Oberliga

Schalitz: „Ich glaube, ich kann Curslack mehr als aufrecht verlassen“

06. Januar 2021, 12:16 Uhr

Auf dem Rasen war Marvin Schalitz (li.) stets mit vollem Einsatz und voller Hingabe bei der Sache. Foto: Bode

Er hat sich schon als „Rookie“ im Hamburger Amateurfußball einen Namen gemacht und stand in den letzten sechseinhalb Jahren für den SV Curslack-Neuengamme. Für die „Deichkicker“ absolvierte Marvin Schalitz in jener Zeit über 170 Partien in der höchsten Spielklasse und war das Gesicht des Vereins. Doch nach dieser Saison wird die Ära des 24-Jährigen am Gramkowweg zu Ende gehen. Schalitz kehrt dem SVCN den Rücken! Wir haben mit dem Abwehrhünen über seine Zeit im Club, den bevorstehenden Abschied, „Schuldeingeständnisse“ und Vorwürfe sowie neue sportliche Ziele gesprochen – und sehr offene und ehrliche Antworten erhalten…

FussiFreunde: Du befindest dich inzwischen in deinem siebten Jahr beim SVCN. Was hat den Verein für dich so besonders gemacht oder so sehr ausgezeichnet, dass du ihm bis heute die Treue gehalten hast?

Mit gerade mal 18 Jahren schlug Schalitz (Mi.) beim SVCN auf und etablierte sich sofort als Stammspieler. Foto: Bode

Marvin Schalitz: „Wenn man als jemand, der Loyalität und Gesellschaft immer für ein hohes Gut angesehen hat, zu einem neuen Verein wechselt, der in der Vita erst der dritte im gesamten Leben ist, dann sucht man sich diesen genau aus. Letztendlich waren es genau diese Eigenschaften, die Curslack, vor allem in den ersten vier, fünf Jahren, zu etwas ganz Besonderem gemacht haben. Ich war ja nicht nur in der Ersten Mannschaft unterwegs, wo ich immer der erste war, der kam, und der letzte, der ging. Ich hatte unfassbare Abende und Spiele mit ‚Corslacks Amateuren‘ (der Zweiten Mannschaft), hatte wunderbare Grünkohlabende, war zwischenzeitlich Trainer der B-Jugend und engagiere mich auch sonst gern im Verein. Das alles aber nicht aus Zwang – sondern, weil ich es gerne mache. Curslack war wie eine große Familie für mich. Ob beim Einkaufen oder beim Feiern – man hat immer Leute getroffen, war herzlichst willkommen und hatte mindestens einen guten Klönschnack oder eine tolle Zeit. So etwas, wie eine zweite Familie in einem Verein zu finden, ist in der jetzigen Zeit, wo viel – auch schon im Amateurfußball – über das Finanzielle läuft, nicht einfach.“

Dennoch: Im Sommer ist Schluss. Das Kapitel am Deich wird für dich zu Ende gehen. Warum?

Hoch das Bein: Schalitz (re.) mit dem Versuch, den Ball vor dem einschussbereiten Mladen Tunjic wegzuspitzeln. Foto: Bode

Schalitz: „Ich habe seit längerem immer mal wieder mit Verletzungen zu kämpfen, hatte erst Probleme mit dem Knie, zuletzt mit meiner Leiste. Der Trainerwechsel von Matthias Wulff zu Christian Woike kam für mich zur falschen Zeit. Einer Zeit, bei dem der Gang zum Physio vor dem Gang zum Trainingsgelände stand. Wir haben uns in dieser Zeit qualitativ hochwertig verstärkt. Dass ich mich dann erstmal hinten anstellen muss, ist klar. Ich war nicht fit, konnte meine PS nicht auf die Bahn bringen – und dann hat man es, gerade nach einem Trainerwechsel, bei dem man sich neu beweisen muss, einfach sehr schwer. Sportlich gesehen plant der Verein in der kommenden Saison nicht mehr mit mir, was ich aufgrund der letzten Zeit auch verstehen kann. Wer weiß, wie schnell man sich auf dem Platz wiedersieht. Fußball ist ja, was das angeht, sehr schnelllebig.“

Als du mit gerade mal 18 Jahren und als eines der größten Abwehrtalente in Hamburg aus Oststeinbek zu Curslack gewechselt bist, war es für dich zunächst nur eine „Durchgangsstation“ – oder von Anfang an als etwas Längerfristiges geplant?

Schon in jungen Jahren übernahm Schalitz reichlich Verantwortung bei den "Deichkickern". Foto: Bode

Schalitz: „Nachdem klar war, dass Oststeinbek den Weg runter antreten muss, wusste ich, dass ich wechseln muss. Da ich in der Nähe von Bergedorf wohne und in Curslack damals ein Umbruch geschah, bei dem auch einige meiner Freunde den Weg an den Deich fanden, habe ich mich für den Wechsel entschieden. An sieben Jahre Curslack habe ich damals sicherlich nicht gedacht – aber mit der Zeit wurde mir klar, dass Curslack für mich mehr ist als nur Fußball. Eine Durchgangsstation sollte es allerdings nie werden, da ich, nachdem ich es bei St. Pauli damals nicht schaffte, den Profifußball abgehakt habe.“

Du hast dich mit dem Verein identifiziert, warst das Gesicht beim SVCN. Worauf bist du in all den Jahren besonders stolz?

Weg da! Auch mit riskanten Tacklings behielt Schalitz (re.) oft die Oberhand. Foto: Bode

Schalitz: „Ich war immer geradeaus, habe mich nie verstellt. Sicherlich habe ich auch aus Fehlern gelernt und werde nach einer Gelb-Roten Karte wie bei Halstenbek-Rellingen nicht mehr die Bande zertreten und dadurch fleißig Strafe zahlen (lacht). Egal, ob auf oder neben dem Platz. Ich habe immer jedes Spiel meine Seele auf dem Platz gelassen, immer 100 Prozent gegeben und war mir nie zu schade, etwas Extra-Arbeit zu haben – manchmal auch zum Nachteil für mich, aber zum Wohle des Vereins. Ich glaube, ich kann Curslack mehr als aufrecht verlassen und mich einer neuen Herausforderung widmen.“

Welche Dinge kreidest du dir persönlich an, dass die „Ehe“ nicht über den Sommer hinaus fortgesetzt wird?

In seiner Zeit beim SVCN durfte Schalitz (li.) als Verteidiger ganze 20 Tore bejubeln. Foto: Bode

Schalitz: „Ich hatte vielleicht nicht immer den professionellsten Lifestyle und hätte mehr für mein Comeback arbeiten sollen. ‚Von Nichts kommt nichts‘, das ist zwar nur ein Spruch – aber letztendlich ist da viel Wahres dran. Wenn du nie verletzt bist und dann Murphys Gesetz ‚Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen‘ zur Wahrheit wird, dann ist es sehr schwer, aus dem Trott rauszukommen. Als ich das gemerkt habe, war es bereits zu spät, um den Trainer überzeugen zu können – und jetzt kam Corona. Letztendlich bin ich ein Typ, der lieber erst vor der eigenen Haustür kehrt, bevor er anderen den Buhmann zuschiebt – und da hätte ich mehr machen müssen.“

Sehr ehrliche Worte… Und was wirfst du dem Verein vor?

Zuletzt wurde Schalitz (Mi.) immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Foto: Bode

Schalitz: „Vorwerfen tue ich dem Verein nichts, denn es wurde immer nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne des Vereins gehandelt. Für einen persönlich ist es sehr hart, wenn man merkt, dass man nicht mehr den Stellenwert der vorherigen Spielzeiten hat. Es gab und gibt sicherlich immer Dinge, bei denen man nicht einer Meinung ist – aber das ist vollkommen menschlich und gehört sowohl im Privat- und Arbeitsleben als auch im Fußball einfach dazu. Letzten Endes ist das die nicht so schöne Seite des Fußballgeschäftes – aber auch mit der muss man leben können.“

Du hattest zuletzt auch immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Wie geht es dir aktuell und wann werden wir wieder einen zu 100 Prozent fitten Marvin Schalitz auf dem Platz erleben?

In der Luft konnte dem zwei Meter großen Abwehrrecken ohnehin kaum einer das Wasser reichen. Foto: Bode

Schalitz: „Mir geht es super – allerdings habe ich höllische Sehnsucht nach Fußball! Jedem Fußballer geht doch, gerade nach so einer langen fußballfreien Zeit einer ab, wenn ihm nur der Geruch von nassem Rasen in die Nase steigt. Körperlich bin ich fit, gehe laufen, mache Workouts und tue alles dafür, dass ich bald wieder bei 110 Prozent bin. Im Sommer wird ein nicht wiederzuerkennender Marvin Schalitz auf Hamburgs Fußballplätzen sein Unwesen treiben – einer, der sportlich jedem Team weiterhelfen kann!“

Das ist mal eine Ansage! Und wo wir schon dabei sind: Wie sieht deine Zukunft aus – oder anders gefragt: Was muss ein neuer Verein haben, um dich von einem Wechsel zu überzeugen?

Nach sieben Jahren am Deich sucht Schalitz (re.) im Sommer nach einer neuen Herausforderung. Foto: Bode

Schalitz: „Es ist zwar auch wieder ein Spruch, aber letztendlich muss das Gesamtpaket stimmen. Ich möchte bei einem Team spielen, bei dem ich jeden Morgen mit einem Lächeln aufstehe und mir sage: ‚Großer, heute Abend kannst‘ wieder ein paar Tunnler im Eck schieben und `ne gute Zeit haben‘. Guter Fußball, mannschaftliche Geschlossenheit und ein tolles Umfeld – mehr möchte ein Fußballer doch gar nicht.“

Autor: Dennis Kormanjos

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