Regionalliga Nord

Reimers’ Weg nach oben: „Das würde ich mir nie auf die Tafel schreiben lassen“

28. August 2020, 10:08 Uhr

Von der U12 bis zur U17 hat er alle Jugendteams beim HSV durchlaufen - nun hat Pit Reimers das Cheftrainer-Amt bei der U21 der Rothosen übernommen. Foto: KBS-Picture.de

Mit Horst Hrubesch hat der Hamburger SV eine „Vereinslegende“ als Nachwuchsdirektor für den Verein gewinnen können. Der 69-Jährige soll den Jugendbereich bei den Rothosen auf Vordermann bringen – und wird künftig auch sehr eng mit Pit Reimers zusammenarbeiten. Reimers, der von der U12 bis zur U17 sämtliche Jugendmannschaften beim HSV als Trainer durchlief, hat bei der U21 die Nachfolge von Hannes Drews, der in den Trainerstab von Profi-Coach Daniel Thioune aufgerückt ist, angetreten. „Die Vorfreude ist natürlich sehr groß“, fiebert Reimers dem Saisonstart bereits entgegen – und gibt einen kleinen Einblick in seinen bisherigen Werdegang…

Beim Regionalliga-Team des HSV hat Reimers die Nachfolge von Hannes Drews, der unter Daniel Thioune in den Profistab aufgerückt ist, angetreten. Foto: KBS-Picture.de

Bis zu seinem 28. Lebensjahr war Pit Reimers selbst auf der Fußballbühne aktiv – nicht auf der ganz großen, aber immerhin in der Landesliga. Parallel zu seinem Job beim Hamburger SV kickte Reimers für die SV Blankenese. „Meine Stärken waren eher mit als gegen den Ball“, erklärt der damalige Innenverteidiger mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht. Da er zu jener Zeit schon beim HSV im Nachwuchsbereich in Norderstedt tätig war, kannte er von dort „alle Schleichwege nach Blankenese“, scherzt Reimers, für den der Aufwand mit der Zeit jedoch zu groß wurde. Und so legte er den Fokus auf seine Trainerkarriere – und arbeitete sich von ganz unten stetig nach oben. Auch mit dem Blick über den Tellerrand hinaus. „Ich habe es für mich immer als Anreiz und Motivation gesehen, mir sowohl vereinsinterne als auch externe Inspiration und neue Ideen einzuholen“, verrät Reimers, der Hospitationen beim FC Utrecht, dem FC Midtjylland – zu der Zeit, als Rafael van der Vaart seine Karriere in Dänemark ausklingen ließ – und sogar bei Manchester City machte. „Ich habe versucht, aus jeder Zeit für mich ein bisschen was mitzunehmen.“

An der Seite von ten Hag und Guardiola

Vereins-Legende Horst Hrubesch soll den Nachwuchs des HSV als neuer Direktor auf Vordermann bringen. Foto: KBS-Picture.de

Bei Midtjylland setzt man auf „ein ganz spezielles Scouting-System“. Es werde „sehr viel nach Statistiken“ und „mit vergleichsweise geringen Mitteln sehr erfolgreich gearbeitet“, so Reimers. Beispiel: Die A-Jugend des Vereins wird nicht nur regelmäßig Dänischer Meister, sondern sorgte auch in der UEFA Youth League – startberechtigt sind jeweils die 32 Nachwuchsteams der an der UEFA-Champions-League-Gruppenphase beteiligten Clubs sowie die 32 Jugendmeister der stärksten Nationen nach dem UEFA-Klubkoeffizienten – mit dem Einzug ins Viertelfinale für Furore. „Das war total spannend, Spieler nicht nur nach dem rein subjektiven Empfinden und mit den Augen, sondern auch nach Zahlen und Fakten zu bewerten.“ In Utrecht habe ihn der damalige Trainer Erik ten Hag, einst bei Bayern München II, jetzt Ajax Amsterdam, „total interessiert“. Dieser sei ein „Verfechter des Vollgas-Fußballs“ und „sein Weg wird noch weitergehen“, schwärmt er von den Eindrücken. Ein weiterer Aspekt, der Reimers bei Utrecht gereizt hat: „Es ist ein kleinerer Club in Holland, bei dem sehr viel familiär abläuft. Das ist keine Glamour-Welt, sondern einfach sehr ehrlich. Ich hatte das Gefühl, dass ich als junger Trainer bei der Hospitation in Utrecht noch ein Stückchen näher dran sein konnte, als bei den großen Clubs.“ Bei Manchester City habe ihm Ex-HSV-Profi Vincent Kompany „ein paar Türen geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wären“. Alles in allem war die Zeit beim Team von Pep Guardiola für ihn „das Highend-Level“ und nochmal einige Nummern größer. Beim HSV selbst hat Reimers für den Fußballlehrer unter Christian Titz und Hannes Wolf hospitiert.

Trikot von Nürnberger – „Sowas macht mich glücklich“

Einen Aaron Opoku (li.), der nun von Hansa Rostock zum HSV zurückgekehrt ist, hat Reimers einst in der U13 mit zu den Rothosen geholt. Foto: KBS-Picture.de

Doch auch Reimers selbst feierte im Nachwuchs der Rothosen bereits einige Erfolge. Aber wie genau definiert man einen Erfolg im Jugendbereich? „Ich würde mir nie auf meine Tafel schreiben lassen, dass ich einen Spieler wie beispielsweise Aaron Opoku zum Zweitliga-Spieler entwickelt habe – nur weil er damals in der U13 zu uns gekommen ist, ein Probetraining gemacht hat und wir gesagt haben: ‚Der ist gut, den nehmen wir von HT 16.‘ Oder weil ich ein gutes Gespräch mit seinem Vater hatte. Das waren kleines Puzzleteile, die das große Ganze ins Laufen gebracht haben. Aber nach mir haben ganz viele Menschen im Nachwuchs daran gearbeitet, dass er diesen Weg genommen hat.“ Einige Spieler, die Reimers in früherer Jugend ebenfalls unter seinen Fittichen hatte, haben allerdings auch nicht den Weg zum HSV gefunden – wie zum Beispiel Fabian Nürnberger. Mit seinem Doppelpack im Relegations-Hinspiel gegen den FC Ingolstadt hat der inzwischen 21-Jährige einen nicht unwesentlichen Anteil daran, dass der 1. FC Nürnberg die Klasse gehalten hat. Als Nürnberger mit dem FCN im Januar beim HSV gastiert hat, schenkte er Reimers, der ihn in der U12 und U13 trainierte, nach dem Spiel sein Trikot. „Das ist für mich eine schöne Wertschätzung und das macht mich glücklich, wenn sich jemand daran erinnert, dass man vielleicht einen Teil dazu beigetragen hat.“ Es sei „cool, zu sehen, was aus einigen Jungs geworden ist – und auch spannend, wie unterschiedlich die Wege sind. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Am Liebsten habe ich es aber natürlich, wenn die Jungs dann bei uns im Stadion und mit der Raute auf der Brust spielen.“

„Ich möchte den Spieler für mich zuerst als Mensch gewinnen“

Er selbst habe den Anspruch, „jedes Spiel zu gewinnen“, so Reimers, „das wollte ich auch in der Vergangenheit – ganz egal, ob ich U12- oder U17-Trainer war“. Er sei ein „offener, ehrgeiziger und ehrlicher Typ, dem es wichtig ist, dass meine Spieler wissen, wo sie bei mir stehen. Deshalb werde ich da lieber einmal mehr ein ehrliches Wort sprechen.“ Bevor er einem seiner Spieler „den Laufweg oder taktische Varianten“ erkläre, „möchte ich ihn erstmal für mich als Menschen gewinnen. Das steht für mich im Vordergrund – gerade zu Beginn einer Zusammenarbeit.“ Er wolle mit seinen „Spielern außerhalb des Platzes auf Augenhöhe kommunizieren – und wenn der Ball dann rollt, erwarte ich von ihnen, dass sie Gas geben und alles reinhauen“. Was die Spielphilosophie betrifft, will der 36-Jährige den Weg des offensiven und aktiven Fußballs weiterführen. „Wir sind eine junge Mannschaft, wollen nach vorne spielen und die Mannschaft sein, die versucht, dem Spiel den Stempel aufzudrücken.“

Reimers erhofft sich zusätzlichen Schub durch Hrubesch

Von der Erfahrung eines Horst Hrubesch werde man beim HSV enorm profitieren, ist sich Reimers sicher. Foto: KBS-Picture.de

Und das mit einer – wie beim HSV im Nachwuchs üblich – auf vielen Positionen veränderten Mannschaft. Der U21 des HSV stand ein abermals „großer Umbruch“ ins Haus. Da man noch voll in den Planungen sei, könne er auch etwaige Fragen zum Saisonziel in der neuen Regionalliga mit zwei Elfer-Staffeln – eine Lösung, die Reimers in Anbetracht der aktuellen Umstände für gut befindet – „noch nicht seriös beantworten“. Sein Wunsch und persönliches Ziel sei es, „dass wir als Mannschaft so eine gute Gruppe sind, dass wir sowohl Spieler, die am Wochenende zu unserem Kader stoßen, schnell integriert kriegen, und auch wenn der eine oder andere Akteur bei den Profis mitspielen darf, dass wir als Gruppe stark bleiben und uns davon gar nicht so sehr beeinflussen lassen, sondern einfach das, was in unserer Macht steht – und das ist jeden Tag top zu trainieren und am Wochenende alles rauszuholen –, abliefern“. Und dann wird ja noch das Wort „Entwicklung“ beim HSV unter der Leitung von Horst Hrubesch (wieder) groß geschrieben. „Das verstehe ich als meine erste Aufgabe, den Jungs einen Rahmen zu geben, unter Profi-Bedingungen zu trainieren. Ich habe selbst das Gefühl, dass der Weg nach oben deutlich kürzer geworden ist und durch Horst Hrubesch nochmal zusätzlichen Anschub bekommen hat. Das muss für meine Spieler einfach tägliche Motivation sein“, erhofft sich Reimers durch die Personalie des ehemaligen Erfolgstrainers der Deutschen U21-Nationalmannschaft einen zusätzlichen Schub.

„Davon werden wir profitieren – und ich auch“

Apropos Horst Hrubesch: „Der erste Eindruck ist auf jeden Fall, dass er ein total authentischer Typ ist. Gerade raus, direkt, offen und ehrlich. Das ist mir sehr recht. Denn ich bin auch jemand, der gerade raus ist – und lieber einmal mehr die Wahrheit sagt.“ Hrubesch würde sich „sehr viel“ um die 21 kümmern und bei nahezu jeder Trainingseinheit auf dem Platz dabei sein. „So gewinnt er für sich erste Eindrücke und verschafft sich einen Überblick über alle Mannschaften und Mitarbeiter.“ Mit seinen 36 Jahren erhofft sich Reimers, „dass ich von seiner Erfahrung profitieren kann. Ich bin immer noch ein junger Trainer und wünsche mir, dass er mir Feedback gibt, und ich in einen regelmäßigen Austausch mit ihm komme, weil ich so noch weiter dazu lernen kann und das auch möchte.“ Durch seine Arbeit im Nachwuchsbereich habe Hrubesch das Thema „Entwicklung“ bestens im Blick. „Davon werden wir als Verein profitieren können – und ich persönlich auch.“

Autor: Dennis Kormanjos

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