Saison 2020/2021

„Matze“ macht mobil: Nagel fordert HFV auf, „gut gemeinte Konzepte zu überdenken und zu verbessern“

15. September 2020, 13:15 Uhr

Ahrensburgs Trainer Matthias Nagel hat sich in einem Brief an den Verband gewandt. Foto Bode

Nachdem bereits seit einiger Zeit feststeht, mit welchem Modus der Hamburger Fußball-Verband (HFV) die Saison 2020/2021 zu absolvieren gedenkt, regt sich an der Basis bei den Vereinen der Widerstand gegen einen Punkt aus dem Konzept: dem nämlich, dass die in der zunächst zu spielenden einfachen Hinrunde gesammelten Punkte nicht mit in die Meister- oder Abstiegsrunde genommen werden, sondern verfallen, da das Punktekonto dann auf Null gestellt wird. Neben Carsten Gerdey vom Oberligisten USC Paloma, der sich gestern zu Wort meldete, äußert auch Matthias Nagel Bedenken. 

Diese hat der Coach des Ahrensburger TSV, der aus der Bezirksliga Ost in die Landesliga Hansa aufgestiegen ist, dem Verband in Person von Geschäftsführer Karsten Marschner in einem Brief mitgeteilt, den Nagel in der vergangenen Woche in Richtung Jenfeld geschickt hat. Der ATSV-Übungsleiter hat uns das Schreiben zur Veröffentlichtung Verfügung gestellt, das wir nachstehend im Wortlaut veröffentlichen:

Foto: Bode

Sehr geehrter Herr Marschner,

in der vergangenen Woche hat der HFV die Ideen des Spielausschusses zum Spielmodus für die Saison 2020/2021 veröffentlicht. Dass es keine „normale“ Saison aufgrund der aktuellen Covid-19-Pandemie geben wird, sollte wohl jedem schon im Vorfeld klar gewesen sein. Es konnte letztendlich aus meiner Sicht nur zwei Modelle geben. Entweder hätte man die Staffeln verkleinert und so mehr Staffeln mit weniger Spieltagen für jede Mannschaft geschaffen, oder man entscheidet sich für eine einfache Hinrunde nebst Meister- und Abstiegsrunde. Ich persönlich hätte wahrscheinlich das erste Modell mit einer Hin- und einer Rückrunde bevorzugt, so wie es auch in Schleswig-Holstein und Niedersachsen der Fall ist. In der Oberliga hätte man dann den Meister durch Halbfinale und Finale oder auch nur einem Finale ermitteln können. Gut, nun ist die Entscheidung zu dem zweiten Modell gefallen. Es gibt natürlich schon einen Aufschrei bei vielen Vereinen, wenn man durch einen ungünstigen Spielplan beispielweise viele Auswärtsspiele auf ungewohnten Untergrund austragen muss. Oder man hat z.B. viele starke Gegner zu Hause, aber die direkten Konkurrenten um den Abstieg auswärts. Die Benachteiligungen können dort sicherlich vielfältig sein. Ich meine, dass ein guter Fußballer auf jeden Untergrund klar kommen muss und der Heimvorteil im Amateurfußball vielleicht einen Tick überbewertet wird. Eine unfaire Entscheidung wäre es allerdings, wenn man die Punkte aus der Vorrunde komplett streicht.

Ich möchte Ihnen dies an einigen Beispielen darlegen: Eine Mannschaft ist entweder frühzeitig für die Meisterrunde qualifiziert oder hat nach einigen Spieltagen schon kaum mehr eine Chance, in die Meisterrunde hineinzugelangen. Dadurch kann man in den letzten Spielen der Hinrunde die besten Spieler schonen und tritt dann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit der stärksten Mannschaft zu den Spielen an. Dadurch entstehen massive Wettbewerbsverzerrungen zu Ungunsten der Mannschaften, die noch bis kurz vor Ende der Hinrunde um den Einzug in die Meisterrunde kämpfen.Dadurch, dass eine Mannschaft in der einfachen Hinrunde, die ja im Endeffekt nur eine Vorrunde ist, ihre besten Spieler in den letzten Spielen schonen konnte, hat dieses Team einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber den Mannschaften, die bis zuletzt alles in den Spielen der Hinrunde investieren mussten. Mit „frischen“ Kräften können sich diese Mannschaften einen klaren physischen Vorteil verschaffen.

Foto: Bode

Die Leistungen der einfachen Hinrunde werden, außer natürlich durch das Erreichen der Meisterrunde, nicht berücksichtigt. Die Punkte, die man erspielt hat, zählen einfach nicht mehr. Wie frustrierend muss es für Mannschaften sein, die ganz knapp die Meisterrunde um einige wenige Punkte oder vielleicht nur um Tore verpasst haben, dass sie ihre Punkte nicht mit in die Abstiegsrunde nehmen können. Die Transferperiode im Winter kann zu starken Verwerfungen in der Leistungsfähigkeit der einzelnen Mannschaften führen. Finanzkräftige Vereine haben sehr viel mehr Möglichkeiten, ihren Kader für die jeweiligen Endrunden zu verstärken. Da die Erfolge aus der Hinrunde keine Berücksichtigung finden, kann man die vor der Saison gemachten Fehler bei der Kaderzusammenstellung sehr viel stärker korrigieren. Dies erfolgt in einem deutlich höherem Maße als bei einer „normalen“ Saison, da man keine Rückstände in der Tabelle im zweiten Teil der Saison erst einmal aufholen muss. Vereine, die vor der Saison ihre „Hausaufgaben“ gemacht haben, können dadurch extrem benachteiligt werden.

Aus diesen oben genannten Gründen bitte ich das Präsidium des Hamburger Fußball Verbandes inständig, noch einmal darüber nachzudenken, ob die Mannschaften nicht doch die Punkte aus der einfachen Hinrunde mit in die Meister- oder Abstiegsrunde mitnehmen dürfen. Alternativ könnte man auch nur die Punkte mitnehmen, die man gegen die direkten Konkurrenten der jeweiligen Runde erspielt, so wie das z.B. auch beim Handball bei Welt- oder Europameisterschaften der Fall ist. Ebenfalls sollte man bei diesem Modus überdenken, ob eine Wintertransferperiode erlaubt sein sollte. Da bis dahin wahrscheinlich eh nur ein kleiner Teil der Saisonspiele absolviert wurde, könnte man ggfs. darauf komplett verzichten, um stärkere Verwerfungen zwischen Hin- und Endrunde zu vermeiden. Zu guter Letzt möchte ich zu dem neuen Spielmodus noch anmerken, dass die Sommerpause zwischen dieser und der nächsten Saison für Mannschaften aus der Meisterrunde länger ist als für die Teams der Abstiegsrunde. Die Frage wird sowieso sein, ob man gerade bei Hinrunde plus Abstiegsrunde alle Spiele ordnungsgemäß durchbekommt, wenn es z.B. Spielausfälle aufgrund von Corona-Fällen oder auch Witterungsbedingungen gibt.

Foto: Bode

Ich möchte noch einmal betonen, dass ich mir der Schwierigkeit der aktuellen Situation bewusst bin und ich nachvollziehen kann, dass aufgrund der besonderen Situation (später Saisonbeginn, weniger Spieltage durch Umsetzung der Hygienekonzepte) keine für alle Vereine zufriedenstellende und hundertprozentig faire Lösung gefunden werden kann. Ich denke nur, dass der Hamburger Fußball- Verband gerade in so einer Situation noch stärker den Austausch mit den Vereinen suchen und die Befindlichkeiten oder Ideen seiner Mitglieder bei diesen Entscheidungen berücksichtigen sollte. Wir lieben alle unseren Sport und wollen Spaß und Freude aber auch in einem hohen Maße sportliche Fairness haben. Dieses Ziel können wir nur erreichen, wenn wir gut gemeinte Konzepte noch einmal überdenken und an gewissen Stellen auch verbessern.

Aus vielen Gesprächen mit Verantwortlichen von Vereinen aus der Oberliga bis hinunter zur Kreisliga weiß ich, dass ich mit dieser Einschätzung nicht alleine dastehe. Vielmehr sehen viele Vereine die von mir genannten Probleme und würden sich eine Änderung des Spielmodus wünschen. Auf jeden Fall sollten die Erfolge der Hinrunde ganz oder auch nur teilweise Berücksichtigung bei den jeweiligen Endrunden finden. Sollten von Ihrer Seite Rückfragen oder Anmerkungen zu meinen Ausführungen sein, würde ich mich über eine Rückmeldung sehr freuen. Gerne kann ich Ihnen auch die Vereine oder Verantwortlichen aufgeben, die mit mir in diesen Punkten übereinstimmen, damit Sie sich ein breiteres Meinungsbild einholen können. Ich möchte Ihnen und Ihren Mitarbeitern aber auch auf diesen Wege für die vielen und wohl intensiven Arbeitsstunden danken, die Sie in den letzten Wochen leisten mussten.  

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