Oberliga

Türkiye-Trauer und Sasel-Säuernis: „Das war weit unter den Ansprüchen, die wir haben!“

11. September 2022, 18:09 Uhr

Marc-Oliver Timm (Mi.) rettet in höchster Not vor dem startenden Michel Netzbandt (re.). Foto: Brussolo

Niedergeschlagene Mienen hüben wie drüben. Auf der einen Seite die Spieler des FC Türkiye, die bis zum Umfallen kämpften, sich mit Leidenschaft gegen den Ausgleich stemmten und unzählige überaus aussichtsreiche Kontersituationen, die zum wohl vorentscheidenden 2:0 hätten führen können, wenn nicht gar müssen, auf leichtfertigste Art und Weise „verschenkten“ (alle Highlights im LIVE-Ticker). Und dort ein Danny Zankl, der wie ein Rohrspatz schimpfte, mächtig bedient, angefressen und phasenweise sogar am Rande der Verzweiflung war.

Heißer Zweikampf um den Ball: Türkiyes Inan Türkad (li.) vs. Sasels Deran Toksöz. Foto: Brussolo

Türkiye-Torsteher Tobias Braun marschierte unmittelbar nach Abpfiff in Richtung Ersatzbank und haderte: „Spielen wir die Chancen aus, fahren wir mit 5:1, 6:1 nach Hause!“ Neben ihm fluchten vereinzelte Spieler der Wilhelmsburger. Torjäger Michel Netzbandt konnte es kaum fassen. „So unnötig“, schimpfte er. Während Vitor Cadilhe Branco, der etliche Konterchancen nicht zum krönenden Abschluss brachte, ein lautstarkes „Fuck“ über die Lippen ging.

Wenige Augenblicke zuvor bestraften die lange Zeit ratlos wirkenden Gäste vom Parkweg den (Konter-)Chancenwucher der Hausherren, als endlich mal schnell, zielstrebig und nach Plan von Zankl gespielt wurde. Marc-Oliver Timm bediente auf dem rechten Flügel Maximilian Grünberg, der postwenden querlegte. Und Deran Toksöz streichelte das Spielgerät aus 15 Metern halbrechter Position mit der Innenseite in den linken Giebel – 1:1 (90. +2)! Die erste gelungene Aktion der an diesem Tag unglaublich fahrigen und fehlerbehafteten Saseler.

"Du spielst meinen Plan, nicht deinen!"

Philip Pettersson (re.) behält bei einem ruhenden Ball die Lufthoheit. Foto: Brussolo

Bereits in den ersten 45 Minuten schimpfte Zankl an der Seitenlinie mehrfach. Vor allem mit der Art und Weise von Samuel Hosseini war der Coach der „Parkwegler“ alles andere als einverstanden: „Du spielst meinen Plan, nicht deinen!“ Auch kurz nach Wiederanpfiff, als Fatih Umurhan einen Ball ins Nichts spielte, platzte es aus dem TSV-Trainer heraus: „Die machen, was sie wollen!“ Und kurz vor dem glücklichen Ausgleichstreffer konstatierte er: „Ich kann hier doch nicht jeden Spieler fernsteuern!“

Hinterher holte Zankl zur großen Generalkritik aus. „Ja, die Mängelliste ist lang“, entgegnete er – und fügte prompt an: „Ich muss aufpassen, was ich sage, weil du das Spiel hier niemals Unentschieden spielen darfst. Das fühlt sich wie eine Niederlage an!“ Obwohl seine Mannen in der Nachspielzeit noch zum glücklichen Ausgleich kamen. „Wie oft wir alleine durch eine richtige Positionierung durch die Schnittstellen in die Tiefe gekommen sind. Aber wir haben in der ersten Halbzeit kläglich abgeschlossen. Das ist unbegreiflich! Gehst du hier 1:0 in Führung, müssen die sich auch am Spiel beteiligen. Das darf man hier niemals Unentschieden spielen!“

"Entweder mangelnde Qualität oder man war mit dem Kopf nicht da"

Deran Toksöz (Mi.) bewahrte den TSV Sasel in der Nachspielzeit mit seiner technischen Klasse vor einer Niederlage und rettete zumindest einen Punkt. Foto: Brussolo

Auf Nachfrage, ob er sich zumindest etwas über den Last-Minute-Punkt freuen könne, konterte Zankl: „Gerade kann ich mich über gar nichts freuen, weil wir uns hier selbst geschlagen haben. Ich hatte das Gefühl, hier alles fernsteuern zu müssen.“ Auch in buchstäblich letzter Sekunde. Auf der einen Seite rutschte Medeni Kaya nach einer Stafette über Inan Türkad und Netzbandt nur um Millimeter am 2:1 vorbei. Im Gegenzug hatte Toksöz 17 Meter vor dem Tor freie Schussbahn, zielte dieses Mal aber zu ungenau. „Für mich ist das eine Überzahlsituation, aber wir schießen aus der zweiten Reihe. Ich habe hier ganz viele Entscheidungen von den Spielern gesehen, die ich nicht verstehen kann. Ich weiß nicht, woran es liegt. Entweder es ist mangelnde Qualität oder man ist mit dem Kopf nicht hier gewesen.“ Denn: „Der Raum war da, die Möglichkeiten waren da – aber einige sind heute daran gescheitert. Das muss man ganz klar so sagen.“

"Was mich am meisten gestört hat: Dass wir nicht unserem Plan gefolgt sind"

Der unglückliche Samuel Hosseini (Mi.) mit einer ungenauen Ballannahme gegen Albin Bektesi (li.). Foto: Kormanjos

Zankls Bilanz: „Das ist sowohl ein Ergebnis als auch ein Spiel, was weit unter den Möglichkeiten und Ansprüchen ist, die wir haben. Und das nicht, weil der Gegner uns dorthin gedrängt hat, dass wir schlecht sind, sondern weil wir selbst nicht in den zweiten und dritten Gang gekommen sind. Das ist schade. Und deshalb tut es so weh.“ Schon im ersten Abschnitt habe er „viele Arschloch-Bälle“ von seinen Mannen gesehen. 


„In der Halbzeit konnte ich sieben Spieler aufzählen, die mindestens einen krassen Ballverlust hatten, wo wir dann in einen Konter laufen, ohne dass wir Gegnerdruck hatten. Das waren krass schlampige Aktionen – und da kann sich auch keiner rausnehmen. Was mich aber am meisten gestört hat – und deswegen habe ich es auch immer wieder von außen anmoderiert: Dass wir einfach nicht unserem Plan gefolgt sind. Dazu kam die individuelle Schlampigkeit – und das ist keine gute Kombination!“

Wicke bestrafte Saseler Fehlerkette - Chancenwucher bei Kontern

Auch der Führungstreffer der Sager-Schützlinge basierte auf Unzulänglichkeiten der Gäste. Umurhan hob das Abseits auf, Torwart Todd Tuffour stürmte etwas übermotiviert aus seinem Gehäuse – und Türkiye nutzte das eiskalt aus. Netzbandt legte für Beraat Sarikaya ab, der das Leder über die Kette chippte. Demian-Coray Wicke war auf und davon, kam deutlich vor Tuffour an den Ball und hob das Runde aus 18 Metern über diesen hinweg ins Eckige (52.)! Netzbandt (58., 64.), Cadilhe Branco in einer Vier-gegen-Zwei-Situation (66.), Türkad per Distanz-Geschoss und Oguz Koras freistehend im Nachsetzen (70.) – alle verpassten das zweite wohl vorentscheidende Tor. „Letztendlich hat da die Entschlossenheit gefehlt. Und wir haben oft die falsche Entscheidung getroffen. Das ist ärgerlich. Aber das sind Entscheidungen, die ich den Jungs auch überlasse. Die müssen daraus lernen. Wenn sie zukünftig noch zielstrebiger und entschlossener werden, dann wird man dafür auch belohnt.“ Stattdessen kam es so, wie es fast kommen musste…

"Vor sechs Wochen hätte ich das angenommen - heute nicht"

Albin Bektesi (li.), der zur Halbzeit verletzt in der Kabine bleiben musste, gegen Tolga Celikten. Foto: Brussolo

„So, wie das Spiel gelaufen ist, musst du eigentlich die drei Punkte hierbehalten. Sasel war natürlich balldominant und hat eigentlich das ganze Spiel gemacht. Aber wir hatten unsere Konter – auch schon in der ersten Halbzeit. Wenn wir die besser ausgespielt hätten, wärst du hier als Gewinner vom Platz gegangen“, befand Daniel Sager. „Übers ganze Spiel war eigentlich nichts Zwingendes dabei, deshalb tut das so extrem weh!“ Ob er das Angebot, den einen Punkt im Vorfeld mitzunehmen, angenommen hätte? „Vor sechs Wochen hätte ich das bejaht. Aber jetzt hätte ich gesagt, dass ich gerade hier jedes Spiel spielen will. Also wäre ich darauf nicht eingegangen.“

Autor: Dennis Kormanjos

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