09.01.2019

„Gemeinschaft und Liebe sind stärker, als ein Spieler, der das Boot verlässt“

Lokstedts „Abwehr-Ass“ Johann Eisenberg im Costa-Rica-Abenteuer

Von seinen Mitspielern nur "Otto" genannt: Johann Eisenberg ist Anfang Dezember nach Costa Rica aufgebrochen und wird Lokstedt nach der Winterpause fehlen. Foto: Mathias Reß

Er war bereits die Entdeckung der letztjährigen Bezirksliga-Nord-Saison, weckte mit seinen Leistungen das Interesse vieler höherklassiger Vereine – doch Johann „Otto“ Eisenberg hielt seiner Eintracht aus Lokstedt die Treue. Nicht nur aufgrund der errungenen Meisterschaft und des Landesliga-Aufstieges – vor allem wegen der „ganz besonderen Teamchemie“. Der gerade einmal 20-jährige Innenverteidiger lehrte auch in der Hinrunde diversen Gegenspielern und Kontrahenten das Fürchten, stand in 17 von 19 Partien auf dem Platz und erzielte zwei Tore für die famos aufspielenden „Döhrntwietler“, die als Liga-Neuling auf einem herausragenden sechsten Tabellenplatz überwintern.

Mit einem 5:1-Kantersieg gegen den durchaus ambitionierten FC Union Tornesch beendete Eintracht Lokstedt ein geschichtsträchtiges Jahr 2018. Auch Johann Eisenberg erlebte im abgelaufenen Jahr einen wahren (sportlichen) Höhenflug. Doch die Partie gegen Tornesch war auch für den „Blondschopf“ die vorerst letzte für Lokstedt. Denn: Die „Abwehrkante“ nahm am 8. Dezember ein ganz besonderes Abenteuer in Angriff – und zwar ging es für ihn nach Costa Rica, wo er mindestens ein halbes Jahr lang bleiben wird. Wir haben mit ihm über seine Reise, die besondere Beziehung zu Eintracht Lokstedt und den Amateursport im Speziellen gesprochen:

Du nimmst ein großes Abenteuer in Angriff und reist für längere Zeit nach Costa Rica. Wie kam es dazu?

Ein Herz und eine Seele: Im Sommer feierte Eisenberg - hier mit Trainer Josipovic - mit Lokstedt den erstmaligen Landesliga-Aufstieg. Foto: Kormanjos

Eisenberg: „Ich bin jetzt mit der Schule fertig und wollte nochmal ins Ausland, um dort spanisch zu lernen. Über Bekannte hat sich das letztlich so entwickelt. Aber ich habe schon im Sommer angekündigt, dass ich noch bis zum Winter da bin und den Flug extra so gelegt, dass ich das letzte Spiel noch machen kann, um den Verein in einer hoffentlich guten Ausgangslage zurückzulassen. Das hat ja zum Glück in den letzten sieben Spielen richtig gut geklappt. Wir haben ein gutes Polster und ich bin überzeugt davon, dass wir die Liga halten. Was im Sommer ist, kann ich aber noch nicht sagen.“

Das heißt, dass noch nicht feststeht, ob du dann wieder die Heimreise antreten wirst?

Eisenberg: „Nein, noch nicht. Ich will erstmal ein bisschen reisen, spanisch lernen und habe das alles relativ frei – ohne große Organisation – gestaltet. Natürlich ist es schade und ich gehe auch mit gemischten Gefühlen, weil wir allein schon vom Zusammenhalt her eine so geile Truppe beisammen haben. Wir haben keinen wirklichen Etat, es fließt kein Geld – und trotzdem spielen wir in der Landesliga einen guten Ball. Ich finde, das ist genau das, was den Amateursport ausmacht! Ich bin stolz, ein Teil des Ganzen und hier hineingewachsen zu sein.“

Hast du denn spezielle Verbindungen nach Costa Rica?

"Standing ovations" - auch von Josipovic (li.) - bei der Auswechslung von "Otto" Eisenberg nach dem letzten Spiel gegen Tornesch. Foto: Kormanjos

Eisenberg: „Es kam alles relativ spontan über Bekannte zustande. Ich gehe dort in ein kleineres Dorf, eine alte Kommune. Eigentlich wollte ich nur reisen und irgendwo etwas länger sein, um die Sprache zu lernen und eine komplett andere Kultur zu erleben.“

Wenn du im Sommer zurückkehren solltest, wäre Lokstedt dann die erste Anlaufstelle für dich?

Eisenberg: „Wenn ich nach Hamburg zurückkomme, die Mannschaft so bestehen bleibt und Anto (Cheftrainer Josipovic; Anm. d. Red.) und Ihsan (Co-Trainer Azizmahmutogullari) das hier weitermachen, dann auf jeden Fall! Das habe ich denen auch so gesagt. Ich habe jetzt keine großen Ambitionen – aber es kommt darauf an, was hier passiert. Anto weiß auch: Wenn ich weiter aktiv Fußball spielen will, dann auf jeden Fall hier.“

Du hast im Sommer einigen höherklassigen Interessenten – darunter BU – abgesagt. Auch wegen Anto und dem, was hier in der kurzen Zeit entstanden ist?

Eisenberg: „Definitiv! Und auch, weil ich ja schon wusste, dass ich im Winter weggehe. Hinzu kommt, dass wir aufgestiegen sind und mir all das hier mehr bedeutet hat, als ein paar Groschen. Das wäre es mir nicht wert gewesen, wegen 200 oder 300 Euro den Verein zu verlassen. Ich finde, es gibt genügend – vor allem junge – Leute, die versuchen, bei der Vereinswahl ein paar Euros hinterherzulaufen. Aber da war mir all das hier viel, viel mehr wert! Und würde man mich jetzt nochmal fragen, würde ich genauso entscheiden. Anto und Ihsan machen hier einfach geile Arbeit, bemühen sich um einen – und das ganze Team genau so.“

Ihr seid ein Aufsteiger, mischt die Landesliga auf und habt die letzten sieben Spiele allesamt gewonnen. Was macht Lokstedt für dich so besonders?

Auch Co-Trainer Ihsan Azizmahmutogullari (re.) herzte seinen Verteidiger bei dessen Auswechslung. Foto: Kormanjos

Eisenberg: „Ich habe das bisher auch noch nicht erlebt – auch wenn es meine erste Herren-Mannschaft ist (lacht). Wir haben viele bunte Charaktere – vom Arzt bis hin zum Abiturienten. Die Mischung der Charaktere ist gut und man ist sich einig: Wir werden alle keine Profis mehr, haben aber richtig Bock, leistungsbezogenen Fußball zu spielen. Wenn man dann noch so Typen wie Anto und Ihsan hat, wo die Chemie einfach stimmt, dann kann man nur glücklich sein, dass es so etwas noch gibt. Denn man muss ja auch ehrlich sein: Ab der Oberliga laufen die meisten Leute dem Geld hinterher. Es reden zwar alle noch vom Amateursport, aber so wirklich gelebt wird er nicht mehr.“

Nun wiegt dein Abgang sportlich enorm schwer. Glaubst du, dass die Mannschaft den Verlust kompensieren kann?

Eisenberg: „Ja, auf jeden Fall. Mit Marcel Gompf kommt ein langzeitverletzter zurück. Wir haben auch noch ein paar andere Spieler, die vielseitig einsetzbar sind und auf der Position spielen können. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Liga halten! Natürlich ist es ein bisschen blöd, dass Tamino Kunter und Jan Steinbüchel den Verein ebenfalls verlassen haben und ‚Pajo‘ (Josip Pajcic) sich so schwer verletzt hat. Das ist natürlich extremes Pech. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Jungs das Ding mehr als nur halten – und dass diese Gemeinschaft und Liebe, wovon Anto immer redet, stärker ist, als ein Spieler, der das Boot vorerst verlässt.“

Autor: Dennis Kormanjos

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