Corona-Virus

Planung in der Krise: Zwischen „alles auf Eis gelegt“ und „Vereine und Funktionäre werden umdenken – weil sie es müssen“

25. März 2020, 15:00 Uhr

Osdorfs Manager Cemil Yavas hat eine klare Meinung, wie es sich nach der Corona-Krise in Sachen Gehaltsgefüge entwickeln wird. Foto: Bode

Als der SV Curslack-Neuengamme unlängst seine beiden Sommer-Neuzugänge Christian Peters und Tyrone-Nick Töner bekanntgab, da erklärte Oliver Schubert: „Wir sind weiter sehr aktiv und werden in den nächsten zwei bis drei Wochen den einen oder anderen Spieler dazu bekommen, so dass wir mit unseren Planungen für die kommende Saison schon sehr weit sind.“ Auch mit Spielern aus dem aktuellen Kader sei man in Gesprächen – aber: „Die sind aktuell natürlich schwierig zu führen und zu gestalten. Am Telefon macht das wenig Sinn“, so der SVCN-Ligamanager, der damit das große Problem aller Vereine auf den Punkt bringt: Wie plant man denn eigentlich so eine neue Saison, wenn man gar nicht weiß, was mit der alten ist und wie es finanziell für die Vereine durch den Corona-Virus aussieht?

Thorsten Beyer hat dahingehend ganz klare Vorstellungen: „Bevor ich Gespräche via Skype mache, höre ich als Trainer auf“, sagte der Coach des SC Vier- und Marschlande jüngst der „Bild-Zeitung“ und baute kurzerhand in seinem Garten einen Pavillon auf, wo die Spieler-Gespräche derzeit stattfinden. Auf der Vereinsanlage des Ost-Bezirksligisten ist das nicht möglich, sie ist ebenso wie die Umkleide-Räume gesperrt. „Der Pavillon wird noch fünf bis sechs Mal zum Einsatz kommen“, so Beyer in der „Bild-Zeitung“. Denn allgemein ist man bei den Fünfhausenern mit der Planung für die kommende Saison schon sehr weit: 23 Spieler haben bereits zugesagt, bis zu drei Kaderplätze sind noch offen.

Stuhlmacher: „Man schwebt gewissermaßen schon in der Luft“

Cordis Sportlicher Leiter Matthias Stuhlmacher. Foto: KBS-Picture.de

Ein Zustand, um den Beyer und den SCVM der eine oder andere beneiden dürfte. Hamm United zum Beispiel. „Unser Trainer Sidnei Marschall scharrt schon mit den Hufen. Wir wollen gerne mit ihm verlängern, aber er möchte natürlich ach gerne wissen, wie der Kader für die kommende Saison aussieht und ob wir schon mit den Spielern gesprochen haben“, sagt Jassi Huremovic. Und genau da liegt das Problem: „Wir haben erst einmal alles auf Eis gelegt“, verrät der HUFC-Manager, „Stand heute kann bei uns keiner sagen, welche Summen wir zur Verfügung haben oder in wie weit die Krise auch unsere Sponsoren vor Probleme stellen wird. Wir wissen nicht, wie die Situation mit dem Virus weitergeht.“ Bei Hamms Ligakonkurrent Concordia hat man „schon mal definiert, wie der Etat in der kommenden Saison aussehen soll und mit welchen Spielern wir in die Gespräche gehen. Die Schwierigkeit ist aber natürlich da: Wie ernsthaft kann man eine neu Saison jetzt planen, wenn man nicht weiß, was passiert? Man schwebt gewissermaßen schon in der Luft“, verkündet der Sportliche Leiter Matthias Stuhlmacher auf Anfrage.

Eine Etage tiefer beim designierten Landesliga Hansa-Meister VfL Lohbrügge macht auch Robert Mimarbachi keinen Hehl daraus, dass die Unklarheiten „derzeit das großes Thema sind. Wir haben uns intern ausgetauscht, damit wir einen Stand der Dinge und Ideen haben, wie wir planen. Wir führen auch Gespräche mit potenziellen Kanidaten“, sagt der Manager der „Wild Boys“, der diese Aufgabe seit kurzem als Nachfolger des bisherigen Sportlichen Leiters Mato Mitrovic gemeinsam mit Trainer Elvis Nikolic ausfüllt. „Wir haben in Lohbrügge ein Konstrukt, das in der Ober- und Landesliga viele nicht haben: Wir Fußballer werden vom Gesamtverein gesponsert – das wuppt der VfL aus Beiträgen und Töpfen. Das – und das muss man ehrlich sagen – ist der Löwenanteil“, so Mimarbachi, der keine Sorgen hat, dass dem VfL in der Corona-Krise die Mitglieder abhanden kommen: „Die sind loyal.“ Insgesamt aber sei die aktuelle Situation „für die Vereine ein Blick in die Glaskugel. Keiner weiß, was wirklich kommt.“

Mimarbachi: „Für die Vereine ist das ein Blick in die Glaskugel – keiner weiß, was kommt“

Robert Mimarbachi, der Manager des VfL Lohbrügge. Foto: Bode

Auch Marcus Scholz nicht, obwohl der Manager des Niendorfer TSV immerhin sagen kann, „dass wir breit aufgestellt sind und Partner haben, die eine große Zuverlässigkeit garantieren.“ Aber ist der NTSV damit auch gleichzeitig aller Sorgen komplett ledig? „Jein“, sagt „Scholle“ verhalten, „wir müssen trotz allem gucken, wie sich alles weiterentwickelt, ob es größere Veränderungen gibt. Wir haben im November 2019 erste Gespräche geführt, was den Etat und die Ziele für die kommende Saison angeht. Das ist jetzt natürlich erst einmal obsolet.“ Der Oberligist aber „kann in der neuen Saison spielen“, versichert der NTSV-Manager und erklärt zudem, dass man „mit einigen Spielern Gespräche führt, mit denen wir schon vorher gesprochen haben.“ Stichwort Spieler und Verträge: Da wäre ja auch nich die Frage, was ist, wenn die Saison über den 30. Juni hinaus verlängert würde? Würden die Spielerverträge dann dennoch zu diesem Datum enden? Oder später? Würde sich im Zweifelsfall also vielleicht sogar ein ganzes Transferfenster nach hinten verschieben? „Ich weiß, dass sich der Hamburger Fußballverband mit diesem Thema beschäftigt. Auch wir machen uns zu diesem Thema schlau, haben aber bei uns den Vorteil, dass wir viele Spieler im Kader haben, deren Verträge noch über den 30. Juni 2020 hinaus laufen“, sagt Scholz.

Für Cemil Yavas steht derweil eines fest: „Diese Krise wird alle Vereine betreffen. Ich bin mir sicher, dass einige derzeit das große Flattern haben – das spiegelt zum Beispiel aber genau den Markt in der Oberliga wieder“, sagt der Manager des TuS Osdorf und konkretisiert: „Man muss sich ja nur mal – von der Krise losgelöst – das Thema Wedeler TSV in Erinnerung rufen. Die haben irgendwann gesagt. Wir machen diesen Wahnsinn nicht mehr mit, wir haben keine Lust mehr auf dieses Gefüge. Und es ist aus meiner Erfahrung heraus wirklich so: Früher konntest du dich noch mit Spielern treffen und an einen Tisch setzen und dann haben sie dir ihre Vorstellungen genannt. Heutzutage kriegst du gesagt: Wenn ihr Summe X nicht zahlen könnt, dann brauchen wir uns gar nicht erst zu treffen. Ich hoffe und glaube, dass sich dieses Gehaltsgfüge ändern wird. Es gibt in der Oberliga vielleicht zehn, 15 Vereine, die solche Summen zahlen können, weil die Sponsoren dahinter haben. Aber was ist nach der Krise, wenn Sponsoren betroffen waren? Dann können die Spieler die Forderungen nur runterschrauben – oder sie müssen sich eine andere Sportart suchen. Einige Vereine und Funktionäre werden umdenken – weil sie es müssen!“

Yavas: „ Die Spieler können die Forderungen nur runterschrauben – oder sich eine andere Sportart suchen “

Aus seiner Sicht „zeigt sich in der Krise der Charakter“, konstatiert Yavas und ist sich sicher, dass der TuS Osdorf gut aufgstellt ist: „Uns betrifft das weniger als andere Vereine – eigentlich überhaupt nicht. Jetzt wird sich ein bisschen zeigen, welche Vereine immer gesagt haben, dass sie nicht zahlen, es aber doch getan haben. Ich bin noch nie der Typ gewesen, der den Söldnern die Euro hinterherwirft. Wir verfolgen einen komplett anderen Weg. Bei uns gibt’s keine Festgehälter.“ Auch die Kaderplanung am Blomkamp „verändert sich nicht groß. Sicher: Wir hatten in der Vergangenheit auch Umbrüche, aber die mussten sein, wenn wir sie eingeleitet haben – aufgrund der Alterstsruktur beispielsweise. Wir werden unseren Weg, dass wir Talente aus unserer Region holen und sie weiterentwickeln, auch weiterhin verfolgen. Natürlich geht es nicht nur mit Talenten, sondern man braucht auch gestandene Spieler. Die waren bei uns rar. Aber wir hauen nicht die große Kohle raus dafür, auch wenn uns viele das nicht geglaubt haben. Wir setzen auf andere Geschichten“, verdeutlicht Yavas und präzisiert: „Wir haben einen Video-Analysten dazu geholt. Ich glaube, das ist in der Liga das erste Mal so, dass sich einer so um die Analyse kümmert. Wir wollen schon zur Halbzeit die ersten fünf Minuten nutzen, um mit Videos eine Analyse durchzuführen.“ 

Kommentieren