Kreisliga 1

Qualität und Freundschaft als Erfolgsrezepte: Tutak sieht HNT-Parallelen zu Athletic Bilbao

10. Juli 2020, 08:48 Uhr

Seinen Durchbruch hatte Emre Tutak in der Oberliga beim FC Südrelbe - nun kickt er seit dieser Saison bim Kreisliga 1-Meister HNT. Foto: Bode

Vier Jahre lang kickte Emrecan Tutak in der Jugend des FC St. Pauli und hoffte auf den großen Durchbruch. Nach diversen Einsätzen in der U17- und U19-Bundesliga-Mannschaft der „Kiezkicker“ folgte er im Sommer 2014 jedoch den Lockrufen von Jean-Pierre Richter zum FC Süderelbe. Für die „Kiesbargler“ absolvierte der hoch veranlagte Allrounder – nach einem einjährigen Gastspiel bei Dersimspor – in zwei Spielzeiten 32 Oberliga-Partien. Es folgten Stationen bei Juventude und dem Harburger TB in der Landesliga. Inzwischen ist Tutak allerdings sportlich in der Kreisliga beheimatet – oder zumindest ist er es in dieser Saison gewesen. Denn mit der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft hat man der Einser-Staffel deutlich den Stempel aufgedrückt: 22 Spiele, 19 Siege, drei Unentschieden – und ein Torverhältnis von 97:15!

Gleich in seinem ersten Oberliga-Einsatz gegen den SCVM traf Tutak (Mi.) beim 3:1-Sieg im damaligen Saison-Eröffnungsspiel seines FC Süderelbe zum 3:0 ins Schwarze. Foto: KBS-Picture.de

„Um ganz ehrlich zu sein, spiele ich dort nur wegen meiner Freunde“, macht Emre Tutak keinen Hehl daraus, was die Gründe dafür sind, wieso es ihn in die Kreisliga gezogen hat. „Die ganze Mannschaft besteht nur aus Freunden“, unterstreicht er die Besonderheit der HNT – und zugleich auch das Erfolgsrezept: Die Verbundenheit zueinander. „Wir kicken seit elf, zwölf Jahren jeden Sonntag auf dem Soccerplatz zusammen“, so Tutak. Daraus entstand die Idee, gemeinsam in einer Mannschaft den Hamburger Amateurfußball aufzumischen. Doch bevor es dazu kam, gründete man zunächst eine Futsal-Truppe. „Da haben wir auch fast alles rasiert und sind bis ins ‚Final Four‘ gekommen, wo wir unglücklich verloren haben“, erinnert sich der heute 23-Jährige.

"Ich habe einen großen Fehler gemacht"

Insgesamt 32 Oberliga-Spiele absolvierte Tutak (li.) für den FC Süderelbe. Foto: Bode

Als sich die Liga-Mannschaft der HNT „so gut wie auflösen wollte“, starteten Tutak und Co das bereits zuvor anvisierte Projekt. „Ein paar Jungs haben schon in der Jugend für die HNT gespielt. Der Verein hat eine geile Anlage und großes Potenzial.“ Tutak selbst stieß allerdings erst zu dieser Saison dazu, weil er schon „woanders zugesagt hatte und mein Wort nicht brechen wollte“, wie er verrät, um dann sich selbst einzugestehen: „Ich habe einen großen Fehler gemacht, als ich zu Juventude in die Landesliga gegangen bin, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nicht bereit war, in die Kreisliga zu gehen.“ Bei Juventude kannte er drei Spieler, die ihn letztendlich auch von einem Wechsel überzeugt haben. „Ich mag es eigentlich nicht so gerne, in ein Umfeld zu kommen, wo ich die Leute nicht richtig kenne.“ Als klar war, dass es für Juventude do Minho nach nur einem Jahr wieder in die Bezirksliga geht, wollte Tutak noch einmal höher hinaus. „Daraus wurde aber nichts, weil ich kurz vor Saisonende 18/19 einen Unfall hatte und sechs, sieben Monate raus war“, blickt er zurück – und erklärt: „Mir wurde ein Teil der Lunge entfernt, so dass ich ein bisschen kürzertreten musste.“

"Ab dem Moment war endgültig klar, dass das Thema durch ist"

Mit seinem Tempo sorgte Tutak (li.) - hier im Duell mit Marcel Rodrigues - für viel Gefahr. Foto: KBS-Picture.de

Tutak liebäugelte nach seiner Genesung nun mit einem Wechsel zur HNT. Doch seine Freunde rieten ihm davon ab. „Sie haben mir immer gesagt, dass ich noch nicht in die Kreisliga kommen, sondern mein Glück höher versuchen soll. Aber ab dem Moment war mir endgültig klar, dass das Thema höherklassiger Fußball für mich durch ist – und dass ich nun zur HNT und zu meinen Freunden kommen will und werde.“ Auch, weil er in den Jahren zuvor einige Erfahrungen sammelte, die nicht nur positiver Natur waren: „Obwohl das ‚nur‘ Amateurfußball ist, steckt da sehr viel Politik dahinter. Bei einigen Vereinen zählen Freundschaften mehr als Leistung.“ Apropos Freundschaften: Mit seinen Jungs wollte er nun „zusammen etwas erleben und Spaß am Fußball haben“. Zwar hätte er „schon Bock, nochmal höher zu spielen“, so Tutak, „aber nicht um jeden Preis. Für mich ist es auch nichts Besonderes mehr, nochmal Oberliga zu spielen. Ich muss da nicht unbedingt hin. Sollte sich eine tolle Möglichkeit bieten, würde ich jetzt nichts verneinen. Aber es ist nicht mein Ziel, nochmal dort zu spielen.“

"Das habe ich so noch nie in einer Mannschaft erlebt"

Körper an Körper: Emre Tutak (re.) im Kampf um den Ball gegen Curslack-Kante Sebastian Spiewak. Foto: KBS-Picture.de

Und wenn, dann mit seinen Freunden, „die vom Niveau her alle besser sind als Kreisliga“, betont Tutak. „Die Hälfte könnte locker in der Landesliga, zwei, drei Jungs könnten auch in der Oberliga spielen.“ So wie Hakan Kendir, den Tutak als „Maschine auf der Sechs“ bezeichnet, die bereits höherklassig erfahrenen Rustam Weizel und Zana Demir oder auch Torjäger Dominik Adler. Das Trio hat jeweils weit über 30 bis 35 Scorerpunkte gesammelt. Man habe aber auch Akteure im Kader, die zuvor „noch nie in einem Verein waren, aber richtige Straßenfußballer sind und mit dem Ball gut umgehen können“, wie zum Beispiel der junge Abwehrchef Sergej Kalinowski, der bis auf eine Ausnahme alle Spiele bestritten hat und zuvor noch nie in einem Verein aktiv war. „Es ist für jeden einzelnen Spieler etwas Besonderes, dass wir zusammenspielen. Das habe ich so auch noch nie in einer Mannschaft erlebt“, unterstreicht Tutak, der zusammen mit Kendir aus dem Zentrum heraus agiert, das einmalige Gefüge bei der Elf von Spielertrainer Morris Avsar.

"Wenn ich sage, wir möchten nicht oben mitspielen, würde ich lügen"

Zana Demir (li.) war jahrelang für Dersimspor in der Landesliga aktiv - nun ist er mit 31 erzielten Treffern der Top-Torjäger der HNT. Foto: Bode

Klar ist: Wenn man eine Liga derart dominiert (Tutak: „Wir haben die Mannschaften teilweise auseinander genommen“), wie es die Hausbruch-Neugrabener TS in dieser Spielzeit getan hat, dann kann es in der kommenden Bezirksliga-Saison nicht ausschließlich um den Klassenerhalt gehen. Oder? „Wenn ich jetzt sage, wir möchten nicht oben mitspielen, dann würde ich lügen“, so ein offen und ehrlicher Tutak. „Davon ausgehen kann man zwar nicht. Aber wir werden mit diesem Kader schon oben mitspielen und haben auch das Potenzial dazu – auch wenn es vielleicht nicht gleich um Platz eins sein wird.“ Dennoch: „Wenn ich das mit der einen oder anderen Mannschaft vergleiche, die aus der Kreis- in die Landesliga durchmarschiert ist, dann sage ich ganz ehrlich: Wir sind viel besser besetzt. Ich traue uns etwas zu“, gibt er sich optimistisch. Allerdings müsse sich dann auch im Drumherum noch ein bisschen was tun und entwickeln. „Wir sind alle ein bisschen chaotisch“, schmunzelt Tutak. „Der eine Spieler kommt mit einem Rooney-Trikot zum Training, der andere mit einem von Franz Beckenbauer. Im Endeffekt hat das nichts mit der Leistung auf dem Platz zu tun, aber das Organisatorische und Außenbild ist auch sehr wichtig, so dass man frei aufspielen kann“, weiß er aus eigenen Erfahrungen. Auch wenn man jetzt schon merken würde, dass „das Ansehen gestiegen ist“.

"Ein bisschen so wie bei Athletic Bilbao"

Mit seiner Oberliga-Erfahrung ist Tutak (re.) im Mittelfeld-Zentrum einer der absoluten Leistungsträger und Erfolgsgaranten. Foto: KBS-Picture.de

Große personelle Veränderungen wird es jedenfalls nicht geben – und sind auch gar nicht so einfach zu realisieren, da die Spieler zum engen Freundeskreis gehören müssten. „So etwas gibt es kaum. Es ist ein bisschen so wie bei Athletic Bilbao, wo nur Basken in der Mannschaft spielen“, zieht Tutak einen Vergleich – und verrät: „Wir haben natürlich ein paar Leute, die aktuell noch höherklassig spielen, im Blick. Aber die wollen wir noch nicht holen, das wäre zu früh. Wir möchten ihnen auf dem Weg keine Steine in den Weg legen. Die Zeit ist einfach noch nicht gekommen.“ Dafür ist die der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft gerade angebrochen…

Autor: Dennis Kormanjos

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