12.11.2017

Norderstedt beendet „Wölfe“-Fluch – „Lüne“ zurück auf großer Bühne!

Eintracht-Joker verschießt Elfer und wird dann zum Matchwinner

Hatte hinterher gut lachen: Eintracht-Torjäger Jan Lüneburg meldete sich - nach einem verschossenen Strafstoß - mit einem Doppelpack zurück und schoss seine Mannen damit zum ersten Sieg über Wolfsburg II. Archivfoto: KBS-Picture

Es sind Geschichten, die nur der Fußball schreibt! 63 Minuten lang musste sich Jan Lüneburg das Spielgeschehen von der Ersatzbank aus angucken. Dann streifte sich der Angreifer von Eintracht Norderstedt das rot-weiß gestreifte Trikot über, ersetzte Sinisa Veselinovic und leitete mit seinem allerersten Ballkontakt, als er gerade erst wenige Sekunden auf dem Platz war, gleich eine Situation ein, die zu einem Elfmeter für sein Team führte. Die große Chance zur Führung – und Lüneburg selbst schnappte sich das Spielgerät. Doch sein, wie er selbst befand, „viel zu halbherzig und schwach“ getretener Versuch landete genau in den Fängen von Wolfsburg II-Keeper Niklas Klinger. Nichtsdestotrotz hieß der Held am Ende des Spiels: Jan Lüneburg.

„Ich habe in letzter Zeit wenig gespielt, was sehr ungewohnt für mich ist“, trug Lüneburg sein Inneres nach dem Spiel nach außen. „Trotzdem habe ich versucht, immer dran zu bleiben.“ Diese Hartnäckigkeit hat sich nun ausgezahlt, wie auch sein Trainer Dirk Heyne konstatierte: „Ich habe einfach gemerkt, dass ‚Lüne‘ auf dem aufsteigenden Ast ist. Die Tore waren sicherlich der Lohn für seine Arbeit und es freut mich sehr für ihn“, erklärte er auf der Pressekonferenz nach dem 2:0-Erfolg über den Bundesliga-Nachwuchs des VfL Wolfsburg. Und es war nicht irgendein Sieg. Denn: In acht bisherigen Aufeinandertreffen verließen die Garstedter den Platz achtmal als Verlierer – und das mit einem Torverhältnis von 1:30! „Diesen Fluch haben wir besiegt“, jubelte Lüneburg, der maßgeblichen Anteil daran hatte. Dabei schien er nach seiner Einwechselung zunächst zur tragischen Figur des Spiels zu werden. Erst wenige Sekunden auf dem Platz, spielte der bullige Stürmer einen Doppelpass mit dem bärenstarken Linus Meyer. Dieser legte den Ball rechts Paul Jaeckel vorbei und dank dann im Strafraum zu Boden. Der Unparteiische deutete sofort auf den Punkt – Strafstoß!

Lüneburg beendet Elfer-Kapitel und trifft mit der nächsten Aktion

Linus Meyer (re.) zeigte eine ganz starke Vorstellung und war an nahezu jeder gefährlichen Situation beteiligt. Archivfoto: KBS-Picture

„Ich habe Felix (Drinkuth; Anm. d. Red) und Philipp (Koch) gefragt. Sie meinten, ich soll ihn einfach reinschießen“, verriet Lüneburg hinterher. „Ich war mir sicher, dass ich den mache.“ Doch dem Schuss fehlte es sowohl an Speed als auch an Präzision, sodass Klinger keine große Mühe hatte, den Strafstoß aus seinem linken unteren Toreck zu fischen (66.). „Im ersten Moment denkt man sich: okay, es soll im Moment einfach nicht sein. Es klappt derzeit irgendwie nicht bei mir“, musste Lüneburg zunächst auch vom Kopf her jenen Rückschlag verkraften und wegstecken. Doch das tat er auf beeindruckende Art und Weise! Sein Coach wunderte sich indes, dass der „Blondschopf“ – wenige Momente nach seiner Einwechslung – überhaupt der auserkorene Elfmeterschütze war. „Das war für mich sehr überraschend“, gestand Heyne. Während „Lüneburg“ einen Entschluss fasste: „Das war auch der letzte Elfer, den ich geschossen habe. Denn so gut ist meine Quote bei Norderstedt nicht.“ Fast im Gegenzug hatten die Gäste ihre beste Chance des Spiels und wären um ein Haar, zu diesem Zeitpunkt überraschend, auf die Siegerstraße abgebogen. Allerdings landete der Kopfball von Kapitän Marcel Stutter an der Latte (68.).

Doch dann begann sie, die große Show des Jan Lüneburg! Keine fünf Zeigerumdrehungen nach seinem verschossenen Elfmeter brachte Felix Drinkuth den Ball von der linken Seite flach und scharf nach innen. Linus Meyer legte mit dem Rücken zum Tor stehend geschickt in den Rückraum ab, wo der „Blondschopf“ lauerte und das Runde aus elf Metern links unten ins Eckige jagte – 1:0 (71.)! „Ich war natürlich sehr, sehr glücklich, dass ich gleich mit der nächsten Aktion das Tor mache. Dafür ist man ja als Stürmer da“, blieb der einstige Elmshorner ganz bescheiden. „Natürlich hatte ich die letzten Wochen nicht so viel Spielzeit, wie man sich das wünscht. Aber letztendlich hatten wir ja Erfolg. Klar war das heute für mich persönlich auch wichtig, aber noch wichtiger sind die drei Punkte“, stellt der 27-Jährige die Interessen der Mannschaft über seine eigenen – und machte dann gnadenlos da weiter, wo er mit seinem Führungstreffer aufhörte. In der Nachspielzeit erlief er einen fast aussichtslosen Ball und legte dann in einer Kontersituation für den völlig freistehenden Drinkuth quer. Doch der Linksfuß scheiterte mit seinem schwächeren aus allerkürzester Distanz an Klinger. Das hätte das 2:0 sein müssen, ehe der eingewechselte Yayar Kunath im Nachschuss auch noch am linken Pfosten hängenblieb.

"Mit Abstand unsere beste Leistung in vier Jahren gegen Wolfsburg"

Vergab erst den Hundertprozenter zur Entscheidung, bereitete dann aber das 2:0 mustergültig vor: Felix Drinkuth. Archivfoto: KBS-Picture

Sollte sich das Auslassen dieses Hochkaräters noch einmal rächen? Die Antwort gab die Eintracht auf dem Platz. Torhüter Johannes Höcker mit einem punktgenauen Abschlag auf Drinkuth, der sich an der linken Seitenlinie per 360-Grad-Drehung seines Gegenspielers entledigte, Tempo aufnahm und dann im richtigen Moment den Pass auf Lüneburg spielte. Dieser stoppte die Kugel mit rechts und schob dann eiskalt mit links zur Entscheidung ein (90. +4)! Norderstedt krönte eine starke und unheimlich reife sowie abgezockte Leistung über 90 Minuten mit einem hochverdienten Triumph über einen Aufstiegsanwärter. Genau die richtige Reaktion auf die desaströse 0:4-Schlappe aus der Vorwoche bei Drochtersen/Assel. „Das war mit Abstand unsere beste Leistung gegen Wolfsburg in vier Jahren Regionalliga“, freute sich der Doppeltorschütze und Matchwinner über den ersten Dreier gegen die „Wölfe“, und fügte dann an: „Im Fußball spielt sich das meiste im Kopf ab. Natürlich hat man diese Bilanz irgendwo im Hintergedanken, versucht aber, nicht darüber nachzudenken.“ Sein Trainer bilanzierte unterdessen: „Ich freue mich am meisten darüber, dass ich die Mannschaft genau das umgesetzt hat, worauf ich sie in der Halbzeitpause nochmal eingeschworen habe – nämlich aktiv zu bleiben und den Gegner dadurch zu Fehlern zwingen. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen genau so weitermachen wie in der ersten Halbzeit und den Gegner weiter anlaufen. So ist auch das erste Tor gefallen.“ 


Autor: Dennis Kormanjos

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