06.04.2017

Tolle Transfers und die Frage nach dem Reiz der „Regio“

Abpfiff – die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture

Ab sofort greifen wir an dieser Stelle unter dem Titel „Abpfiff“ in unserer Kolumne die Geschehnisse des Wochenendes und die wichtigsten Themen im Hamburger Fußball auf und kommentieren diese. Diesmal geht es um die Neuzugänge und die Ambitionen der TuS Dassendorf sowie den Stellenwert der Regionalliga aus Hamburger Sicht. 

Es sind große Neuigkeiten, die die TuS Dassendorf da am heutigen Donnerstagmorgen quasi zum Frühstück auf dem Tablett servierte. Drei Neuzugänge. Davon einer ein Rückkehrer. Einer ein gestandener Oberligaspieler. Und eben ein Kicker, der bei seinem Noch-Club absoluter Stammspieler ist. In der Regionalliga! Quasi ein Zugang ganz oben aus dem Regal. Ein Schmankerl aus der fußballerischen Gourmet-Abteilung – zumindest aus der, die für einen Oberligisten noch erschwinglich ist. Nun ist die TuS Dassendorf aber eben kein „ganz normaler“ Oberligist, sondern einer, der das Glück hat, für solche sprichwörtlichen Einkaufs-Touren eine schöne Summe in die Tasche gesteckt zu bekommen. So wie die kleinen Kinder, die vielleicht früher von den gutherzigen Großeltern mal was zugesteckt bekamen. Der „gebefreudige Großvater“ in Dassendorf hört bekanntlich auf den Namen Michael Funk.

„Guckt mal, wir sind auch noch da“: Dassendorfs Wink an die Konkurrenz

Ein Mann mit Klasse und Erfahrung: Der künftige Dassendorfer Jeremy Karikari (re.). Foto: KBS-Picture

Nun kommt es nicht aller Tage vor, dass ein gestandener Regionalliga-Kicker vom Format eines Jeremy Karikari, den sein Mitspieler Marin Mandic unlängst noch als „Abwehr-Gott“ lobte, in die Oberliga wechselt und dort gleich einen Vertrag über drei Jahre unterschreibt. Nun ist es aber auch so, dass Karikari künftig in Dassendorf nicht der einzige Kicker mit derartiger Klasse sein wird. Dass die TuS gerne mal den einen oder anderen höherklassig erprobten Fußballer an den Wendelweg lotst, ist nichts Neues. Namen wie Marcel von Walsleben-Schied, Marcel Lenz, Amando Aust oder der inzwischen nach Wedel gewechselte Eric Agyemang lassen grüßen. Aber sie werfen, im Moment speziell durch Karikari, die Frage auf: Warum angelt sich Dassendorf wieder und wieder Balltreter mit einem solchen Format, wenn der Club doch ganz klar sagt, dass ein Aufstieg in die Regionalliga nicht realisierbar sei!? Ist es etwa einfach nur der pure Wille, der Konkurrenz zu zeigen, was man sich leisten kann, wenn man es will? So als netter Wink mit dem Zaunpfahl nach dem Motto „Guckt mal, wir sind auch noch da. Glaubt ja nicht, dass ihr uns davon zieht“...

Die Namen derer, die kommen, werden von Jahr zu Jahr zumindest nicht kleiner, was im Umkehrschluss bedeuten dürfte, dass man dafür auch noch mehr Kohle locker machen muss. Eine – durchaus berechtigte – Frage, die sich daraus ergibt: Warum investiert man das Geld nicht in Steine statt Beine, also in die Infrastruktur, um doch irgendwann für die Regionalliga melden zu können, so wie es Altona 93 und Cordi in diesem Jahr vormachen!? Nun ist es ein Leichtes, diese Frage in den Raum zu stellen und der TuS vorzuwerfen, dass es rausgeworfenes Geld ist, „Kracher-Kicker“ zu holen, wenn man damit „nur“ das Ziel verfolgt, Hamburger Meister oder Pokalsieger zu werden, aber das Abenteuer Regionalliga nicht anzugehen. Aber das ganze ist irgendwie auch eine Spur zu kurz gedacht.

Erste kleine Bausteine bei der Weiterentwicklung

Bauarbeiten in Dassendorf – nur Beine statt Steine oder beides? TuS-Sportchef Jan Schönteich (hi, hier mit Marketing-Mann Robert Mimarbachi). Foto: KBS-Picture

Warum? Ganz einfach: Wo zum Beispiel Altona 93 ein Stadion mit Ambiente hat, das mit einer vergleichsweise geringen Summe regionalligatauglich(er) gemacht werden könnte und Cordi – erfolgreiche Diskussionen mit dem TSV Wandsetal vorausgesetzt – in den Sportpark Hinschenfelde übersiedeln könnte, verfügt die TuS Dassendorf – trotz diverser Verschönerungen und Weiterentwicklungen – allenfalls über einen spartanischen Sportplatz. Den „regio-fähig“ zu machen, kostet ungleich mehr als die beiden anderen Clubs in die Hand nehmen müss(t)en. Vom Einzugsgebiet und Attraktivität eines – und das ist nicht despektierlich gemeint – dörflichen Clubs im Vergleich zu zweien mehr oder minder im Stadtkern und Ballungsgebiet liegenden mal ganz zu schweigen. Dann wäre da ja auch noch die Sache mit dem Lärm-und Anwohnerschutz, die in Dassendorf die Gemeindevertreter gerne auffahren, wenn es um Veränderungen im und am Stadion geht. Da werden mitunter neue Trainerbänke schonmal zum Politikum. Zudem fehlt es an der expliziten Form von Jugendteams, die der Norddeutsche Fußball-Verband für eine Regio-Meldung aber vorschreibt.

Nun hat die TuS unlängst mit Frank Flatau jemanden engagiert, der sich um den Fußball „unterhalb“ der „Ersten“ kümmern soll. Jemand, der Aufbau und Koordination übernehmen soll. Ein kluger Schachzug und ein dafür bestens geeigneter Mann. Auch von einer geplanten, kleinen Tribüne am Wendelweg spricht man inzwischen mehr oder minder offen. Sofern den alle politischen Hürden übersprungen werden können (Sie wissen schon, liebe Leser: der Lärm und die Anwohner). Dass „Geld nicht unser Problem ist und wir uns ja weiterentwickeln wollen“, hat Sportchef Jan Schönteich schon vor der Saison nicht verhehlt. Da in Dassendorf keine Regionalliga gespielt werden kann respektive darf, bleibt die Frage: Mit welchem Ziel?

Die Regionalliga fristet in Hamburg ein stiefkindliches Dasein

Vorne ein Zweikampf, hinten zumeist leere Ränge – dieses Bild bot sich in dieser Woche beim Regionalliga-Derby zwischen St. Pauli II und dem HSV II. Foto: KBS-Picture

Man darf an dieser Stelle andererseits aber auch einmal die Frage in den Raum werfen, wie reizvoll diese Regionalliga denn wirklich ist. Gerade für einen Verein wie Dassendorf, der in der Oberliga zuschauertechnisch bei Heimspielen zumeist im Bereich zwischen 100, 150 und 200 Zuschauern und nur bei echten „Knallern“ weit darüber liegt. Sind Partien gegen beispielsweise Havelse, Rehden, Egestorf-Langreder oder Hannover 96 II wirklich so viel attraktiver als Spiele gegen Hamburger Traditionsclubs in der Oberliga, zu denen der Dassendorfer Fußballfan zumindest noch einen besseren Bezug hat? Nicht zu vergessen die langen Auswärtsfahrten, die den Vereinen – egal ob nun Cordi, Altona oder Dassendorf – ans Geld gehen. Welch' stiefkindliches Dasein die Regionalliga in Hamburg fristet zeigt ja allein schon, dass nur 311 Zuschauer das Derby zwischen St. Pauli II und dem HSV II sahen.

Moment, jetzt wird sicher das Gegenargument kommen: Das Spiel war ja auch zeitgleich mit den Partien der beiden Profi-Mannschaften angesetzt. Richtig! Diese Ansetzung ist in der Tat – ziemlich deutlich gesagt – vor allem eines: idiotisch! Und ein klares Zeichen, dass der DFB dem Amateurfußball viel zu wenig Bedeutung gegenüber Profifußball zumisst. Sicherheitsspiel hin oder her. Aber das ist ein anderes Thema. Dennoch: Es steht ja jedem frei, ob er einen Fernsehabend mit dem HSV-Spiel oder einen Besuch bei einem Spiel St Pauli gegen Sandhausen, das nun auch nicht per se von vornherein für furiosen Fußball steht, einem Derby zweier Hamburger Mannschaften vorzieht. Wer noch ein letztes Beispiel für die (zu) geringe Attraktivität und Wertschätzung der Regionalliga braucht, dem sei mal ein gesamter Blick auf die Zuschauerzahlen der drei Hamburger Vereine HSV II, St. Pauli II und Norderstedt empfohlen: liest sich auch nicht gerade überragend...


Jan Knötzsch

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