07.03.2019

Fragwürdige Entwicklung und ein Urteil, das Fragen offen lässt

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture.de

An dieser Stelle greifen wir regelmäßig die Themen des Hamburger Fußballs aus der Woche und vom Wochenende auf und kommentieren diese. Dieses Mal geht es an dieser Stelle um das Urteil des Sportgerichts des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) zum abgebrochenen Oberliga-Spiel zwischen dem HSV Barmbek-Uhlenhorst und dem Meiendorfer SV (wir berichteten) und die Vorfälle in der Bezirksliga Süd-Begegnung zwischen dem FC St. Pauli IV und Zonguldakspor. 

Nanu, schon wieder eine Kolumne, es gab doch diese Woche bereits eine – dies dürfte den FussiFreunde-Lesern vielleicht beim Studium dieser Zeilen als erstes durch den Kopf schießen. Richtig. Doch besondere Anlässe erfordern auch ein besonderes Handeln – deswegen in dieser Woche ein zweiter Meinungsbeitrag aus unserer Redaktion. Und ein solcher besonderer Anlass ist eben die Tatsache, dass das HFV-Sportgericht am Mittwochabend in seiner Verhandlung der Vorfälle beim BU-Heimspiel gegen Meiendorf zu einem Urteil gekommen ist: Die drei Punkte aus diesem Match gehen an die Gastgeber – das war nicht anders zu erwarten, weil die Spielordnung des HFV nichts anderes vorsieht, als den Verursacher des Abbruchs – in diesem Fall die Meiendorfer, die den Platz verlassen hatten – mit einer 0:3-Wertung zu belegen. Auch dass der MSV wegen des schuldhaft verursachten Spielabbruchs mit einer Geldstrafe belegt wurde, konnte man so im Vorfeld bereits sicher prognostizieren.

Einen Dunkelhäutigen im schwarzen Trikot mit „Schwarzer“ ansprechen, ist dumm

Foto: Stefanie Balle

Einzig offen war die Frage: Wie würde das Gericht unter seinem Vorsitzenden Christian Koops den von den Meiendorfern als rassistisch aufgefassten Zwischenruf von Detlef Grandt bewerten und sanktionieren? Nun, mit einer Geldstrafe in Höhe von 1000 Euro fiel das Urteil deutlich aus. Ein klares Zeichen gegen Rassismus, das das HFV-Sportgericht da gesetzt hat – denn nach Auffassung von Koops & Co konnte MSV-Spieler Kevin Heitbrock den Ruf von der BU-Fantribüne durchaus „als rassistisch und diskriminierend auffassen, das ist nachvollziehbar.“ In der Tat: Nachvollziehbar ist das. Vor allem im Eifer des Gefechts, wenn man als Spieler in 90 Minuten auf dem Platz so oder so schon mit Emotionen und Adrenalin aufgeladen ist. Grandts Erklärung, er habe die Äußerung auf das Trikot und nicht auf Heitbrocks Hautfarbe bezogen, kann man ihm bei aller Argumentation, die er am Mittwochabend noch einmal vortrug, glauben. Oder auch nicht. Das bleibt jedem selbst überlassen. Fakt ist – und auch das gibt Grandt ja zu: Jemanden, der ein schwarzes Trikot trägt und dunkler Hautfarbe ist, mit „Schwarzer“ anzusprechen, ist im Endeffekt einfach dumm. Das kann nur missverstanden werden und nicht gut enden.

Trotz des Urteils aber bleiben jede Menge Fragen: Wie hätte BU als Verein das Fehlverhalten einer Einzelperson im Vorfeld erahnen oder verhindern sollen? Wieso wurden fünf Meiendorfer Spieler als Zeugen gehört, aber ein weiterer mit Can Düzel, von dem klar erkennbar ist, dass er ebenfalls im BU-Block war, nicht? Wieso wird MSV-Präsident Jens Malcharczik, der auch in dem Block stand – das belegen Bilder – nicht als Zeuge gehört? Wenn es, so wie in der Verhandlung gesagt, vier Zeugen aus dem Block gibt, die „pro Grandt“ erklärten, die Äußerung sei auf die Trikotfarbe bezogen gewesen: Warum haben ihre Aussagen dann weniger Wertigkeit als die der MSV-Spieler am Abend vorm Sportgericht? Warum hat BU Grandt direkt ausgeschlossen, ohne dass Präsident Frank Meyer das Gespräch mit ihm gesucht hat? Brauchte man ein Bauernopfer für die Medien? Wollte man ihn loswerden? Wenn Grandt beteuert, dass dies nicht zu seinem Wortschatz gehört und er es nicht so gesagt haben will: Kann dann ein „du Schwarzer“ 1000 Euro kosten, wenn nicht mal klar ist ob Haut- oder Trikotfarbe gemeint ist!? Kann Grandt selbst, bei dem sich der Verein ja die 1000 Euro vermutlich wiederholen wird, das Urteil anfechten? Wenn ja: Was, wenn er am Ende vielleicht sogar zivilrechtlich an Eides Statt sagt, dies so nicht gesagt zu haben?      

Zonguldakspors Konsequenzen? Bemerkenswert, richtig und gut

Foto: noveski.com

Auch Thema Nummer zwei in dieser Kolumne hat leider wenig mit Fußbalspielenl an sich zu tun. Wieder geht es um Begleiterscheinungen bei einem Spiel: Der FC St. Pauli IV sah sich nach dem Match gegen Zonguldakspor genötigt, ein offizielles Statement abzugeben, auf das der Gegner mit einer weiteren Stellungnahme einen Tag später reagierte. Auch hier im Mittelpunkt: Rassismusvorwürfe, gepaart mit dem Vorwurf der Gewalt. Es geht um Beleidigungen seitens Zonguldakspor in Richtung St. Pauli IV, Handgreiflichkeiten, Tritte in den Rücken und einen Kick gegen den Co-Trainer der „Vierten“, „so dass sein Sprunggelenk gebrochen ist und zwei OPs die Folgen sind.“ Die Vertreter der Viertvertretung des Kiezclubs rufen zudem dazu auf, dass Mannschaften künftig Spiele abbrechen sollten, „bevor es eskaliert.“ Zonguldakspor wiederum weist den Vorwurf rassistischer Äußerungen zurück, attestiert St. Pauli IV: „In Sachen Fairness besteht bei ihnen ein großes Defizit“ und konstatiert: „Es sind mit Sicherheit Äußerungen unter den ganzen Spielern gefallen, die unserem Sport nicht würdig sind, aber sicherlich keine, wie in dem Bericht dargestellt.“

Die Rückschlüsse, die Zonguldakspor aus dem Spiel zieht – sie sind konsequent: „Wir wollen und werden keine Aggressionen jeglicher Form auf dem Sportplatz dulden. Die Spieler, die an dem Spieltag negativ aufgefallen sind, wurden nach unserer vereinsinternen Sitzung am Dienstag mit sofortiger Wirkung suspendiert und vom Spielbetrieb abgemeldet“, teilt der Club mit. Bemerkenswert, gut und richtig. Doch auch hier bleiben Fragen. Nicht nur unbedingt explizit auf dieses Spiel bezogen, sondern allgemein: Warum nimmt die Zahl dieser unschönen Szenen, die auf den Plätzen niemand braucht, in letzter Zeit gefühlt wieder zu? Kann man es nicht anders als mit diesem unwürdigen Verhalten auf die Reihe kriegen? Warum – wie am Montag schon an dieser Stelle gefragt – immer nur gegen- und nicht miteinander? Warum ist es inzwischen so, dass der Fußball, von dem man ja sagt, dass er verbindet, derzeit eher trennt? Deswegen, frei nach „Kaiser“ Franz Beckenbauer: Geht's raus und spielt Fußball! Und lasst den ganzen anderen Scheiß! 


Jan Knötzsch

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