06.04.2019

Nach 100 Minuten: Licht aus, Spot an - Bauer überstrahlt alle(s)!

Lokstedt führt und verliert zu acht - „Jetzt weißt du, wer ich bin!“

Der Mann des Spiels: Nach seiner Einwechselung drehte Jendrik Bauer (Mi.) die hitzige Partie, die kurz vor dem Abbruch stand. Archivfoto: Küch

Nach Spielende lagen sie sich in den Armen und konnten darüber schon wieder schmunzeln. Doch in den 100 (!) Minuten zuvor, die allerhand und leider nicht immer nur Sportliches mit sich brachten (alle Highlights im LIVE-Ticker), lieferten sich Lokstedt-Coach Anto Josipovic und HSV III-Torjäger Jendrik Bauer ein kleines verbales Scharmützel. „Wer bist du denn?!“, frotzelte Josipovic in der ersten Halbzeit in Richtung Bauer, der nach Urlaub und einer absolvierten Trainingseinheit zunächst auf der Bank des Hammonia-Tabellenführers Platz nahm, nach einer strittigen Entscheidung des Schiedsrichter-Gespanns – es sollte leider beileibe nicht die einzige bleiben – und anschließendem Wortgefecht, an dem sich auch der Vorsitzende der „Rothosen“, Frank Schaube, beteiligte.

Die (sportliche) Antwort von Bauer: In der 61. Minute beförderte der zum zweiten Durchgang eingewechselte Stoßstürmer den Ball, nach einem vorausgegangenen Pfostenschuss von Sepehr Nikroo, zum Ausgleich in die Maschen. Daraufhin schnappte sich der Torschütze die Kugel, lief im Vollsprint an der Seitenlinie entlang, zur Mittellinie zurück und konterte lautstark in Josipovic‘ Richtung: „Jetzt weißt du, wer ich bin!“ Nach dem Spiel erklärte er auf Nachfrage: „Es gab ein kleines Wortgefecht in der ersten Halbzeit, als ich noch auf der Bank saß. Klar hat mich das zusätzlich motiviert und am Ende hatte ich dann ein ganz gutes Argument auf meiner Seite. Aber hinterher gibt man sich die Hand und dann ist auch alles wieder gut.“ Letzten Endes war es aber nicht nur „ein gutes Argument“, das Bauer auf seiner Seite hatte. Denn eine Viertelstunde vor Schluss erzielte er nach mustergültiger Vorarbeit von Kristijan Augustinovic auch noch das 2:1 (75.) und leitete in der sage und schreibe 100. (!) Spielminute das 3:1 ein, das Dominik Jordan nach Querpass von Christopher Rieder erzielte. „Das freut uns natürlich unglaublich für Jendrik“, so HSV III-Coach Marcus Rabenhorst. „Unser Gedanke war der, dass er reinkommt und vielleicht den Unterschied ausmacht. Das hat er getan! Er hat sich nicht von irgendwelchen Nebengeräuschen anstecken lassen, sondern Leistung gebracht und das Ding zu unseren Gunsten gedreht.“

„Hätten uns nicht beschweren dürfen, wenn’s andersrum entschieden wird“

Mit dem Ball in der Hand jubelte Bauer (li,) in Richtung Lokstedt-Coach Anto Josipovic.

Apropos Nebengeräusche: Davon gab es an jenem Abend eine ganze Menge! Erst bekam der Gastgeber einen Strafstoß zugesprochen, nachdem sich Jordan vom Tor wegbewegte. Torben Wacker konnte das Geschenk jedoch nicht annehmen, scheiterte am glänzendem Reflex von Jan Giesecke (25.). Dann erhitzte eine vermeintliche Notbremse von Jerry Sampaney, der den allein auf Tino Dehmelt zustürmenden Luis Gleich als letzter Mann zu Fall brachte, die Gemüter (27.). Bauer, zu jenem Zeitpunkt noch auf der Ersatzbank, sah die Szene wie folgt: „Das war so eine typische Fifty-Fifty-Entscheidung – in diesem Fall zu unseren Gunsten. Ich denke, wir hätten uns nicht beschweren dürfen, wenn‘s vielleicht auch andersherum ausgefallen wäre“, gestand er offen und ehrlich. „Aber ich schreibe das mal unter das Motto ‚Das Glück des Tüchtigen‘. Jerry ist ein sehr fairer Spieler und auch immer sauber in den Zweikämpfen. In der Situation hatte er auch das Glück auf seiner Seite, was man als Verteidiger in den entscheidenden Situationen aber auch mal braucht. Denn ein böses Foul war es nicht. Aber klar, wenn er pfeift, dann ist das eine Rote Karte.“

„Wir haben um das Gegentor geradezu gebettelt“

Stattdessen blieb die Aktion von Referee Lasse Holst ungeahndet. Doch Lokstedts „Ausnahmekönner“ Luis Gleich zeigte sich davon gänzlich unbeeindruckt und brachte sein Team kurz vor der Pause mit einem absoluten Traumtor, als er eine Ecke von Jan Johansen per Direktabnahme aus 15 Metern ins rechte untere Toreck jagte, in Front (39.)! Sollten den Norderstedtern im Titelkampf etwa die Lichter auf der Zielgeraden ausgehen? Zumindest zwei Flutlichtmasten machten schlapp. „Das war kein guter Auftritt von uns – gerade in der ersten Halbzeit haben wir geradezu darum gebettelt, das Gegentor zu kriegen“, fand Rabenhorst deutliche Worte – und fügte sogar noch an: „Eine ganz, ganz schwache erste Halbzeit. Es war völlig in Ordnung, dass Lokstedt geführt hat.“ Josipovic meinte unterdessen: „Wir haben gegen einen guten Gegner gespielt, hatten aber einen Matchplan, den wir gut umgesetzt haben und womit der Gegner Probleme hatte. Sie haben ganz oft über den Torwart gespielt, den wir dann auch angelaufen haben und er hat ein paar Mal unsere Spieler angeschossen. Wir waren gut im Spiel und sind durch ein sensationelles Tor verdient in Führung gegangen.“ Er wisse zwar nicht, so Josipovic weiter, „was bei denen in der Halbzeit angesprochen wurde. Aber auf einmal wurde Luis in jeder Situation getreten.“ Gemeint war 1:0-Schütze Luis Gleich, der nach einer guten Stunde aufgrund eines harten Einsteigens an der Seitenauslinie mit dickem Knöchel verletzt raus musste. „Dann sind sie besser ins Spiel gekommen und wir haben so ein bisschen den Faden verloren. Die haben es dann extrem gut gemacht, sind über die individuelle Klasse zurückgekommen.“

Spiel vor der Eskalation...

Ersin Cavus (re., Nr. 10) konnte es kaum glauben, als er für sein zweites Foul die Ampelkarte aufgebrummt bekam. Foto: Kormanjos

Die individuelle Klasse eines Jendrik Bauer: „Sie haben ihn vorne angespielt und er macht die Tore, wofür er nun mal bekannt ist“, stellte Josipovic fest – und dann mit einem Augenzwinkern klar: „Natürlich kenne ich seinen Namen! Lieben Gruß an ihn. Das macht er natürlich gut.“ Weniger gut lief es nach dem 1:1 jedoch für die Gäste. Erst sah Ersin Cavus für sein zweites Foulspiel die höchst umstrittene Ampelkarte (69.), ehe die Partie in der Schlussminute sogar vor der Eskalation und dem Abbruch stand (ALLES zu dem Thema - hier!). Grund: Ein „Fan“ der Hausherren warf den in die Zuschauerränge geflogenen Ball mit reichlich Schwung und einem wohl unpassenden Spruch auf Lokstedts Mohamed Ali. Dieser reagierte, indem er die Kugel mit Wucht in Richtung des Zuschauers zurückbeförderte und dafür glatt Rot sah (90.). Daraufhin kam es direkt vor den Anhängern des HSV III zu einer Rudelbildung, in der von Seiten der „Rothosen“-Sympathisanten auch Fäuste, Bierbecher und weitere Gegenstände flogen. Schlussendlich handelten sich auch noch Ante Beslic (90. +5, vermeintliche Schiri-Beleidigung) und Ersatzspieler Ferhan Aksoy (90. +5, soll gespuckt haben) den roten Karton ein. Als die Szenerie endgültig zu eskalieren drohte, beruhigte Josipovic seine Mannen von draußen und rief ihnen zu: „Wir spielen das zu Ende!“ Auch wenn man sich in diversen strittigen Momenten benachteiligt fühlte. Das sportliche Fazit zum Spiel zog der „Matchwinner“: „Lokstedt hat eine gute Truppe zusammen, die haben das insbesondere in der ersten Halbzeit richtig gut gemacht, sind gut in die Zweikämpfe gekommen und durch ein super schönes Tor in Führung gegangen. Für uns war der Rückstand nach den letzten Wochen ein neues Gefühl. Von daher freut es mich umso mehr, dass wir als Mannschaft Charakter zeigen und diese starke Lokstedter Mannschaft am Ende doch noch besiegen konnten.“ Und das nicht zuletzt dank der „Bauer-Power“...

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