Göttling: „Es war einzig und allein meine Entscheidung!“

Ex-Vicky-Coach im riesengroßen Zweiteiler-Interview

07. Januar 2016, 22:24 Uhr

FussiFreunde: Was war denn schlussendlich der Grund oder wahrscheinlich werden es in diesem Fall sogar mehrere Gründe gewesen sein, die Dich schon vor der Saison dazu veranlasst haben, zu sagen: Es wird meine letzte an der Hoheluft werden?

Göttling: „Natürlich stellt man sich vor der Saison die Frage, wie geht es weiter? Es war mein fünftes Jahr – und man will ja auch einen vernünftigen Abgang haben. Ich hatte bisher das Glück, noch nie entlassen worden zu sein. Ich bin überall im Guten ausgeschieden, kann mich bei jedem Klub noch sehen lassen und habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Diesen Punkt zu finden, den rechtzeitigen Absprung zu schaffen, ist eine große Kunst. Ich möchte jedenfalls nicht in Schimpf und Schande von einem Verein weggehen. Natürlich bin ich beruflich eingespannt, aber ich bin seit drei Jahren selbstständig und habe in dieser Zeit, wenn's hoch kommt, zwei Hände voll Trainingseinheiten verpasst. Ich habe eigentlich nie gefehlt, war immer die erste Person auf der Anlage und der letzte, der gegangen ist. Das ist natürlich stressig. Wir haben viermal in der Woche trainiert. Am Wochenende war ich dann bei Spielen, so dass ich sechsmal in der Woche unterwegs war. Man wird ja auch nicht jünger – aber stört mich das? Nein, denn ich mache das ja gerne. Aber es sind einige Dinge in der Vergangenheit gewesen, die mir absolut nicht gefallen haben und nicht meinem Perfektionismus entsprechen! Aber da möchte ich mich, wenn überhaupt, dann zu einem späteren Zeitpunkt zu äußern.“

FussiFreunde: Kurz eingehakt: Du meinst damit Dinge innerhalb der Mannschaft oder im Umfeld des Vereins?

Göttling: „Die Mannschaft nehme ich da komplett raus! Das sind alles Jungs, die wir durchleuchtet haben, die so ticken, wie wir es uns gewünscht haben – sonst hätte ich sie nicht geholt. In den viereinhalb Jahren hat es vermutlich eine Handvoll an Spielern gegeben, in denen man sich menschlich getäuscht hat. Was mir einfach ungemein wichtig ist, dass man sich in einer Gruppe bewegt, in der man sich wohlfühlt. Und damit meine ich alle – Spieler, Trainergespann und so weiter. Ich habe immer gesagt, dass ich keine Lust habe, mich in meinem Leben mit Arschlöchern zu umgeben. Das ist einfach so. Ich muss nicht mit jedem ein Bier zusammen trinken, aber jeder muss jeden respektieren und so akzeptieren, wie er ist. Es sind in der Vergangenheit einige Dinge nicht so gelaufen, wie ich und wir uns das als gesamtes Gespann gewünscht haben, um auch gegeben falls in gewissen Situationen auch Punktlandungen hinzulegen. Das ist ein Wortlaut von Ronald Lotz, der sagt: 'Wenn du Meister oder Pokalsieger werden willst, musst du Punktlandungen hinlegen.' Und dazu gehört die 100-prozentige Mitarbeit aller an der Mannschaft beteiligten Personen. Da zähle ich auch einen Platzwart dazu. Wenn du Meister werden willst, dann muss über 34 Spieltage alles passen – das hat das letzte Jahr gezeigt. Und das war bei uns in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Man hat immer irgendwo ein paar Prozentpunkte liegen gelassen, um gewisse Ziele nicht zu erreichen. So etwas stört mich, hat mich gestört und das habe ich auch so geäußert. Ich möchte mich ja auch nicht dem Tempo von jemandem anpassen, sondern es selbst bestimmen und dann müssen möglichst alle mitziehen. Denn nur so kann man erfolgreich sein! Wir reden zwar über den Amateurfußball, aber über einen Bereich, in dem Geld bezahlt wird. Und wenn ich Geld bekomme – selbst wenn es nur fünf Euro sind –, dann kriege ich dies von einer anderen Person, die im Gegenzug eine gewisse Erwartungshaltung hat und zwar zu Recht. Diese habe ich dann zu erfüllen. Wenn ich das nicht kann, dann muss man etwas anderes machen oder darüber reden, dass man sich getäuscht hat. Nur so kommt man durchs Leben. Natürlich sind all das Momente, in denen man sich selbst auch Gedanken macht. Ein weiterer Punkt, der mich ein bisschen gestört hat, ist der, dass man das Training von vier auf drei Einheiten in der Woche reduziert hat. Man strebt nach oben, macht aber gleichzeitig weniger. Natürlich kann man dagegen halten, dass ein dreimaliges intensives Training vielleicht wirkungsvoller sei – aber ich bin der Meinung, wenn man mehr macht, dann erntest du auch mehr. Und wenn du in dieser Liga erfolgreich sein wirst, dann musst du vier-, fünfmal trainieren.“

FussiFreunde: Fällt unter diese von Dir angesprochenen Dinge auch der Melde-Rückzug für die Regionalliga in der vergangenen Saison?

Göttling: „Wir als Mannschaft haben sehr lange geglaubt, dass wir diesen Weg gehen. Es gab Spieler, die haben ihren Urlaub so eingereicht, um daran teilnehmen zu können. Und der sportliche Erfolg war ja auch da. Zum damaligen Zeitpunkt war es die absolut richtige Entscheidung des Vereins, diesen Weg nicht zu gehen! Aber natürlich war das auf Kosten der Mannschaft und des Trainergespanns, die ein Jahr lang darauf hingearbeitet haben, diesen Schritt zu schaffen. Ich bin selbst Kaufmann und da schlagen dann zwei Herzen in einer Brust: Einerseits weißt du, dass es nicht richtig wäre, es zu machen – da es für den Verein, der über viele Jahre so gut aufgestellt war, auch mal schnell nicht nur ein Schienbeintritt mit blauen Flecken, sondern ein richtiger Bruch werden könnte. Dafür gibt es genügend Beispiele. Aber umgekehrt ist es für dich als Trainer, der bei Wind und Wetter mit den Jungs auf dem Platz steht und den Erfolg unbedingt haben will, ein regelrechter Schlag in den Nacken! Du weißt in dem Moment auch nicht, wie du dich der Mannschaft gegenüber verhalten sollst – wir waren zu dem Zeitpunkt ja noch im Pokal dabei. Natürlich wurde ich ein paar Tage eher darüber in Kenntnis gesetzt und du trägst da ein schlechtes Gewissen der Mannschaft gegenüber mit dir herum. Denn ich prädige Ehrlichkeit und kann's in dem Fall selbst nicht beherzigen – zumal du zwischen den Fronten stehst. Man ist auf der einen Seite Vereins- und auf der anderen Seite Mannschaftsvertreter und hat beide Parteien gleichermaßen wahrzunehmen. Ich bin sogar der Meinung, dass ich eher noch zu 51 Prozent die Spieler wahrzunehmen habe, da ich tagtäglich mit ihnen arbeite.“

Im zweiten Teil des Interviews spricht Lutz Göttling über ein mögliches Nicht-Melde-Szenario für diese Saison und gibt seine Einschätzung ab. Zudem blickt er auf seine viereinhalbjährige Tätigkeit an der Hoheluft zurück, lässt die vielen schönen Momente sowie die zwei Jahre in der Regionalliga Revue passieren, und erklärt uns, wie es für ihn weitergeht...

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