19.11.2017

Rasse, Klasse und Emotionen: Umstellung entscheidet "offenen Schlagabtausch"

Teutonia und Vicky schenken sich nichts - "Zuschauer sind auf ihre Kosten gekommen"

Felix Dieterich (li.) hat die Führung auf dem Fuß - aber Dennis Bergmann kratzt die Kugel in unglaublicher Manier gerade noch so von der Linie und verhindert den Rückstand. Foto: Damm

Nick Gutmann brachte es nach dem Spiel auf den Punkt: „Das Niveau war sehr hoch. Beide Mannschaften haben extrem viel Qualität in den eigenen Reihen – und so wurde es zu einem offenen Schlagabtausch“, konstatierte der 21-Jährige, der in der Jugend für den SV Werder Bremen spielte und nun beim FC Teutonia 05 zu Hause ist. Dort begann er am heutigen Vormittag im Spitzenspiel gegen den SC Victoria als rechter Außenverteidiger und rückte in der 68. Spielminute mit der Auswechslung von Felix Dieterich und der Hereinnahme von Georgios Cholevas, der Gutmanns Position einnahm, einen vor ins Mittelfeld. Ein Schachzug von Trainer Sören Titze, der sich als goldrichtig erwies. Denn nur drei Zeigerumdrehungen darauf erzielte Gutmann den Führungstreffer, ehe er das 2:0 auch noch mustergültig vorbereitete.

Veli Sulejmani (re.) mit der frühen 1:0-Chance - aber Dennis Lohmann (li.) und der Außenpfosten verhindern den Einschlag. Foto: Damm

Viel konnte Jean-Pierre Richter seinen Schützlingen nun wirklich nicht vorwerfen. Obwohl seinem SC Victoria unter der Woche mit allen Aike Strömer und Yannick Petzschke zwei absolute Leistungsträger wegbrachen, „hatten wir eine Elf auf dem Platz, die performed hat und die alles abgerufen hat, was in ihr steckt“, befand nicht nur Richter. Dass sein SCV am Ende trotzdem mit leeren Händen dastand, „ist für uns enttäuschend, weil ich finde, dass wir es trotz der Umstellungen und Ausfälle ganz gut geschafft haben, deren Fußball ein Stück weit zu limitieren.“ Heißt: Teutonen-Regisseur Danijel Suntic sah sich einer Dauerbewachung gegenüber. Lediglich 70 zahlende Zuschauer fanden sich am Vormittag an der Kreuzkirche ein. Ein Zuspruch, der diesem Aufeinandertreffen in kleinster Art und Weise gerecht wurde. „Immerhin sind die auf ihre Kosten gekommen“, sagte Richter ein wenig süffisant, um dann anzufügen: „Ein attraktives und temporeiches Fußballspiel auf Amateurebene, das die Zuschauer, die um diese Uhrzeit hierher gekommen sind, sicherlich belohnt hat.“ Sein Gegenüber, Sören Titze, meinte derweil: „Zwei technisch sehr gute Mannschaften, die taktisch und läuferisch gut aufgestellt sind. Eine richtig gute Partie, in der alles drin war. Für den neutralen Zuschauer sicherlich eine tolle Sache, aus Trainersicht ist das Ganze ja oftmals etwas anders.“

Gelb oder Rot? "Sie markieren nicht den sterbenden Schwan"

Vicky-Top-Torjäger Nick Scharkowski (li.) im Zweikampf mit Onur Saglam. Foto: Damm

Von Anfang an schenkten sich beide Teams nichts und betrieben wirklich Werbung für den Amateurfußball! Anfangs mit leichten Vorteilen für Vicky. Keine 120 Sekunden waren vorüber, als André Monteiro Branco nur haarscharf am rechten Kreuzeck vorbei zielte. Auf der Gegenseite scheiterte Veli Sulejmani nach tollem Saglam-Pass an Dennis Lohmann und am Außenpfosten (10.). Ein kleiner Vorgeschmack von dem, was noch folgen sollte. „Wir sind anfangs nicht gut reingekommen und waren die ersten 20 Minuten etwas unsicher“, so Gutmann. „Aber dann haben wir immer besser ins Spiel gefunden.“ Vor allem Aytac Erman kam vor der Pause noch zu zwei Hochkarätern: erst musste er sich aus 15 Metern halbrechter Position einem Lohmann-Reflex beugen (42.), dann kam er nach einem Sulejmani-Freistoß komplett ungehindert zum Kopfball, traf das Spielgerät aber nicht voll (45.). Zuvor zielte Nick Scharkowski auf der anderen Seite aus der zweiten Reihe nur einen Deut zu ungenau (32.), ehe Luis Hacker aus 18 Metern Mirko Oest zu einer Flugeinlage zwang (36.). Unmittelbar vor dem Pausenpfiff kam es an der Außenlinie zu einem regelrechten Schlagabtausch, als Klaas Kohpeiß nach einem Foulspiel an Onur Saglam eine Kopfnuss andeutete, beide Bänke aufsprangen und der Gefoulte kurz darauf auf seine blutende Lippe zeigte. Schiedsrichter Johannes Mayer-Lindenberg beließ es bei einer Gelben Karte für Kohpeiß und erklärte Saglam mit energischer Stimme: „Sie markieren hier nicht gleich den sterbenden Schwan!“

Teutonen-Chancenwucher - Bergmann mit famoser Rettungsaktion

Felix Dieterich rauscht um einen Wimpernschlag am Ball vorbei. Foto: Damm

Viel Rasse, Klasse und Emotionen in einem Duell, das hin und her wog. Im zweiten Abschnitt nahm dann auch die Qualität der Torchancen um einiges zu. Erst köpfte der völlig alleingelassene Marc Lange einen Monteiro-Eckball am zweiten Pfosten über das Gehäuse (49.). Dann ballte Dennis Bergmann auf der anderen Seite die Fäuste. Warum? Nach Gutmanns Hereingabe von rechts hatte Felix Dieterich – gefühlt aus zwei Metern – das verwaiste Tor vor sich, doch Bergmann eilte von hinten zurück, ging zu Boden, setzte zur Grätsche an und kratzte die Pille in unfassbarer Manier noch von der Linie. Eine überragende Rettungstat (52.)! Wenige Momente später rettete Vincent Ermisch in höchster Not vor Seyhmus Atug (54.), ehe wiederum Dieterich nach einer Flanke von links um wenige Millimeter am Ball vorbei schlug und Gutmann fast von der Grundlinie am Außenpfosten hängenblieb (59.). Doch das war noch nicht alles: nachdem Scharkowski für Victoria den Führungstreffer verpasste (58.), flankte Dieterich mit Effet auf Sulejmani, der noch einen Gegenspieler aussteigen ließ und dann aus elf Metern das rechte Toreck um einen Wimpernschlag verfehlte (64.). „Leider haben wir in einigen Situationen den letzten Killerinstinkt vermissen lassen. Und dann denkt man sich als Trainer schon mal: ‚Oh man, wenn du drei solche Riesen vergibst, kann sich das im Fußball schnell rächen.‘ Aber zum Glück haben wir uns dann belohnt“, nahm Titze das vorweg, was dann geschah. Allerdings hätte es auch andersrum ausgehen können, wenn Monteiro Branco nach Scharkowski-Zuspiel nicht noch den Extra-Pass auf den eingewechselten Ebenezer Utz gespielt hätte. Denn der Linksfuß hatte zentral vor dem Tor eigentlich freie Schussbahn (70.). „Das haben wir in der Situation nicht gut gelöst“, ärgerte sich Richter. Stattdessen rollte der Gegenzug. Erman und Gutmann im Doppelpass. Letztgenannter aus halbrechter Position trocken ins lange Eck – Lohmann geschlagen, 1:0 (71.)!

T05 geht auf's Zweite - "Erman-Goal" schlägt wieder zu

Dann rettet Vincent Ermisch (2. v. re.) in allerhöchster Not. Foto: Damm

Der Bann war gebrochen – doch der Drops noch lange nicht gelutscht. Wieder spürte Lange nach einem Monteiro-Eckstoß kaum Gegenwehr, aber erneut fehlte es ihm an der Präzision im Kopfball (74.). Apropos Präzision: die ließ auch Vincent Boock nach einem herrlichen Konter über Erman und Sulejmani vermissen (80.). „Vicky ist eine Mannschaft mit einer sehr guten Mentalität, die immer zurückschlagen kann. Von daher war ich froh, dass wir nach dem 1:0 nicht nachgelassen haben, sondern auf das zweite Tor gegangen sind“, so Titze, dessen Elf daraufhin auch noch einmal nachlegte. Wieder war es Gutmann, der nun in offensiverer Rolle für mächtig Wirbel sorgte und Aytac Erman das 2:0 auf dem Silbertablett servierte. „Erman-Goal“ hatte wieder zugeschlagen (82.)! Wer nun jedoch glaubte, das wäre der endgültige Genickbruch für die Mannen von der Hoheluft gewesen, der sah sich schnelle eines Besseren belehrt. Ein wunderbar vorgetragener Angriff über Marc Lange, Julian Schmid, Nick Scharkowski und Ebenezer Utz wurde von diesem per sattem Strahl in den linken Knick veredelt – nur noch 1:2 aus Gäste-Sicht (86.)! Aber um es vorweg zu nehmen: Zum Ausgleich sollte Vicky nicht mehr kommen, vielmehr zeigte Sulejmani in der Schlussminute auf Höhe der Eckfahne noch ein Kabinettstückchen der ganz edlen Sorte, das auch die Bankspieler der Teutonen nicht mehr auf ihren Sitzen hielt. Mit der linken Hacke spitzelte er sich den Ball gegen zwei Gegenspieler auf den rechten Fuß, um die Kugel dann wieder mit der linken Hacke über das Duo hinweg zu spielen. Eine Wahnsinns-Aktion – allein der Ertrag fehlte. Aber den hatten seine Teamkollegen wenig später in Form von drei Punkten.

Titze: "Wir haben es wieder geschafft, noch eine Schippe draufzulegen"

Aytac Erman (li.) sorgte mit seinem Tor zum 2:0 für Erleichterung auf der Teutonen-Bank. Foto: Damm

„Ich bin natürlich sehr glücklich über mein Tor und die Vorlage. Aber die Hauptsache ist, dass wir so ein wichtiges Spiel gewonnen haben“, hielt sich Gutmann mit Eigenlob zurück. Stattdessen war die Erleichterung nach den vergebenen Hochkarätern groß. „Das wäre schon sehr bitter gewesen – nachdem wir einige Chancen ausgelassen haben. Deshalb bin ich umso glücklicher, dass wir uns noch belohnt haben.“ Sein Trainer freute sich derweil darüber, dass „wir es in der zweiten Halbzeit, wie eigentlich immer, geschafft haben, noch eine Schippe draufzulegen.“ Auch wenn Victoria am Ende noch einmal „den Willen und Charakter der Mannschaft“ unter Beweis gestellt hat, habe man in der zweiten Halbzeit gesehen, so Richter, „dass man die Qualitäten von Teutonia in der Offensive nur schwer über 90 Minuten verteidigen kann.“ Abschließend gab „Doppelscorer“ Nick Gutmann noch eine kleine Prognose ab: „Vicky ist schon sehr stark und dann ist danach noch Niendorf. Es wird nicht einfach – aber wir stehen jetzt weit oben und da wollen wir auch bleiben!“


Die PK mit beiden Trainern - inklusive Statements zum Thema "Regionalliga" - im Video

Autor: Dennis Kormanjos

Kommentieren