Ein rauschender Fußball-Sommer 1958

Bergedorf 85: Meister, Aufstieg, Meister und Finalpleite in drei Monaten / von Uwe Wetzner

29. August 2014, 06:28 Uhr

Bergedorf 85 in der „Kampfbahn Rote Erde“. Foto: Bergedorf 85

In den Abendstunden des 15. Juni 1958 wogte eine erwartungsfrohe, 2000köpfige Menge auf dem Vorplatz des Bergedorfer Bahnhofs, zwei Spielmannszüge waren aufmarschiert und eine Blaskapelle heizte die Stimmung an. Es war aber keineswegs der erste Versuch, zu ungewöhnlicher Tageszeit einen Schlagermove auf den Weg zu bringen, der da gestartet werden sollte. Es war auch nicht die immer noch nicht abgeebbte Begeisterung darüber, dass zwei Wochen zuvor die erste elektrische S-Bahn im Bergedorfer Bahnhof eingelaufen war.

Bei der Gelegenheit hatten sogar 5.000 Menschen
daraus ein Volksfest gemacht. Diesmal waren sie gekommen, um i h r e Fußballmannschaft zu begrüßen, Spieler und Trainer des ASV Bergedorf 85, die fahrplanmäßig um 19.07 Uhr am Hauptbahnhof angekommen waren. Gekommen waren sie aus Dortmund, und es hatte die Begeisterung nur unwesentlich gedämpft, dass sie als Verlierer gekommen waren.
Verloren hatte die Mannschaft um Trainer Heinz Werner tags zuvor das Endspiel um die Deutsche Amateurmeisterschaft, ein nach der Einführung des Vertragsspielerstatuts 1950 vom DFB etablierter Wettbewerb, der neben der Deutschen Meisterschaft der Vertragsspieler, den Vorgängern der heutigen Berufsfußballer, für „Amateurmannschaften“ eingeführt worden war. Dennoch sollte die Vereinschronik diese Zeit zwei Jahre später zum 75-jährigen Bestehen des Klubs würdigen: „Ein glanzvolles Jahr hatte seinen Abschluss gefunden, ein Jahr, das in der Vereinsgeschichte immer einen bedeutsamen Platz einnehmen wird.“

Zwischen 1946 und 1949 war den Bergedorfern ein Durchmarsch von der untersten bis in die höchste hamburgische Spielklasse gelungen, bei ihrer erstmaligen Teilnahme an den Aufstiegsspielen zur Oberliga Nord waren sie jedoch knapp gescheitert. 1954 hatte Heinz Werner, ein gebürtiger Thüringer, den es nach Kriegsende an die Elbe verschlagen hatte, mit dem Aufbau einer neuen Mannschaft begonnen. In der Spielzeit 1957/58 legte sie in der Amateurliga, damals unter der Oberliga Nord Hamburgs höchste Spielklasse, das Fundament für einen rauschenden Fußball-Sommer 1958, der leider mit einem kleinen Kater endete. Während dieser Monate bemächtigte sich jedoch eine ungeheure Fußball-Begeisterung des Südostzipfels Hamburgs.
Hatte zunächst Grün-Weiß 07 die Szenerie bestimmt, entwickelte sich die Rückrunde an der Tabellenspitze zu einem ständigen Wechselspiel zwischen dem ASV und Union 03. Besonders die Duelle im März, in dem Hamburg von heftigen Schneefällen heimgesucht wurde, und im April hatten es in sich. So drängelten sich am 16. März auf dem „Reinmüller“ 5.000 Zuschauer, darunter 2.000 Bergedorf-Anhänger, um ein 3:3 gegen den HEBC zu erleben, in dem die Eimsbütteler den Favoriten am Rande einer Niederlage hatten, jeweils einmal trafen sie Latte und Pfosten, damals noch aus Holz. Eingetütet wurde der erstmalige Titelgewinn am vorletzten Spieltag durch ein 1:1 beim ETV. Einen herben Dämpfer erhielt die Feierlaune von 6.000 Besuchern zum Saison-Kehraus, als der Dritte TSV Uetersen die Bergedorfer im Billtal-Stadion mit 4:2 besiegte. Einen Schuldigen hatte das Publikum auch schnell ausgemacht, der Spielleiter musste nach dem Schlusspfiff unter Polizeischutz von der Anlage gebracht werden. Der Überraschungscoup nützte Uetersen aber nichts, durch ein 2:1 gegen Güldenstern Stade qualifizierte sich Union 03 als zweiter hamburgischer Vertreter für die Aufstiegsrunde zur Oberliga Nord.

Spannung in beinahe unerträgliche Höhen

4:1 im Oberliga-Aufstiegsspiel gegen Arminia Hannover: Die Elstern auf der gefürchteten roten Schlacke des Billtal-Stadions. Foto: Bergedorf 85

Bergedorf 85 bekam es mit dem Bremer SV, Arminia Hannover sowie dem Itzehoer SV zu tun, Union 03 mit dem Heider SV, VfV Hildesheim und dem VfB Oldenburg – bis auf Hildesheim und die beiden hamburgischen Vertreter alle schon einmal Oberligist. Zwischen dem 1. und dem 25. Mai mussten die Teams ein Stakkato von sechs Begegnungen absolvieren. Während Union 03 scheiterte, trieben die Bergedorfer die Spannung in beinahe unerträgliche Höhen, wenn auch ungewollt. Nach einem 2:2 gegen Bremen, dem 1:7 in Itzehoe, dem 4:1 gegen Arminia, einem 1:2 im Rückspiel und dem 2:1 in Bremen musste die Entscheidung im letzten Aufeinandertreffen auf dem gefürchteten Grand des Billtalstadions fallen, „auch ohne Grasnarbe ein Schmuckstück unter den Hamburger Fußballplätzen“, war sich zumindest der Presse-Chronist sicher. 18.000 zahlende Zuschauer feierten nach einem 5:2 gegen den Itzehoer SV völlig losgelöst den Oberliga-Aufstieg.

Hamburgischer Meister, Oberliga-Aufsteiger – Die Mannschaft, die seit Wochen in nahezu unveränderter Aufstellung mit Lüneburg; Peter Schmidt, Heitmann; Noormann, Künne, Herder; Hansen, Krüger, Weber, Voß, Pörschke angetreten war, und dies war auch die Endspiel-Besetzung, hatte damit noch längst nicht alles aus dem Weg geräumt, was möglich war. Der Norddeutsche Fußballverband hatte die Austragung einer Norddeutschen Meisterschaft beschlossen, das Los hatte das Millerntor als Austragungsort bestimmt. Diesen relativen Heimvorteil nutzte Bergedorf 85 am 1. Juni vor 8.000 Zuschauern zu einem unangefochtenen 3:0 gegen den VfV Hildesheim, der sich in der anderen Aufstiegsgruppe durchgesetzt hatte.

Der zweite Titel, der dritte große Erfolg, die Zeit zum Feiern hielt sich in engen Grenzen, es nahte die Vorschlussrunde um die Deutsche Amateurmeisterschaft. Die Werner-Truppe traf auf den Südwest-Vertreter VfB Theley. Es hätte auch der 1. FC Ludwigshafen sein können, aber durch „Losglück“ und „eine Verkettung merkwürdiger Umstände“ wurde es die Mannschaft aus dem 2000-Seelen-Dörfchen zwischen Trier und Saarbrücken. Gespielt wurde vor 5.000 Seelen am Rothenbaum und das schien den braven Gegner so einzuschüchtern, dass er den nervösen und eine lange Anlaufzeit benötigenden Bergedorfern einen ungefährdeten 6:2-Sieg überließ.

„Hat der DFB keine besseren Schiedsrichter?“

Es war alles glatt gelaufen, dennoch erlaubte sich schreibende Beobachter eine aus heutiger Sicht unerhörte Dreistigkeit: „Hat der DFB keine besseren Schiedsrichter als den aus Essen nach Hamburg beorderten Loser? Es war zu verstehen, dass die 5000 Zuschauer ihrer Unzufriedenheit nicht gerade geräuschlos Ausdruck verliehen“, kanzelte er den Auftritt des DFB-Abgesandten ab. Finalgegner war der FV Hombruch 09. Der Sieger der Gruppe 2 der Verbandsliga Westfalen hatte sich im zweiten Halbfinale gegen den Berliner Vertreter Rapide Wedding durchgesetzt.

Ausgetragen wurde das Endspiel in der Dortmunder „Kampfbahn Rote Erde“, dem früheren Stadion von Borussia Dortmund, heute unmittelbar neben dem Westfalenstadion gelegen. Bergedorf 85 hatte als erster hamburgischer Verein den Finaleinzug geschafft, bis zur Einstellung des Wettbewerbs 1998 gelang das noch dem SC Victoria 1975 (in Ludwigsburg 0:3 gegen den VfR Bürstadt) und dem FC St. Pauli (1981 in Köln 1:2 gegen die Amateure des FC).
Dieser Hauch der Fußball-Geschichte schien die Bergedorfer geradezu zu lähmen. Fast widerstandslos hatten sie bis kurz vor der Halbzeit einen 0:3-Rückstand zugelassen, den Hansen durch das 1:3 kurz vor der Pause nur etwas abmilderte. Erst nach dem Seitenwechsel wurden die Westfalen „hin und her gehetzt“, allerdings ohne zählbaren Erfolg, nach einer Verletzung Uli Webers in der 78. Minute gelang die Kehrtwende in Unterzahl – die FIFA erlaubte das Einwechseln von zwei Akteuren erst ab 1969 – nicht mehr.

Stadt errichtet Sander Tannen

Für Verein, Anhänger, Trainer und Spieler kein Grund, Trübsal zu blasen. Bergedorf 85 wurde trotzdem reich beschenkt. Den Anfang machte das Sportamt der Freien und Hansestadt, das sich mit Freikarten für den Trainer und elf Spieler bedankte. Die durften auf Staatskosten mit dem Ausflugsschiffchen „Bunte Kuh“ nach Helgoland schippern. „Es ist zu einem schönen Brauch geworden, dass der Bürgermeister in seiner Eigenschaft als Sportsenator und das Sportamt besondere Leistungen Hamburger Mannschaften auf diese Art belohnen“, vermerkte die zeitgenössische Presse zufrieden. Aber das blieb nicht alles: Erst in praktisch letzter Sekunde hatte der NFV sich durchgerungen, Bergedorf 85 eine nur für die Spielzeit 1958/59 geltende Ausnahmegenehmigung zu erteilen, die Oberligaheimspiele auf der roten Schlacke des knapp 30.000 Zuschauer fassenden Billtalstadions auszutragen. Währenddessen errichtete die Stadt das Stadion Sander Tannen.

Seit Jahren fristet diese Kultstätte des hamburgischen Amateurfußballs ein Dasein als Sehnsuchtsort für höherklassigen Fußball. Doch dem gepflegten Umgang mit dem Kunstleder im ASV ist mit Beginn der Saison 2014/15 nach Jahren absurder Kapriolen in der Nachbarschaft wieder Leben eingehaucht worden. In der Kreisklasse 11 beginnt vielleicht gerade erneut ein Durchmarsch in höhere Gefilde.

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