Union 03 im Konzert der Großen

Ungarische Wunderknaben und ein Sieg über Juventus / von Uwe Wetzner

06. Mai 2014, 08:05 Uhr

Prall gefüllte Tribünen am Kreuzweg: Unions Keeper Heyne nimmt dem „sagenumwobenen“ György Orth den Ball vom Kopf.

Die Phantasie der meisten Menschen dürfte nicht ausreichen, um sich vorzustellen, dass an diesem Ort einmal hamburgische Fußball-Geschichte geschrieben worden ist. Tag für Tag quält sich ein nicht enden wollender Lindwurm von Autos durch die Stresemannstraße am Kaltenkircher Platz vorbei. Kaum jemand verschwendet einen längeren Blick auf den im Architekturchic der 1970er Jahre gehaltenen Betonklotz des zentralen Paketpostamts oder die lieblose, funktionale Gewerbegebietsarchitektur des riesigen Großmarktgebäudes.

Nur die Reste der Gründerzeitbebauung gegenüber deuten noch darauf hin, dass dieser Ort einmal ein attraktives Wohngebiet im noch preußischen Altona gewesen ist. Mit direktem Bahnanschluss, denn anstelle des Paketpostamts stand in den 1920er Jahren noch der Kaltenkircher Bahnhof, Endpunkt der Altona-Kaltenkirchen-Neumünster Eisenbahn AG, kurz AKN.
Zwischen Bahnhof und Stresemannstraße wird bis in die 1950er Jahre hinein tatsächlich hamburgische Fußballgeschichte geschrieben. Am Kreuzweg ist 1913 das gleichnamige Stadion des SC Union 03 errichtet worden. Eine Anlage mit einem ursprünglichen Fassungsvermögen von 25.000 Zuschauern, ausgestattet mit einer imposanten, überdachten Tribüne. Hier messen sich in den 1920er Jahren die „Jonier“, damals ein Großklub mit fast 2.000 Mitgliedern, auf Augenhöhe mit dem HSV, dem SC Victoria und Altona 93.

Als einer der ersten deutschen Vereine leistet sich Union 03 seit 1921 einen „Übungsleiter“, den Ungarn Gyula Kertesz. Englischer, ungarischer oder österreichischer Fußball sind dem deutschen zu dieser Zeit weit voraus. Während es in diesen Ländern bereits Berufsfußballer gibt, wird bei Union 03 erst unter Kertesz ein regelmäßiges Training eingeführt. Der große Fußball hält Einzug am Kaltenkircher Bahnhof. Kertesz lässt seine Verbindungen spielen und holt 1922 den ungarischen Serienmeister MTK Budapest an den dann ausverkauften Kreuzweg. Noch im selben Jahr macht sich Union 03 auf eine Europa-Tournee nach Dresden, Prag, Wien und Budapest. Dabei reißen die Feierabendkicker ein hammerhartes Programm von sieben Auftritten innerhalb von elf Tagen ab.

„Ein Fußball-Phänomen“

Dabei werden Verbindungen geknüpft, die es erlauben, den Kreuzweg zumindest vorübergehend auf der Landkarte der großen, weiten Fußballwelt zu platzieren. Natürlich ist es nicht der gute Bahnanschluss, der drei Berufsfußballer des jüdischen Profiklubs Makkabi Brünn veranlasst, zukünftig in Altona die Buffer zu schnüren. 1922 kommt Rechtsaußen Jozsef Künstzler, 1923 Torhüter Elemér Müller und 1924 Halbstürmer Ferenc Hirzer. Insbesondere der 32-fache ungarische Nationalspieler und Olympiateilnehmer von 1924 Hirzer sorgt für Entzücken: „Der ungarische Wunderknabe ist ein Fußball-Phänomen, so eines hatten wir in Hamburg noch nie“, überschlägt sich „Turnen, Spiel und Sport“. Offen rassistisch wird dagegen die Verpflichtung Müllers kommentiert: „Der sympathische Robert Croonen im Tor ist dem Ausländertum zum Opfer gefallen.“
Wesentlich pragmatischer geht der Norddeutsche Fußball-Verband an die Sache heran: Sowohl Künsztler als auch Hirzer spielen für die NFV-Auswahl.

Über Ostern 1924 laden die „Jonier“ sich erneut hohen, internationalen Besuch ein – für Karfreitag ist Juventus Turin, der italienische „Altmeister“ von 1905, für Ostermontag Makkabi Brünn verpflichtet worden. Am Karfreitag wird vormittags gespielt, aber nicht nur deswegen erfüllen sich die Hoffnungen auf eine große Kulisse nicht. Fast alle Traditionsklubs haben sich nämlich namhafte Gäste eingeladen: Der ETV am Karfreitag die Mannschaft von Ring Dresden, am Samstag treten Victoria und der FC Basel gegeneinander an und der HSV spielt gleich zweimal gegen die legendären Corinthians aus London.
Ausgeruht und mit einem großartigen Keeper Robert Croonen holt sich Union gegen „Juve“, das vom Vize-Präsidenten des Fiat-Konzerns Edoardo Agnelli gerade zu einer Profimannschaft hochgerüstet wird, einen Achtungserfolg. „Die Italiener lieferten teilweise ein sehr feines Spiel. Außerordentliche Schnelligkeit paarte sich mit gutem Stellungsspiel. Der 2:1-Sieg der Unionier ist eine sehr achtbare Leistung, die eines Kreismeisters würdig ist“, resümiert „Turnen, Spiel und Sport“ Teil eins des internationalen Osterturniers in Hamburg und Altona. Nicht ganz zufrieden ist Beobachter Paul Dreyer mit dem Drumherum. „Während der Pause wurden diverse Dutzend Brieftauben in die Wolken gelassen. Der Zweck der Übung blieb Geheimnis“, moserte er, und : „Bleibt zu erwähnen, dass die Vorortbahn wie immer versagte. Wann lernen auch hier die Verantwortlichen?“.
Keine Schnitte sieht Union dagegen beim Duell gegen Makkabi Brünn. Die jüdische Mannschaft ist mit einem 5:0 bei Holstein Kiel im Gepäck angereist und liefert auch am Kreuzweg eine eindrucksvolle Vorstellung ab. Croonen – Ruwolt, Reusch – Rieper, Mahncke, Stahlbock – Croonen 2, Thiele, Behn, Bleuel und Jakobsen können von Glück sagen, dass Makkabi es bei einem 3:0 bewenden lässt. „Mit solchen traurigen Darbietungen erregt man mehr Mitleid als Interesse“, kommentiert die Fachpresse.

Eine kleine Katastrophe

Am 21. Juni gastiert dann mit dem MTK Budapest ebenfalls eine richtige Hausnummer am Kreuzweg, immerhin ist der Hauptstadtklub seit 1917 ununterbrochen ungarischer Meister. In seinen Reihen steht der „sagenumwobene“ Angreifer György Orth. „Orth spielen zu sehen, ist für jeden Menschen, der nur ein wenig Sinn für die Schönheit hat, die in der Gewandtheit des menschlichen Körpers liegt, immer ein Hochgenuss. Orth ist nicht ein Spieler wie viele andere, er ist auf seinem Gebiete ein wahrer Künstler. Er hat gezeigt, dass auch das Fußballspiel eine Kunst sein kann, die ästhetisches Wohlgefallen erregt“, dichtet etwa das „Illustrierte Sportblatt“.
Die schmeichelhafte 1:3-Niederlage Unions ist es jedoch nicht, die am Kreuzweg das Wohlgefallen nachhaltig stört. Erneut sorgt eine enttäuschende Kulisse nicht für den erwarteten Geldsegen. Für einen Klub, der sich auf das Abenteuer wie auch immer entlohnter ausländischer Berufsspieler eingelassen hat, eine kleine Katastrophe.

Der Budapester Molnar (Zweiter von links) erzielt gleich den zweiten Treffer für MTK. Unions Stahlbock (links) staunt, Torhüter Heyne, Orth und Reusch springen ins Leere. Fotos: Sammlung Wetzner

Schuld daran ist nicht nur das gewaltige Unwetter, das kurz vor Spielbeginn niedergeht. Deutliches Missfallen erregt auch das Geschäftsgebaren des Konkurrenten vom Rothenbaum. Es ist kaum ein Vierteljahr vergangen, seitdem die beiden Titelträger von Hamburgs zweigeteilter erster Liga sich am 2. März 1924 im Entscheidungsspiel um die hamburgische Meisterschaft gegenüber gestanden haben: 2:1 hat der HSV vor 7.000 Zuschauern gewonnen. „Recht eigentümlich berührte die Maßnahme des HSV, schon vor dem geplanten Wettkampf durch blau-weiße Plakate auf die Begegnung seiner Mannschaft mit dem MTK am kommenden Sonnabend im Bahrenfelder Stadion „gebührend“ hinzuweisen – zum großen Schaden Unions, wie leicht zu beweisen war“, kritisiert „Turnen, Spiel und Sport“ das Konkurrenzgebaren des HSV. Rudolf Agte, verantwortlich für diese aggressiven Methoden, kümmerte die Kritik wenig. Der am Rothenbaum als Spieler, Vorstandsmitglied, Mitglied des Spielausschusses und manchmal auch als Trainer Tätige, eckt ständig überall an, wenn es nicht so läuft, wie er sich das vorstellt. Gleichzeitig prägt aber auch ein gesamtes Jahrzehnt. Offene Worte scheint er nie gescheut zu haben. So endet seine Zeit beim HSV im Januar 1929 auch standesgemäß nach einem Streit.

Bei Union 03 hat sich unterdessen auch das Verhältnis zum ungarischen Star Künsztler deutlich abgekühlt. Aufgrund von „Renitenz gegen die Trainingsvorschriften und gegen die Person Kertesz“ ist der Rechtsaußen suspendiert worden. Doch damit sollte noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Im Sommer 1925 lockt Juventus Turin mit soviel Geld, dass Ferenc Hirzer über die Alpen nach Norditalien wechselt. „Sang- und klanglos hatte er sich verdrückt, ohne seinen Freunden vom Kreuzweg noch einmal die Hand zu drücken“, moralisiert „Turnen, Spiel und Sport“ dem hinterher, den die Zeitschrift zu Zeiten, als Union 03 noch mehr Geld als andere zahlen kann, noch so enthusiastisch begrüßt hat. Mit seinem neuen Klub wird Hirzer 1926 italienischer Meister und erzielt im Verlauf der Saison in 26 Partien 35 Tore. Eine Marke, die in Italien nur einmal übertroffen wird. In der Saison 1928/29 von Gino Rosetti, der für den FBC Turin 36 Treffer erzielt.
Am Kreuzweg darf fortan von der großen, weiten Fußballwelt nur noch geträumt werden. Nichts erinnert heute am Kaltenkircher Platz noch an diese Zeit. Mit viel Phantasie kann man sich in Unions heutigem, seit Jahren im Wachkoma vor sich hindämmernden Stadion an der Waidmannstraße in alte Zeiten zurückversetzen.

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