wird davon den Gegnern Viktoria Wilhelmsburg, Schleswig 06 und der Spielvereinigung Oldesloe schwindelig. Am 30. Juni 1937 fiebern 4.200 zahlende Zuschauer auf dem Oscar-Keßlau-Sportplatz mit, als Komet mit einem 3:0 gegen Schleswig 06 das Ziel seiner Träume erreicht: Aufgrund der besseren Tordifferenz gegenüber Oldesloe gelingt endlich der Aufstieg zum Erstligisten.

Der grenzenlose Jubel weicht aber schnell der Ernüchterung, die höchste Staffel des Nordens ist buchstäblich eine andere Liga. 4.000 Besucher erleben in Hammerbrook zum Saisonstart ein 2:9 gegen den ETV, besonders Nationalstürmer Otto Rohwedder zeigt sich erbarmungslos und hämmert gleich fünf seiner gefürchteten „Striche“ aus großer Entfernung ins Komet-Tor. Die Namen der ersten „Erstliga-Torschützen“ Komets – Nawrot und Busch – sollen aber nicht verschwiegen werden. Es dauert, bis die Hammerbrooker sich an das Gauliga-Niveau gewöhnt haben. Sie starten mit drei Heimspielen, das nächste geht gegen Polizei Lübeck 0:3 in die Hose, danach folgt ein 1:2 gegen Victoria. Nach einem 2:6 bei Borussia Harburg ist die Gewöhnungsphase offensichtlich beendet. Mit einem sensationellen 10:1 bei Wilhelmsburg 09 wird nicht nur ein historischer Sieg, der erste in der Gauliga, eingefahren, sondern auch der Grundstein für den Klassenerhalt gelegt. Im Sommer 1938 haben die Hammerbrooker sich Rang sieben in der Zwölferstaffel erkämpft.

In den kommenden Jahren verlagern sich die Kämpfe zunehmend ins wahre Leben. Die für den Zweiten Weltkrieg notwendige Kriegsmaschinerie vereinnahmt das Alltagsleben, immer mehr Vereinen fehlen die Fußballer, sogenannten Kriegsspielgemeinschaften aus mehreren Vereinen müssen gebildet werden, um am Ende den Spielbetrieb überhaupt noch aufrechterhalten zu können. Seinen sechsten Rang im Sommer 1939 erkämpft Komet noch allein, in der Spielzeit 1939/40 muss die Gauliga bereits zweigeteilt werden und Komet in der Staffel B als Sechster und Letzter zurück in die Hammonia-Staffel der 1. Klasse Hamburg.

Absurde Fußnote der Kriegsgeschichte

Wie zum Hohn auf die große Tragödie, die Hamburg und besonders Hammerbrook in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 ereilt, gelingt Komet in einer Kriegsspielgemeinschaft zusammen mit Hermannia Veddel genau zu dieser Zeit der Wiederaufstieg in die Gauliga Hamburg. Genau genommen ist es kein Wiederaufstieg, denn es gehören nur noch zehn hamburgische Klubs dieser Staffel an, anders lässt sich der Spielbetrieb in diesem fortgeschrittenen Stadium des Kriegs nicht mehr bewerkstelligen. In dieser Nacht der „Operation Gomorrha“, der Bombenangriffe englischer und US-amerikanischer Fliegerverbände auf Hamburg, wird nahezu der gesamte Stadtteil Hammerbrook ausgelöscht, 12.000 Menschen krepierten allein hier im Inferno des Feuersturms. Dem Erdboden gleichgemacht, wäre der falsche Ausdruck, dazu ist das Trümmergebirge zu hoch. „Totalschadengebiet“ nennt es das Behördendeutsch. Dass die KSG Hermannia Komet bis zum Saisonende 1945 Bestand hat, das inmitten dieser Zerstörung von allem, was menschliches Leben ausmacht, überhaupt noch ein Spielbetrieb durchgeführt wird – eine absurde Fußnote der Kriegsgeschichte.

Der ursprüngliche Stadtteil Hammerbrook hat bis auf winzige Reste aufgehört zu existieren. Das Wohnhaus Grüner Deich 165-169 und der Industriehof an der Hammerbrookstraße 93, mehr nicht. Dem Hammerbrooker Nachbarstadtteil Rothenburgsort ist es ähnlich ergangen, eine Fusion Komets mit dem Rotenburgsorter Fußball-Klub und dem Hamburg-Rotenburgsorter Turnverein, quasi ein Zusammenschluss der Totalschadengebiete auf sportlicher Ebene, ist die einzige Chance zum Neubeginn. Am 22. März 1947 wird sie vollzogen. Der TuS Hamburg von 1880 ist gegründet, „TuS“ wird anfänglich mit „Trümmer und Schutt“ übersetzt.

Aus dem ehemals vor Leben quirlenden Stadtteil, jahrzehntelang als städtische Brachfläche vorgehalten, ist mittlerweile die Bürowüste City-Süd geworden. Ein zweites Mal haben Bodenspekulanten in Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern ganze Arbeit geleistet. Heute leben in Hammerbrook kaum mehr als 500 Menschen, Fußball wird auf dem Oscar-Keßlau-Platz im Schatten des Berliner Bogens, mit 14.000 qm Glasfläche Europas größtes Glasgebäude, aber immer noch gespielt. Die Sportvereine Benfica, Sporting Clube und Störtebeker SV teilen sich diese vergessene, aber historische Fußballecke. Der TuS Hamburg hat einige hundert Meter entfernt am Gesundbrunnen eine neue Heimat gefunden.

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