Oberliga

Haimerls BU-Zwischenbilanz: „Zweifel hatte ich zu keinem Zeitpunkt“

04. November 2020, 12:58 Uhr

Bislang hatte Jan Haimerl (re.) mit BU durchaus allen Grund zum Jubeln. Foto: noveski.com

Nach drei Jahren als Spieler, vier Jahren als Co-Trainer und weiteren drei Jahren als Chef-Trainer bei der Zweitvertretung hat Jan Haimerl den Sprung zum Liga-Trainer beim HSV Barmbek-Uhlenhorst geschafft. Beim Hamburger Traditionsverein hat der 37-Jährige die Nachfolge von Marco Stier angetreten, dessen alles andere als geräuschloser Abgang für großes Aufsehen sorgte. Mit uns hat Haimerl die ersten Monate im Amt Revue passieren lassen, über seinen Vorgänger und den unter anderem daraus resultierenden Druck, die bisherigen Auftritte sowie Ziele mit BU gesprochen…

FussiFreunde: Bevor wir zum Sportlichen kommen: Wie stehst du dazu, dass die Saison nun bis mindestens Ende November unterbrochen ist?

Seit dieser Saison hat Haimerl (re.) bei BU das sportliche Sagen. Foto: noveski.com

Jan Haimerl: „Wir müssen die Situation so annehmen, wie sie ist – und können es nicht ändern. Ich bin kein Freund davon, jetzt herumzujammern und zu meckern. Natürlich ist es weniger gut, wenn du nun eine Zwangspause einlegen muss, aber wir versuchen, das Beste draus zu machen.“

Inwieweit kannst die die Entscheidung nachvollziehen oder stößt sie bei dir auf völliges Unverständnis?

Haimerl: „Grundsätzlich ist es nachvollziehbar, dass man Infektionsketten damit unterbrechen will. Nachweislich ist der Sport draußen jedoch kein Brandherd, aber das Freizeitverhalten der Menschen macht dann auch den Sport zum Problem.“

Gehst du davon aus, dass in diesem Jahr noch Fußball im Amateurbereich gespielt wird? Und was denkst du, wie geht es generell weiter?

Nach holpriger Vorbereitung und der Auftakt-Niederlage in Süderelbe feierte Haimerl mit BU vier Siege in Folge. Foto: Bode

Haimerl: „Gute Frage, nächste Frage (lacht). Ich würde mich freuen, wenn wir am 05.12. in Curslack wieder starten. Das ist aber Wunschdenken. Ich habe für mich entschieden, diese ganze Spekulationen und ‚Insiderinfos‘ auszublenden, das lenkt vom Alltag ab und bringt dich sowieso nicht weiter. Wir hoffen alle, dass es schnellstmöglich weitergeht, denn man konnte seit Mitte September auf jedem Sportplatz deutlich sehen und erkennen, wie sehr der Amateurfußball den Hamburgerinnen und Hamburgern gefehlt hat.“

Dann kommen wir mal zum wesentlichen Aspekt. Nach der sportlich durchaus sehr erfolgreichen Zeit unter Marco Stier und dem alles andere als geräuschlosen Ende der Zusammenarbeit hast du die Geschicke übernommen. Als wie groß hast du den Druck empfunden, in ja auch für dich als Trainer neuen Gefilden sportlich ähnlich abzuliefern oder gar abliefern zu müssen?

Haimerl: „Die Zeit unter Marco Stier war sportlich sehr erfolgreich. Er hat sehr viel dafür getan und hart gearbeitet, dass es in diese Richtung geht. Mit seinem Rücktritt hat er für sehr viel Unruhe gesorgt. Ich habe heute noch das Gefühl, das einigen Personen gar nicht bewusst ist, dass es seine Entscheidung war. Die Zeit danach war extrem unruhig und auch ich persönlich habe viele unfreundliche und niveaulose Nachrichten von Leuten bekommen, mit denen ich nie ein Wort gesprochen habe und die mir auch nicht persönlich bekannt sind. Da hätte ich mir mehr Respekt gewünscht.“

Hat auch das für zusätzlichen Druck gesorgt?

Mit BU rangiert Haimerl auf dem dritten Platz in der Oberliga. Foto: Bode

Haimerl: „Das in Summe baut natürlich Druck auf und ist nicht gerade entspannend (lacht). Die Oberliga ist ein anderer Schnack als das bisher erlebte in meiner Trainerlaufbahn, aber es macht unfassbar viel Spaß. Sowohl in dieser Spielklasse, wie auch mit der Mannschaft und allen Leuten im Verein. Der Fokus auf uns beziehungsweise mich ist jetzt ein anderer und man muss lernen, damit umzugehen. Ich bin schon vielen sympathischen Leuten begegnet und freue mich auf weitere Begegnungen. Der vermeintliche Druck von mir persönlich fiel nach dem Sieg über Cordi ab, da es uns niemand zugetraut hätte, dass wir in dieser nicht wirklich einschätzbaren Saison mal von der Tabellenspitze grüßen. Das hat, wenn auch nur für drei Tage/Nächte, wirklich gut getan.“

Die Vorbereitung lief ja eher holprig, auch das erste Saisonspiel bei Süderelbe ging in die Hose. Inwiefern kamen da auch bei dir erste Zweifel auf?

Haimerl: „Die Vorbereitung war nicht gut, das ist allen, auch den Spielern, bewusst. Zweifel hatte ich zu keinem Zeitpunkt, weil diese Mannschaft ein guter und charakterstarker Haufen ist, der zudem noch richtig guten Fußball spielen kann. Wenn ein neues Trainerteam kommt und neun Spieler den Verein verlassen, dann dauert es, bis alle in die gleiche Richtung marschieren. Das klingt nach einer Floskel, aber es ist so.“

Dass ihr als Mannschaft und Team ums Team mit Druck offenbar gut umgehen könnt, hat sich in den Wochen danach mit den vier Siegen am Stück gezeigt. Was hat euch da so erfolgreich gemacht?

Mit drei Transfers kurz vor "Deadline Day" hat Haimerl den Kader noch einmal "aufgepimpt". Foto: Bode

Haimerl: „Keine Ahnung (lacht). Spaß beiseite. Wir sind beim Spiel in Osdorf schon ein kleines Risiko eingegangen, da wir Noor Al-Tamemy und auch Julian Pötzinger nach wenigen Einheiten in die Startelf geworfen haben. Der Sieg in Osdorf war am Ende eine kleine Initialzündung, das Risiko hat sich bezahlt gemacht und die Jungs haben es zurückgezahlt. Die Stimmung im Team stieg, alle legten ein paar Prozent drauf und wir kamen ins Rollen. Der Heimsieg gegen Vicky war dann ein absolutes Highlight, damit hatten die wenigsten gerechnet. Es war das erste Heimspiel nach Monaten, die Hütte war den Möglichkeiten entsprechend voll und wir konnten den Fans etwas zurückgeben für die lange Pause. Bei Hamm und gegen Cordi konnten wir dann nachlegen und ein paar Dinge bestätigen. Die Punkte waren wichtig und auch verdient, das hat sich die Mannschaft erarbeitet.“

Du hast gerade schon zwei Personalien angesprochen. Wie wichtig war es denn, kadertechnisch noch einmal nachzulegen?

Das Ziel sei es, unter die "Top Acht" zu kommen und sich damit für die Meisterrunde zu qualifizieren, so Haimerl. Foto: KBS-Picture.de

Haimerl: „Sehr wichtig! Wir als Trainerteam sind dem Verein auch sehr dankbar, dass uns das ermöglicht worden ist. Mit Pötzinger, Al-Tamemy und Bambur haben wir die Qualität nochmal erhöht und entscheidende Puzzleteile dazubekommen. Bambur kam zwei Wochen später dazu. Pötzinger und Al-Tamemy haben sich richtig schnell und toll eingefügt und integriert. Beide hatten direkt entscheidenden Anteil an den Siegen und haben die Siegtreffer in Osdorf und gegen Cordi erzielt. Benjamin Bambur ist ein Torgarant und unsere Aufgabe ist es jetzt, ihn wieder 100-prozentig fit zu bekommen, damit er viele Tore für uns schießt. Zwei hat er ja bereits gemacht.“

Die letzte Partie vor der Corona-Pause beim HSV III wurde verloren, dennoch steht BU auf einem guten dritten Tabellenplatz. Du selbst konntest nun auch erste Erkenntnisse sammeln und wirst auch eine kleine Einschätzung abgeben können: Wo geht die Reise für BU in dieser Saison hin?

Haimerl: „Dass du irgendwann wieder ein Spiel verlierst, ist doch klar. Ich habe mich über das Spiel im Nachgang noch tagelang geärgert, weil wir in der ersten Viertelstunde die Partie schon hätten entscheiden können. In Norderstedt ist es aber immer eklig und schwierig. Dennoch: Der dritte Platz ist eine tolle Momentaufnahme und bestätigt den Einsatz von allen im Verein. Ich sage bewusst von allen, weil gerade die Leute im Hintergrund viel zu kurz kommen. Was zum Beispiel Volker Brumm und Sascha Hansmann in die letzten Wochen und Monaten allein auf die Beine gestellt haben, ist beeindruckend und verdient höchste Anerkennung. Die Mannschaft und wir als Trainerteam werden natürlich gierig oder gieriger nach Siegen, das ist ja klar. Trotz allem muss man auch etwas realistisch sein. Wenn es wieder losgeht, ist quasi alles gefühlt vergessen und man startet wieder bei null. So wird es allen Teams gehen. Wir wollen unter die Top Acht und uns für die Meisterrunde qualifizieren, wenn es mehr wird, nehmen wir es gerne mit.“

Wie fällt denn dein bisheriges und ganz generelles Mini-Fazit nach sechs absolvierten Oberliga-Spielen aus?

Haimerl: „Gut. Wir können zufrieden sein. Natürlich ärgern einen die Niederlagen gegen Süderelbe und beim HSV III nun noch mehr als in den Stunden danach. Zwölf Punkte nach sechs Spieltagen sind aber ein ordentlicher Wert, der eine gute Grundlage für die Fortsetzung der Saison schafft. Natürlich haben wir ein paar Dinge, die wir inhaltlich, organisatorisch und sportlich noch mit der Mannschaft verbessern wollen und auch müssen, aber auch da ist Geduld gefragt – es geht nicht alles sofort und auf ein Mal.“

Eure drei Herren-Mannschaften spielen in der Ober-, Landes und Bezirksliga, die Jugend macht auch eine stetige Entwicklung durch. Wie siehst du den Verein im Allgemeinen sportlich für die Zukunft aufgestellt?

Haimerl: „Die aktuelle Situation ist für den Verein richtig gut. Wir können jedem Spieler, der aus der Jugend in den Herrenbereich kommt, eine Perspektive bieten. Wir sind in der Summe im Verein viel enger zusammengerückt und arbeiten noch mehr zusammen als vorher. Jan Piechowiak und Nick Völz haben im Herrenbereich große Anteile daran, da beide immer präsent sind, viele Themen abfangen und mit anfassen. Alle Spieler haben somit einen Ansprechpartner. Im Jugendbereich ist es schwieriger als im Herrenbereich, da dort leider eine große Fluktuation herrscht oder herrschte. Wir haben aber einen wirklich guten C-Jugend-Jahrgang der hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lässt. Michael Koss (Trainer Zweite Herren), Rene Fuchs (Trainer Dritte Herren) und Thomas Stamer (Trainer 1. A-Jugend) sind in engem Kontakt und haben bereits Spieler an den Herrenbereich herangeführt. Durchlässigkeit, Identifikation und Vereinstreue müssen zu den großen Bausteinen werden und daran arbeiten wir. Auch wir als Trainerteam der Liga zeigen da eine gewisse Nähe. Wir unterstützen die Teams nicht nur personell, sondern fassen auch mit an, wenn es etwas zu tun gibt und zeigen Präsenz.“

Autor: Dennis Kormanjos

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