„Fouls, Tritte und Hiebe“ in der Deutschen Amateurmeisterschaft

TSV Uetersen: Veilchen von den Rosenstädtern / von Uwe Wetzner

28. März 2014, 06:34 Uhr

Blick zurück im Zorn: Uetersens Keeper Heitmann und Abwehrspieler Wiechmann (rechts) können Büntings Schuss zum 0:2 nur noch machtlos hinterher schauen.

Wer aus Hamburgs höchster Spielklasse in der Saison 1967/68 zum Fußballspielen im Uetersener Rosen-Stadion aufkreuzte, hatte in den seltensten Fällen den betörenden Duft oder die schönen Blüten der Namensgeberin im Kopf. Der TSV Uetersen, ortsansässiger Vertreter in der Landesliga, war bekannt und häufig auch gefürchtet. Nicht aufgrund spielerischer, beinahe körperloser Leichtigkeit, sondern aufgrund seiner rustikalen Gangart. Im Rosen-Stadion galt es, auf die Stacheln achtzugeben.

Zum Ende der ersten Halbserie noch Sechster, hatten die „Rosenstädter“ danach einen bemerkenswerten Kraftakt hingelegt und die Saison 1967/68 noch als Tabellendritter beendet; mit 38:22 Punkten und 47:40 Toren fünf Punkte hinter Meister VfL Pinneberg und vier hinter Vizemeister SV St. Georg.
Der Traum von der Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord war damit jedoch ausgeträumt. Das Scheitern in ihr blieb den beiden enteilten Konkurrenten vorbehalten. Für die Schleswig-Holsteiner blieb die Teilnahme an der gemeinsam mit dem „Vertragsspielerstatut“ 1950 eingeführten Deutschen Amateurmeisterschaft. Gewissermaßen der Ersatzkaffee für die Klubs, die nicht zum erlauchten Kreis des Vor-Berufsfußballs, in dem offiziell bis zu 320 Mark monatlich verdient werden durfte, gehören konnten oder wollten.

Dem TSV Uetersen wurden in der Vorrunde „richtige“ Amateure zugelost, die des SV Werder, der bremische Meister. Die Mannschaft, Deutscher Amateurmeister des Jahres 1966, wurde als spielstark eingeschätzt, für beide Seiten mit ihren völlig unterschiedlichen Spielauffassungen also eine reizvolle Herausforderung.
1.000 Zuschauer sahen dann im Hinspiel in Bremen keine reizvolle, wohl aber eine gereizte Auseinandersetzung. Der Klub aus dem hamburgischen Speckgürtel bot Heitmann – Wiechmann, Reinhold, Bukowski, Gronau, Becker, Slottke (83. Henke), Klingenberg, Nordhausen, Frei und Stahl auf und begegnete dem Favoriten mit einer „zunächst sehr aufmerksamen“, verstärkten Defensive.

Nun hatten es die Uetersener zwar mit einer jungen Mannschaft, aber nicht ausschließlich mit blutigen Anfängern zu tun. Die Bremer hatten mit Torjäger Klaus Matischak nämlich einen alternden Helden ihrer Fußball-Geschichte dabei, der dem TSV trotz seiner angegriffenen Gesundheit schwer zu schaffen machte. „Zick-Zack-Matischak“, wie der spiel- und schussstarke Mittelstürmer genannt wurde, hatte zu Werders Meistermannschaft von 1965 gehört, dann aber aufgrund schwerwiegender Knieprobleme den Berufsfußball sausen lassen müssen. Für die Mitglieder Hamburgs drittbester Mannschaft war er dennoch eine Nummer zu groß, und nicht nur er.

Faustschlag gegen „Zick-Zack-Matischak“

Diese Erkenntnis, vermengt mit einer erheblichen Dosis Hilflosigkeit auf Seiten der Uetersener, sorgte für ein skandalträchtiges Duell. Man hätte denken können, zeitgeschichtlich interessierte Spieler hätten Straßenkampfmethoden der gerade tobenden „68er Revolte“ auf den grünen Rasen übertragen. Die anfangs nur aufmerksame Abwehr „begann aber schon nach wenigen Minuten mit unnützem Foulspiel“, notierte tags darauf der „Sport“, noch um Sachlichkeit bemüht. Da hätten die Bremer das, was nun folgen sollte, noch verhindern können. Aber sie vergaben alle ihre Hochkaräter sehr verschwenderisch und damit die Chance, dem TSV Uetersen bereits frühzeitig die Aussichtslosigkeit seines Unterfangens vor Augen zu führen, die nächste Runde zu erreichen.
Das versuchte der hamburgische Vertreter mit buchstäblich allen Mitteln und einige seiner Akteure ließen dabei kaum einen Körperteil der Kontrahenten aus. Für den vorläufigen Höhepunkt sorgte Verteidiger Reinhold kurz vor dem Seitenwechsel, als er dem überragenden „Zick-Zack-Matischak“ einen derartigen Faustschlag verpasste, dass dieser einen ausgewachsenen Cut über dem Auge davontrug. Diesmal keine Rose Liebling, sondern ein Veilchen. Sein Pulver hatte Reinhold damit aber noch nicht verschossen.

Schuss ging nach hinten los

Und der Schiedsrichter? Nun, der hieß Peter Gabor, kam aus Berlin und sollte zwischen 1969 und 1988 insgesamt 188 Bundesligapartien leiten, 1987 sogar das DFB-Pokalfinale, das der HSV äußerst glücklich 3:1 gegen die Stuttgarter Kickers gewinnen sollte. Dieses Amateurduell kann nicht seine Reifeprüfung für höhere Aufgaben gewesen sein. Er „war der Partie in keiner Phase gewachsen. Mehrfach vermochten weder er noch seine Linienrichter die Tätlichkeiten, an denen sich in der zweiten Halbzeit auch Bremer Spieler beteiligten, zu ahnden“, fasste die Fachpresse ihren Beobachtungsbogen nicht besonders schmeichelhaft zusammen.

In der 53.Minute ging der Schuss für Uetersen allerdings nach hinten los: Reinhold haute den Bremer Roder dermaßen offensichtlich um, dass selbst Gabor das bemerken musste, auf Elfmeter entschied, der zum 1:0 führte. Das 2:0 vier Minuten später bereitete der in jeder Beziehung glänzend aufgelegte Matischak vor und beteiligte sich danach auch vorbildlich am nicht regelkonformen Spielgeschehen. Nordmanns spätes 2:1 (87.) beflügelte Uetersen nur kurzzeitig. Kurz darauf hatte Reinhold es endlich geschafft und flog von der Koppel. Mit einem weiteren Foulelfmeter sorgten Werders Amateure für das 3:1-Schlussresultat.

„Ungehobelte Kampfhähne“

Meistens einen Schritt zu spät: Uetersens Gronau (rechts) lässt sich von „Zick-Zack-Matischak“ abhängen. Fotos: „Sport“

Beendet war diese Begegnung mit dem hohen Unterhaltungswert nach dem Schlusspfiff aber noch nicht. Auf dem Weg in die Kabine geriet Uetersens Linksaußen Stahl mit Werders zweifachem Torschützen Bünting aneinander, auch die ihrem Spieler zu Hilfe eilenden bremischen Zuschauer wurden von Stahl noch körperlich gemaßregelt. Erst einigen Ordnern gelang es, Uetersens Angreifer in die Kabine zu bugsieren.
„Insgesamt spielten die Hamburger Gäste einen einfachen Stil, hatten kaum große Techniker in ihrer Elf, zeigten sich aber umso mehr als ungehobelte Kampfhähne, die nicht zu einer Werbung des deutschen Amateurfußballs angetan waren“, wetterte der „Sport“ anschließend. „Fouls, Tritte und Hiebe sollten offensichtlich das spielerische Unvermögen der Uetersener wieder wettmachen.“

Ob nun trotz oder gerade wegen der Begleitumstände der Hinspielpleite einmal dahin gestellt, zum Rückspiel in Uetersen drängten sich 1.200 erwartungsfrohe Zuschauer im Rosen-Stadion. Auf den Hauptdarsteller mussten sie allerdings verzichten, Reinhold war gesperrt und wurde durch Henke ersetzt.
Der Schiedsrichter hieß diesmal Roedel und kam aus Burgwedel. Auch er nicht die Idealbesetzung, obwohl das Rückspiel bei weitem nicht das hielt, was das Hinspiel versprochen hatte. Die Werder-Amateure waren zwar erneut die technisch haushoch überlegene Mannschaft, verloren sich aber weitgehend in ihrer Daddelei. „Zick-Zack-Matischak“ blieb bei seinen berühmten „Schlenkern“ um die Gegenspieler herum häufig hängen. Der TSV Uetersen tat, was er konnte. Das reichte aber nicht aus, um den Zuschauern den erhofften Unterhaltungswert zu bieten. Und mit dem gesperrten Reinhold fehlte der Garant für Abwechslung vom langweiligen Spielgeschehen.

Geblieben sind die Blumen

Zumindest dem Spielleiter war ehrliches Bemühen nicht abzusprechen. Er gab einen „überaus zweifelhaften“ Handelfmeter für den TSV, den Frey in der 34.Minute zum 1:0 verwandelte. Der Hauch einer Sensation verflüchtigte sich aber schon mit dem 1:1 (50.). Das 1:2 (58.) entsprang wiederum einem „zweifelhaften“ Strafstoß, Bukowski sollte Matischak gefoult haben. Ansonsten gehörte der Verteidiger, der versuchte, „mit klugen Pässen dem insgesamt zu lahmen Angriff Impulse zu verleihen“, gemeinsam mit Torhüter Heitmann zu den besten Akteuren des TSV. Das 1:3 (73.) bereitete allerdings Bukowskis Gegenspieler Matischak mit einer klugen Vorlage vor.

Damit war der erste Ausflug des TSV Uetersen in die große Welt des kleinen Fußballs beendet. Einen Tick besser, aber nicht den entscheidenden, machte es die Mannschaft in der folgenden Saison. Diesmal schaffte sie als Tabellenzweiter die Qualifikation für die Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord, nicht aber den Sprung in die zweite Liga. Klaus Matischaks Rückkehr in Werders Bundesligakader scheiterte an den Spätfolgen seiner schweren Knieverletzung, für ihn blieb es bei 64 Erstligakicks und 38 erzielten Toren. Spielleiter Roedel blieb gänzlich ohne Bundesligaeinsatz. Geblieben sind der „Stadt der Rosen“ ihre Blumen mit dem betörenden Duft, den Stacheln und schönen Blüten.

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