08.08.2018

Steckel sticht - aber „Joker“ Drinkuth spuckt in Poppenbütteler Sensations-Suppe

Bezirksliga-Aufsteiger düpiert Regionalligist 45 Minuten lang - Heyne bedient

Seine Einwechslung sorgte für die Wende: Felix Drinkuth sorgte fast im Alleingang für das Norderstedter weiterkommen. Foto: Marcus Sellhorn

„Du hast immer eine Chance! Diese Chance wollten wir natürlich nutzen – auch wenn das jetzt sehr klischeehaft klingt. Aber wir wollten hier als Mannschaft etwas Großes erreichen.“ Jan Haerting, Keeper des SC Poppenbüttel, glaubte an die Pokal-Sensation. So sehr, dass er sich trotz eines Außenbandanrisses, den er sich in der vergangenen Woche im Training zuzog, mit dicker Bandage zwischen die Pfosten stellte. „Ich habe die Erlaubnis bekommen, wenn es vernünftig getaped ist“, so Haerting, dem die Rollenverteilung vor dem Duell mit Eintracht Norderstedt bewusst war: „Es kommt das übermächtige Eintracht Norderstedt und dann kommen wir als Bezirksliga-Aufsteiger. Eigentlich ist vorher klar, was passiert. Nämlich, dass wir hier richtig einen auf den Deckel kriegen.“

Auf den Deckel bekam im ersten Durchgang allerdings nur der haushohe Favorit. „Wir haben ohne Tempo nach vorne, ohne Bewegung im Zentrum, ohne Zug zum Tor und ohne Temperament gespielt“, fand ein sichtlich angeschlagener Dirk Heyne deutliche Worte zum Auftreten seiner Mannen. Die Kabinenansprache fiel dementsprechend kurz und knackig aus. Denn sie dauerte keine fünf Minuten, da kehrten die Spieler des Regionalligisten bereits aus der Kabine zurück. „Doch, ich habe schon was gesagt“, entgegnete Heyne auf Nachfrage, ob er in der Halbzeit überhaupt ein paar Worte an sein Team richtete. „Wir haben es in Ruhe besprochen“, fügte er mit einem leichten Augenzwinkern an – wenngleich er keineswegs zu Späßen aufgelegt war. Kein Wunder, denn das, was seine Mannschaft in den ersten 45 Minuten ablieferte, „war auf alle Fälle schlecht“, so Heyne. Würde es noch eine Steigerung von schlecht geben, wäre die wohl auch zutreffend gewesen. Eigentlich hatten seine Schützlinge nur eine einzige wirklich nennenswerte Chance – und diese ereignete sich bereits nach 240 Sekunden, als Tayfun Can freistehend nicht an Haerting vorbeikam. Der Torsteher trotzte seiner Verletzung, auch wenn sie ihm immer wieder deutlichst anzumerken war, mit unzähligen Glanzparaden.

Steckel sorgt für Poppenbütteler Ekstase - Eintracht-Keeper „überheblich“

Hannes Steckel (li.) sorgte mit seinem 22-Meter-Strahl für die Führung des krassen Außenseiters. Foto: Marcus Sellhorn

Poppenbüttel zeigte eine famose Vorstellung, arbeitete im Verbund „richtig gut gegen Ball“, wie auch Haerting befand, und setzte immer wieder Nadelstiche. Die rund 500 Zuschauer auf der Anlage trauten ihren Augen kaum, als der indisponierte Cornel Schiopu am eigenen Sechzehner SCP-Angreifer Yoel Männich zu Fall brachte – und Routinier Hannes Steckel den fälligen Freistoß aus circa 22 Metern wuchtig gen Tor beförderte. Der Schuss blieb zwar in der Mauer hängen, fiel Steckel aber ein zweites Mal auf seinen starken linken Schlappen. Erneut nahm er Maß, der Ball wurde leicht abgefälscht und schlug im rechten unteren Toreck ein (17.)! Der krasse Außenseiter führte! „Das war natürlich überragend für uns und spielte uns voll in die Karten“, so Haerting. „Da hätte Norderstedt sich was ganz anderes vorgestellt.“ Für den Viertligisten wäre es vor der Pause aber fast noch dicker gekommen, als der stets unsicher wirkende EN-Fänger Nick-Walter Nürnberger einen Männich-Kopfball – nach einem Freistoß von Fabian Bleek – erst im Nachfassen entschärfen konnte (45.). Auch ansonsten brachte Nürnberger sein Team mit seinen Ausflügen immer wieder in Bedrängnis. „Das ist überheblich“, nahm Heyne kein Blatt vor den Mund. „Das kann ich nicht gebrauchen. Natürlich wollen wir abgeklärt spielen, aber das darf dann nicht in Überheblichkeit oder Lässigkeit umschlagen.“

„Da kommt ein Spieler, der einfach überragend ist“

EN-Zugang Mats Facklam (re.) wird von Lars Schmitz verfolgt. Foto: Marcus Sellhorn

Auch wenn man im ersten Abschnitt „den Zug zum Tor vollkommen verweigert“ habe, so Heyne, war er sich nach wie vor sicher, „wenn wir uns daran halten, was wir spielen wollen und irgendwann auch mal unsere individuelle Klasse zeigen“, dass seine Eintracht einer Blamage von der Schippe springen würde. „Natürlich gehören Kombinationen dazu, aber ich muss mich doch auch mal im Eins-gegen-Eins gegen einen Bezirksligisten durchsetzen“, forderte der Coach der Garstedter – und brachte mit Nick Brisevac und Felix Drinkuth zwei frische Leute. Plötzlich war ein ganz anderer Zug im Spiel der Eintracht. „Man hat gesehen, dass ‚Brise‘ und Felix uns guttun.“ Auch beim Gegner sorgte die Hereinnahme von Drinkuth für Kopfschmerzen: „Da kommt ein Spieler, der einfach überragend ist und einen brutalen linken Fuß hat“, erkannte auch Hearting die Stärke des ehemaligen Braunschweigers an. Doch würde der SCP dem standhalten können? Wie nah war man der Sensation? „Der Trainer hat uns in der Halbzeit gesagt, dass wir ruhig und konzentriert bei der Sache bleiben, alle weiter zusammen gegen den Ball arbeiten sollen und uns nicht vorab in die Euphorie begeben, dass wir 1:0 führen. Er hat natürlich auch angesprochen, dass wir die ersten zehn, 15 Minuten einem enormen Druck ausgesetzt sein werden. Und dass wir diese Phase erstmal überstehen müssen.“

„Die Niederlage ist um ein Tor zu hoch ausgefallen“

Poppenbüttel-Keeper Jan Haerting (re.) spielte trotz Außenbandanriss und erwies sich als starker Rückhalt. Foto: Marcus Sellhorn

Da hatte ein gewisser Felix Drinkuth jedoch etwas dagegen. Der „Joker“ brauchte keine zwei Zeigerumdrehungen, ehe er Jan Lüneburg – mit dem rechten Fuß – das 1:1 auf dem Silbertablett servierte (47.)! Nun dachten wohl alle Anwesenden, dass die Partie ihren erwarteten Verlauf nehmen würde. Doch dem war nicht so. Einerseits, weil der Underdog einen glänzenden Jan Haerting zwischen den Pfosten hatte – und andererseits, weil die Eintracht wieder in ihren alten Trott zurück fiel. Wenn es gefährlich wurde, war allerdings stets Felix Drinkuth daran beteiligt. Bis zur 79. Spielminute hielt die Equipe von Yorck Männich das 1:1 und zeigte eine bärenstarke Vorstellung. Doch dann packte Drinkuth seine linke Klebe aus, Haerting parierte zunächst noch gut – aber Marlon Stannis nutzte die Abwehr und staubte zum 2:1 für EN ab! 


Der Glaube beim Nord-Bezirksligisten war aber noch nicht verflogen. „Ich habe versucht, die Mannschaft noch ein bisschen zu pushen, weil ich glaube, dass wir eventuell noch diesen ‚lucky shot’ zum Ausgleich gehabt hätten“, so Haerting, der sich eine Minute vor Ultimo allerdings ein drittes Mal geschlagen geben musste. Juri Marxen, dessen Hereingaben ansonsten allesamt keinen Abnehmer fanden, flankte diesmal auf den zweiten Pfosten, wo Jan Lüneburg per Kopf ablegte und Mats Facklam aus der Drehung zum 3:1 einschoss. In der Nachspielzeit setzte Drinkuth mit seinem 19-Meter-Schuss von halblinks ins lange Eck den Schlusspunkt (90. +4). Ein Ergebnis, das am Ende zu hoch ausfiel! „Dass wir am Ende noch das Vierte kriegen, finde ich sehr schade. Mit einem 1:3 hätte ich gut leben können und ich denke, es wäre auch angemessen gewesen“, brachte es Haerting auf den Punkt. „Auch wenn die Niederlage für mich um ein Tor zu hoch ausgefallen ist, kann man der gesamten Truppe nur ein großes Lob aussprechen, dass sie wirklich so lange einem gestandenen und etablierten Regionalligisten Paroli bieten und immer wieder Nadelstiche setzen konnte“, bilanzierte ein zufriedener Poppenbütteler Torsteher. Während EN-Trainer Heyne trotz des Weiterkommens eher bedient wirkte...

Der Poppenbütteler Führungstreffer durch Hannes Steckel, der für Ekstase sorgte, im Video:

Autor: Dennis Kormanjos

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