18.03.2019

Enttäuschung Elmshorn und ein Stier, der sich die Hörner abstößt

Abpfiff – Die FussiFreunde-Kolumne

Foto: KBS-Picture.de

An dieser Stelle greifen wir regelmäßig die Themen des Hamburger Fußballs aus der Woche und vom Wochenende auf und kommentieren diese. Dieses Mal geht es um den Auftritt von BU-Trainer Marco Stier nach dem Heimspiel des HSV Barmbek-Uhlenhorst gegen Altona 93 am gestrigen Sonntag und das Abschneiden des FC Elmshorn in der Landesliga Hammonia. 

Es war schon interessant, was Marco Stier da nach dem Spiel von BU gegen den AFC erklärte. Er fühle sich „von der Presse verarscht“ und seine Mannschaft sei alles – nur eben kein Mittelmaß, so wie die Journaille es in dieser Saison schon formuliert hatte. Klare Worte, die der Coach der Barmbeker da wählte. Er tat dies mit Heimvorteil: Stier verkündete seine Pauschalkritik auf der Pressekonferenz in der Gastronomie des Stadions an der Dieselstraße. Der Applaus der BU-Sympathisanten war dem Übungsleiter, der die Barmbeker seit Anfang dieser Saison trainiert, nach dieser verbalen Grätsche in Richtung Medien sicher. Aber stimmt das, was der Ex-Profi da sagte überhaupt? Nun, der Stein des Anstoßes resultiert in diesem Fall wohl aus der Berichterstattung nach dem Match gegen den HEBC in dem BU tatsächlich eine ganze Menge an Gelegenheiten hatte, am Ende aber „nur“ 4:4 spielte.

Die Analyse unterliegt einer Entwicklung – so wie Stiers Team

BU-Trainer Marco Stier war aufgrund der Berichterstattung der letzten Wochen "not amused". Foto: KBS-Picture.de

Daraufhin erklärte HEBC-Coach Jörn Großkopf: „Ich höre und lese wahrscheinlich nachher wieder in der Presse vom BU-Coach: 'Wir haben acht, neun Torchancen nicht genutzt.' Bei aller Wertschätzung Marco Stier gegenüber: Wir müssen das 2:0 machen! Ich glaube, dann kommen die nicht wieder.“ Dass Stier in der Vergangenheit in seinen Spielanalysen oft erwähnte, dass seine Equipe ein Plus an Gelegenheiten herausgespielt, aber nicht genutzt habe, ist nicht von der Hand zu weisen. Das aber ist ja auch gar nicht schlimm. Sondern vielmehr eine wahrheitsgemäße Einschätzung. Sollte es dem BU-Trainer im ersten Teil seiner Kritik wirklich nur um diesen einen Ausspruch gehen, dann hat Stier gestern eines verwechselt: Nicht wir Journalisten haben die Worte gesagt, sondern ein Trainerkollege. Die Presse war nur Vermittler dieser Info nach außen. Die Kritik kam beim falschen Adressaten an. Teil zwei des Stier'schen Ärgernisses: Der Vorwurf der Mittelmäßigkeit. Nun: Dass BU eine Zeit lang im Mittelfeld der Tabelle auftauchte und selbst Stier nicht in Gänze mit dem zufrieden sein konnte, was da vor sich ging, dürfte auch der Trainer selbst erkannt haben. So gesehen ist die Aussage nicht falsch. Was man Stier und seiner Elf aber zugute halten muss, ist die aktuelle Entwicklung. Die zeigt ganz klar nach oben.

Nach und nach passt das Puzzle, das Stier an der Dieselstraße zusammengebastelt hat, immer besser zusammen. Die Teile greifen ineinander . Mit einem gewissen zeitlichen Anlauf zwar, aber den muss man einer Truppe, die einem solchen Umbruch unterzogen war, wie BU ihn im Sommer erlebte, vielleicht auch gewähren. Die Analyse, dass sich BU zwischenzeitlich im Mittelmaß befand, ist nicht in Stein gemeißelt. Sondern – ebenso wie Stiers Mannschaft – einem Entwicklungsprozess ausgesetzt. Das endgültige Fazit dieser Saison wird man erst nach dem letzten Spieltag ziehen können. Was bleibt, ist die Frage, ob Stiers Auftritt so sein musste? Er habe dies aus der Emotion gesagt, ließ er am Montag, als er sich für die Kritik entschuldigte, wissen. Sein „Sorry“ verdient Respekt, aber richtiger wird die Aussage auch dadurch nicht. Nun ist Stier seit jeher einer, der seit seiner Ankunft in Hamburgs Amateurfußball polarisiert. Es ehrt ihn, dass er sich vor seine Mannschaft stellt. Dass er seine eigene Arbeit wertgeschätzt sehen will. Auch, dass jemand nicht stromlinienförmig ist, sondern seine Meinung sagt und gerne gegen die breite Masse schwimmt, ist nicht schändlich. Nein, es belebt sogar die Diskussionskultur. Nur: Manchmal ist weniger sagen mehr. Am Sonntag wirkte es so als müsse sich Stier – Achtung, Duplizität des Wortes – wie ein junger Stier die Hörner abstoßen. Aber: Dass seinem Team zu einer Spitzenmannschaft noch etwas fehlt – Stichwort bessere Chancenverwertung – erwähnt er ja selbst immer wieder...

Die Prognose, dass der FCE absteigt, ist keine allzu gewagte

Die Gelbe Karte in Form eines Abstiegsplatzes haben Helge Kahner und der FCE schon gesehen – folgt auch noch der Rote Karton in Form eines Absturzes in die Bezirksliga? Foto: KBS-Picture.de

Während Stier, das muss man ihm mit der Entwicklung des Teams in den letzten Wochen zugute halten, dafür sorgt, dass das Bild von BU nach jahrelangem eher defensiv angehauchten Fußball wieder offensiv strahlt, hat sich die Wahrnehmung eines anderen Clubs in der näheren Vergangenheit um 180 Grad gedreht. Die Rede ist vom FC Elmshorn. Einst klopfte der Verein aus der Krückaustadt als das „Über-Team“ der Oberliga an der Tür zur Regionalliga, heute geht der Club – Verzeihung, das Wortspiel liegt nahe – eher an Krücken. Die Mannschaft von Trainer Denis Usadel hat inzwischen in der Landesliga Hammonia neun Punkte Rückstand auf das rettende Ufer. Neun der letzten zehn Spiele verlor der FCE – darunter sind „Klatschen“ wie ein 0:6 gegen Eintracht Lokstedt oder ein 0:5 gegen den Hamburger SV III. Nun kann man argumentieren, das zumindest die „Rothosen“ ein Spitzenteam der Liga sind. Aber: Die Elmshorner Entwicklung täuscht nicht darüber hinweg, dass zwischen dem Ziel, das Spielertrainer Dennis Usadel vor der Saison mit einer Platzierung unter den „Top Sechs“ ausgab, und der Realität Welten liegen. Die Einschätzung, dass Elmshorn in der laufenden Spielzeit die größte Enttäuschung der Liga darstellt, trifft den berühmten Nagel auf den Kopf. Ein Trend, den man auch mit den Neuverpflichtungen in der Winterpause nicht abwenden konnte.

Wie auch? Bei allem Respekt vor Spielern wie Knut-Ole Mohr, Lasse Seigies, Floian Kurti, Aaron Asante oder Desmond Agyei-Tutu – das reicht einfach nicht, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Einer, von dem man sich an der Wilhelmstraße viel versprochen hat, ist Max Stolzenburg. Der Ex-Altonaer wechselte vom Wedeler TSV zum FCE – machte aber laut des  „Hamburger Abendblatt“ seinem Ruf, nicht zuverlässig zu sein, auch an der Krückau  zweifelhafte Ehre. Wie heißt es doch so schön: Erst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu. Passt bei der Situation des FC Elmshorn und dem „Transfer-Flop“ irgendwie bestens. Zuletzt saß er immerhin wieder auf der Bank, nachdem der Coach schon nicht mehr mit ihm plante. Überhaupt: Die Probleme sind, das gibt Usadel freimütig zu, hausgemacht. Ein Kern von nur acht bis zehn Leuten, die immer beim Training sind und darüber hinaus eine Zahl an Absagen, die eindeutig zu hoch ist, um sich in der Liga behaupten zu können – so kann es mit dem Klassenerhalt nichts mehr werden. Weiß auch der Coach, der davon spricht, dass „es ziemlich blauäugig“ wäre, nicht schon „mit einem Auge mit der Bezirksliga zu planen“, und zu verstehen gibt: „Wenn du schlecht oder gar nicht trainierst, gewinnst du auch keine Spiele.“ Stimmt! Die Prognose, dass der FCE in der kommenden Saison in der Bezirks-statt der Landesliga spielt, ist jedenfalls keine allzu gewagte... 


Jan Knötzsch 

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