Oberliga

Marschall: „Wenn man all die Umstände sieht, ist das wirklich märchenhaft!“

15. Oktober 2020, 10:03 Uhr

Es läuft! Sidnei Marschall führt mit Hamm United das Oberliga-Feld an. Foto: Bode

Man selbst bezeichnet sich als der etwas andere Verein. Als Club, der abseits des sportlichen Geschehens eine Haltung hat, diese gerne (lautstark) kundtut und damit häufig aneckt. Doch auch sportlich betrachtet hat der Hamm United FC zuletzt eine Menge Schlagzeilen geschrieben. Vor knapp drei Jahren stürzten die „Geächteten“ mehr oder minder aus dem Nichts in die Bezirksliga ab. Hamm stand vor dem sportlichen Knockout. Statt aufzugeben, rappelte man sich im Hammer Park wieder auf, schaffte den Durchmarsch in die Oberliga – und thront nun sogar an der Spitze in Hamburgs höchster Spielklasse.

Eliakim Kukanda (re.) ist bisher eine der großen Saison-Entdeckungen bei den "Geächteten". Foto: Bode

Man hat nicht nur „gezielt geguckt“ und „15 neue Leute“ dazu geholt, sondern im wahrsten Sinne einen Umbruch zu verzeichnen. Viele HUFC-Urgesteine, Leitwölfe und absolute Leistungsträger sowie Stimmungsmacher haben dem Hammer Park den Rücken gekehrt – darunter eine ganze Armada um Torhüter Samuel Graudenz, Spielmacher Alessandro Schirosi oder auch Raffael Kamalow, Marcel Schwarck und Jan Landau, die sich dem ETSV Hamburg angeschlossen haben. Hamm-Coach Sidnei Marschall hatte vor dieser Saison Schwerstarbeit zu verrichten. Nicht nur, dass der Übungsleiter das abgewanderte Personal sportlich ersetzen musste. Nein. Marschall musste mit „der Hälfte des Budgets aus der letzten Saison“ auskommen. Eine wahre Herkulesaufgabe. Und so gesteht der 40-Jährige auch ganz offen: „Hätte mir das jemand vorher gesagt, hätte ich den für wahnsinnig erklärt!“ Gemeint ist damit jene Tatsache, dass Hamm nach vier Spielen ungeschlagen an der Spitze des Oberliga-Tableaus weilt.

"Ich mag solche Herausforderungen"

Zwei Jahre lang stand David Jendrzej im Kader des FC St. Pauli II, kam dort aber nicht zum Einsatz. Nun ist er die Nummer eins bei Hamm. Foto: Bode

Als „mit Abstand schlechtestes Spiel“ hat Marschall den Auftritt seiner Mannen am vergangenen Wochenende beim Meiendorfer SV bezeichnet. Dennoch stand am Ende ein 4:2-Erfolg zu Buche. Nicht zuletzt dank eines überragenden Eliakim Kukanda, der drei Treffer vorbereitete und den Endstand selbst besorgte. Der 22-Jährige ist einer dieser Neuen, die keiner auf dem Zettel hatte. „Der Junge spielt für mich Dritte Liga“, schoss es aus Marschall nach dem Spiel heraus – nachdem Kukanda bei Concordia vergeblich auf den Durchbruch gehofft hatte. Der „Flügelflitzer“ ist der Cousin von Sebastiao Mankumbani. „‚Sebi‘ hat mir ein paar Videos geschickt. Auch wenn ich darauf nicht viel gebe, war schon zu sehen, dass ‚Elia‘ viel Tempo mitbringt“, verrät Marschall – und hoffte darauf, dass der aus Bad Oldesloe stammende Kukanda die gewünschte Verstärkung werden würde. Wie auch bei Keeper David Jendrzej


Der 21-Jährige durchlief die Jugendabteilungen von Eintracht Norderstedt und dem Niendorfer TSV. Zuletzt war er zwei Jahre lang bei der U23 des FC St. Pauli aktiv, kam bei den Kiezkickern in der Regionalliga allerdings nicht ein einziges Mal zum Einsatz. „Elia hat letzte Saison vier Spiele gemacht. David hat zwei Jahre lang gar nicht gespielt. Ich habe mit den Jungs gesprochen – und mag solche Herausforderungen“, erklärt Marschall – und fügt an: „Wenn jemand zwei Jahre lang sechs Tage die Woche in der Regionalliga trainiert hat, dann kann er ja nicht komplett blind sein. Ich habe ihm die Bühne gegeben.“

"Wenn man unsere Bedingungen sehen würde..:"

Der vom ETV aus der A-Jugend gekommene Demian Wicke (Mi.) trumpfte in der Vorbereitung groß auf, fehlte zuletzt aber verletzungsbedingt. Foto: Bode

Eine Bühne, die Jendrzej bisher für sich eingenommen hat. Dabei waren die Fußstapfen, die der jahrelange Stammkeeper Samuel Graudenz und der Oberliga-erfahrene Frederic Böse hinterlassen haben, durchaus groß. Aber bei HUFC läuft’s momentan einfach. Und das, obwohl Marschall zuletzt sogar auf wichtige Akteure wie Tevin Tafese, Stephan Rahn, Bazier Sharifi, Rodrigo Baroni, Matthias Cholevas oder auch Jungspund Demian-Coray Wicke verzichten musste. „Da fehlt uns schon eine gewisse Kreativität – vor allem im Zentrum“, hadert Marschall aber gar nicht, sondern vertraut seinen Jungs, die sämtlichen Widerständen trotzen. Denn: „Wenn man unsere Bedingungen sehen würde…“, schmunzelt der einstige Spielgestalter und schlägt zugleich die Hände vors Gesicht. Da das Flutlicht an der Snitgerreihe nun schon seit mehreren Monaten defekt ist und das Bezirksamt sämtliche Termin-Vereinbarungen platzen lässt, trainiert Hamm am Tribünenweg. So weit, so gut – oder eben auch nicht. „Wir haben dort ein Drittel des Platzes mit Flutlicht-Masten, die wir selbst rausfahren und nur mit Benzin laufen. Wenn es regnet, dann haben wir gar keinen Platz zum Trainieren.“

"Nicht nur als Trainer will man sich verbessern"

Reibt sich die Hände: HUFC-Coach Sidnei Marschall trotzt mit seinem Team allen Widerständen. Hält der Lauf an? Foto: Bode

Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass Hamm die Oberliga auf diese Art und Weise rockt, befindet auch Marschall: „Wenn man all das sieht, dann ist es schon wirklich märchenhaft!“ Ein Märchen, das sich allerdings noch in den Anfangszügen befindet. „Es sind nur vier Spiele gespielt. Aber ich weiß, was in der Mannschaft drin steckt“, sieht der Trainer das Potenzial – und entgegnet auf die Frage, ob Hamm denn eine Spitzenmannschaft sei: „Wenn man auf die Tabelle guckt, ja. Die Tabelle lügt ja nie. Im Moment läuft’s.“ Und das soll auch so weitergehen – trotz oder gerade wegen der ganzen Steine, die den „Geächteten“ in den Weg gelegt werden. „Letzte Saison sind wir Zehnter geworden. Und nicht nur als Trainer will man immer besser sein, als in der Saison davor.“ Heißt: Im Hammer Park sind die Hoffnungen groß, der Abstiegsrunde zu entkommen und einen Anlauf auf die ersten acht Plätze, die zur Teilnahme an der Meisterrunde berechtigen, zu nehmen. „Wir gehen jedes Spiel mit breiter Brust an und brauchen uns nicht zu verstecken“, so Marschall abschließend.

Autor: Dennis Kormanjos

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