Kreisklasse 3

„Schoko“ jetzt in Braun-Weiß: „Es ist egal, ob ‚Siebte‘ oder ‚Erste‘ – hier wird auch Fußball gespielt“

12. Februar 2020, 12:31 Uhr

Zurück an der Seitenlinie: Erdinc Özer ist neuer Trainer des FC St. Pauli VII. Foto: Bode

Es war im Oktober des vergangenen Jahres. Nachdem der ETSV Hamburg in der Bezirksliga Ost mit großen Ambitionen in die Saison 2019/2020 gegangen war, diesen dann aber hinterher hinkte, entschloss sich der Verein vom Mittleren Landweg zur Trennung von Erdinc Özer. Von heute auf morgen war für „Schoko“, wie der Coach mit Spitznamen genannt wird, Schluss. „Entlassen zu werden – das ist eine Erfahrung, die du als Trainer auch mal machen musst“, sagt Özer rückblickend – und darf sich nun über eine neue Aufgabe freuen: Der 45-Jährige ist ab sofort neuer Übungsleiter beim FC St. Pauli VII in der Kreisklasse 3. Für einen Trainer, der schon in der Landes- und Bezirksliga an der Seitenlinie stand, ein auf den ersten Blick ungewöhnlicher Schritt. Im Gespräch mit uns erläutert „Schoko“, wie es dazu kam, was ihn an der Aufgabe reizt und wie es ist, als St. Pauli-Fan plötzlich für den Verein zu arbeiten, für den das eigene (Fußball-)Herz schlägt.

Doch der Reihe nach: Ein Coach, der bislang im Hamburger Osten arbeitete, taucht auf einmal beim Kiezclub auf – wie kommt das zustande? „Als ich beim ETSV raus war, hat Michael Pasewaldt, der jetzt Torwarttrainer beim SC Condor ist, davon mitbekommen. Über ihn kam dann auch der Kontakt zum FC St. Pauli zustande“, berichtet Özer, der seit seinem 17. Lebensjahr – anfangs parallel zu seiner Aufgabe als Spieler beim Düneberger SV – Mannschaften coacht. Was folgte, war ein Gespräch mit Amin Bargui, der lange für die „Siebte“ zuständig war und jetzt die „Dritte“ der Braun-Weißen trainiert. „Er hat ein bisschen was vom Verein und vom Team erzählt, ich hab ein bisschen was von mir erzählt und letztlich hat er mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, eine Siebte Mannschaft zu trainieren.“ Konnte „Schoko“: „Es ist egal ob ‚Siebte‘ oder ‚Erste‘ – hier wird auch Fußball gespielt“, sagt der 45-Jährige, der allerdings erst noch einen etwas längeren Prozess über sich ergehen lassen musste, ehe er seinen Vertrag unterschrieb.

„Es bringt einen Heidenspaß – ich habe meine Freude am Trainerjob wiedergefunden“

Beim Kiezclub hat der 45-Jährige Coach seinen Spaß am Trainerdasein wiedergefunden, sagt er. Foto: Bode

„Ich habe die Jungs viereinhalb Wochen lang trainiert. In der Zeit konnte sich die Mannschaft ein Bild von mir machen. Die Truppe ist sehr selbstorganisiert – und die nehmen auch nicht jeden als Trainer. Ich habe danach vom Mannschaftsrat grünes Licht bekommen, dass man sich eine Zusammenarbeit mit mir vorstellen kann, dann wurde ich zu den Verantwortlichen der Amateur-Abteilung gebeten und wir haben uns in einem Gespräch nochmal über mein Denken und meine Werte unterhalten. Gerade auf die Werte legt der Club großen Wert. Die müssen mit denen des Vereins übereinstimmen. Du darfst dich als Trainer nur zum Sportlichen äußern, politische Sachen bleiben außen vor. Aber das ist auch gut so, weil das nicht meine Arbeit ist“, berichtet Özer. Seine Arbeit – das ist das Sportliche. Und da ist „Schoko“ hellauf begeistert vom Gesamtkonstrukt FC St. Pauli. „Es gibt hier ja die Profis, die Amateure und das Nachwuchsleistungzentrum. Die Profis, die U23 und das NLZ sind logischerweise eng vernetzt. Wir als Amateure haben das große Glück, direkt vor dem riesengroßen Stadion am Millerntor zu spielen. Das ist geil“, verdeutlicht Özer. Auch seine Truppe, so der Coach, sei geil: „Die haben richtig Bock, für St. Pauli zu spielen.“

Bock, den auch Özer selbst hat. „Als Trainer musst du, wenn du weiterkommen willst, deinen Horizont erweitern. Da kann man auch mal zwei Schritte zurück für machen“, sagt der Coach und erklärt detailliert: „Hier hast du ganz andere Strukturen als woanders. Es gibt im Verein jede Menge erfahrene Trainer, mit denen man sich austauschen und von denen man neue Eindrücke mitnehmen kann. Diese Möglichkeit möchte ich sehr gerne nutzen und in ein, zwei Jahren vielleicht mal anderen Trainern über die Schulter gucken.“ Erstmal aber „muss ich richtig ankommen.“ Ein Umstand, den ihm das Team erleichtert: „Es ist ein richtig tolles Arbeiten mit den Jungs. Die Mannschaft organisiert sich komplett selbst, sie kümmern sich auch um Spieler. Nicht jeder wird genommen. Die Kandidaten, die vorstellig werden, trainieren erst mal mit und die Mannschaft schaut sich an, wie sie sind und ob sie zum Team passen“, sagt Özer und gibt zu: „Ich habe mir die Aufgabe schwieriger vorgestellt. Es bringt einen Heidenspaß, ich habe meine Freude am Trainerjob wiedergefunden – und selbst, dass ich eine Stunde Fahrtzeit pro Weg habe, ist nicht schlimm. Ich habe einfach Bock drauf. Es ist ein geiles Gefühl, wenn du auf die Anlage kommst und das Stadion siehst.“

„Vielleicht gelingt es uns ja noch, dass wir am Ende der Saison Fünfter werden“

Alles besiegelt: Erdinc Özer (Zweiter v. re.) bei der Vertragsunterschrift. Foto: St. Pauli VII/Facebook

Bei aller Freude und allem Spaß: Es bleibt die Frage, was sich „Schoko“ nicht nur für sich, sondern auch für die Mannschaft sportlich in der noch laufenden Saison vorgenommen hat? „Nachdem Amin Baguri zur ‚Dritten‘ gegangen ist, hat sich die Mannschaft lange quasi selbst trainiert. Es waren teilweise nur fünf Mann beim Training. Jetzt haben wir 15, 16 Leute, die da sind. Wir trainieren zwei Mal in der Woche zeitgleich mit der ‚Dritten‘. Der Austausch ist gegeben. Im Moment liegen wir auf einem guten sechsten Platz. Wir haben elf Punkte Rückstand auf den Fünften. Mal sehen, was passiert. Im Fußball kann es schnell gehen. Vielleicht gelingt es uns ja noch, dass wir am Ende der Saison in der Tabelle Fünfter werden“, sagt Özer und fügt hinzu: „Im Sommer schauen wir dann, wie wir uns neu aufstellen können.“ Aktuell jedenfalls, so der 45-Jährige abschließend, „kann ich nur Positives berichten. Hier ist nichts, was negativ ist.“ Und dann ist da noch etwas, auf das sich Özer freut: „Die ‚Siebte‘ feiert in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. Soweit ich weiß, planen da einige im Hintergrund schon eine Feier für das Ende der Saison...“

Jan Knötzsch

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