11.02.2018

Ein Heidenspaß: BU im Stile des „Fußball-Weltmeisters“

Piepers „Synergie-Effekte“ und Fischers (Standard-)Frust

Jubel bei BU und vor allem bei Matthias Ribeau (2. v. re.), der mit zwei Treffern aus einem 0:2 ein 2:2 machte und zu einem weiteren Tor die Vorarbeit leistete. Foto: timelash.de

„So ist ‚Fussi‘ – auch Standards gehören nun mal zum Spiel“, musste Türkiye-Neucoach Michael Fischer keine Sekunde darüber philosophieren, was seinem Team am heutigen Nachmittag „das Genick gebrochen“ hat. „Warum ist Deutschland Fußball-Weltmeister?“, fragte „Fischi“ in die Runde, um dann selbst die Antwort zu geben: „Wegen der Standardsituationen. Ist ganz einfach so. Wir haben in der Vorbereitung zwischen Mann- und Raumverteidigung gewechselt. Heute hat sich der Trainer für den Raum entscheiden – das war verkehrt“, gab sich der langjährige Pinneberg-Übungsleiter eine gewisse Mitschuld an der Niederlage. Doch selbst, als Fischer nach dem zwischenzeitlichen 2:2 bei den ruhenden Bällen des Gegners auf Manndeckung umstellte, herrschte in der Wilhelmsburger Defensive weiter Chaos pur.

Erst wuchtete Ribeau (re.) den Ball per Kopf zum 1:2 in die Maschen... Foto: timelash.de

Frank Pieper hatte gleich doppelten Grund zur Freude. Einerseits durfte sich der Trainer des HSV Barmbek-Uhlenhorst – nach einem frühen 0:2-Rückstand – über einen deutlichen Sieg seiner Mannschaft freuen. Und dann wäre da noch die Abschlusseinheit vor der Partie gegen den FC Türkiye am vergangenen Freitagabend zu erwähnen. Denn: „Die haben wir nur mit Standards verbracht“, verriet Pieper. „Wir haben uns kurz aufgewärmt, Standards trainiert und sind dann wieder Duschen gegangen. Deshalb freut mich das natürlich ganz besonders, dass das gleich im ersten Spiel so gefruchtet hat.“ Abzusehen war das im Vorfeld offenbar nicht – schon gar nicht in dieser Art und Weise. „Vielleicht haben die Jungs auch die 50 bis 100 Versuche gebraucht, damit es jetzt klappt oder es fehlte ganz einfach die Wettkampfspannung.“ Wie dem auch sei: Die ruhenden Bälle der Barmbeker brachen dem FC Türkiye das Genick. Dabei sorgte Tolga Tüter – erst nach feinem Pass von Sascha de la Cuesta (10.), dann nach einem missglückten Klärungsversuch von Ribeau (20.) – für eine schnelle 2:0-Führung der abstiegsgefährdeten Wilhelmsburger.

... dann jagte er die Kugel per Volley zum 2:2 ins Tornetz. Foto: timelash.de

Doch dann machte ein gewisser Matthias Ribeau seinen Fauxpas vor dem 0:2 nicht nur wieder wett, sondern stellte das Geschehen fast im Alleingang auf den Kopf! Binnen 180 Sekunden war er jeweils nach Eckbällen des bärenstark aufgelegten Pascal El-Nemr zur Stelle: Zunächst wuchtete der Innenverteidiger die Kugel per Kopf in die Maschen (24.), dann jagte er das Leder per Direktabnahme ins kurze Eck (27.). 2:2! Kurz zuvor vergab Türkiye-Verteidiger René Schröder aus drei Metern das dritte Tor seiner Elf und ließ damit nicht nur seinen Trainer ungläubig dreinblicken, wie er diesen Ball nicht im Kasten unterbringen konnte (26.). Stattdessen hätte Ribeau – wohlgemerkt als Abräumer in der Abwehr – auf der anderen Seite beinahe seinen lupenreinen Hattrick perfekt gemacht. Doch dieses Mal verfehlte sein „Header“ den Pfosten nur um Haaresbreite (40.).

El-Nemr nach „Knockout“ bärenstark drauf

Beim 3:2 hatte kein Türkiye-Verteidiger Niklas Sabas (re.) auf dem Zettel. Foto: timelash.de

Ein Doppelschlag der Hausherren vor 242 Zuschauern unmittelbar nach Wiederanpfiff machte den Gästen dann aber endgültig den Garaus. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, sorgte eine weitere Standardsituation dafür, dass BU aus einem 0:2 ein 3:2 machte: Diesmal war allerdings nicht El-Nemr der Wegbereiter, sondern Mazlum Oguz, dessen Freistoß der völlig alleingelassene Niklas Sabas am zweiten Pfosten einnickte (51.). Dass es die Pieper-Mannen aber auch aus dem Spiel heraus können, zeigten sie nicht nur in der darauffolgenden Szene, als sich El-Nemr und Janis Korczanowski herrlich durch die Hintermannschaft des FCT kombinierten. Schlussendlich leistete sich Sébastien Mankumbani einem dicken Schnitzer auf Höhe der Grundlinie gegen El-Nemr, der dies mit einer tollen Einzelaktion und dem trockenen Abschluss in lange Eck bestrafte – 4:2 (53.)! Dass El-Nemr zu jenem Zeitpunkt überhaupt noch auf dem Platz stand, war allerdings auch einer gehörigen Portion Glück zuzuschreiben. Denn der „Flügelflitzer“ rauschte noch im ersten Durchgang auf dem unglaublich rutschigen und zu Beginn eigentlich nicht zu bespielenden Untergrund böse in die Bande hinter dem Tor. Die Härte des Aufpralls war bis in die letzten Reihen zu hören und ließ zunächst nichts Gutes erahnen. Doch zum Glück – oder auch zum Leidwesen des FC Türkiye – kam der 24-Jährige nach kurzer Behandlungspause zurück.

Fischer: „Nein, ich glaube nicht mehr dran...“

Beide stark: Tolga Tüter (li.) beendete per Doppelpack seine Torkrise. Zu etwas Zählbarem reichte es dennoch nicht. Foto: timelash.de

Einen hatten die neu und deutlich offensiver ausgerichteten Barmbeker ihren Angängern aber noch zu bieten. Wie es der Zufall so wollte, es war mal wieder ein Standard. Nach Oguz‘ Freistoß-Hereingabe verteidigte Semir Osmanbegovic nur halbherzig gegen Ribeau. Dessen Querpass beförderte der eingewechselte Ivan Sa Borges Dju unter den Querbalken (85.). Am Ende waren die Wilhelmsburger mit dem Ergebnis sogar noch gut bedient. Dabei sah es zu Beginn noch ganz anders aus. „Das Selbstvertrauen dieser Mannschaft ist aufgrund der Hinserie alles andere als überragend. Wenn du dann so loslegst, eine klasse halbe Stunde spielst, wo fast alles funktioniert, was du dir vorgenommen hast, dann aber solche Nackenschläge kriegst, ist es ganz normal, dass die Mannschaft in gewisser Weise in sich zusammenbricht und nicht mehr dran glaubt“, erklärte Fischer, der die Pleite dennoch als „sehr ärgerlich“ und „bitter“ einstufte. „Aufgrund der ersten halben Stunde war mehr drin. Dass wir am Ende mit einem 2:5 und vier Standardtoren gegen uns nach Hause fahren, ist schon heftig. Aber wenn man Wege nicht mitmacht, der Keeper auf der Linie bleibt und ein Spieler seinem Gegenspieler nicht folgt, dann kannst du auch ein neues System erfinden. Das bringt nichts. Schade, weil es ein Bigpoint für den Kopf hätte werden können. Und das wäre noch wichtiger als für die Tabelle gewesen. Leider haben wir uns durch das Verteidigen bei den Standards um den eigenen Lohn gebracht.“ Abschließend entgegnete er auf die Frage, ob er noch an den Klassenerhalt glaube: „Nein.“ Und weiter: „Ich glaube da nicht dran, ich glaube fest daran!“

Pieper: „Wir haben das Training komplett umgestellt“

Pascal El-Nemr zeigte eine bärenstarke Vorstellung, bereitete zwei Tore direkt vor und traf einmal selbst. Foto: timelash.de

Neben den drei Punkten und der fruchtbaren Trainingseinheit konnte sich Frank Pieper derweil auch über die Art, wie sein Team Fußball spielte, freuen. „Wir haben es heute, nach der dusseligen Anfangsphase, wie in den Vorbereitungsspielen auch mit der nötigen Aggressivität, Laufbereitschaft, Ball- und Passsicherheit sowie Zielstrebigkeit nach vorne gespielt – und haben uns eben auch genug Torchancen herausgespielt.“ Es scheint, als würde man in der Rückserie, auf Piepers Abschiedstour, einen anderen und offensiver ausgerichteten HSV Barmbek-Uhlenhorst zu Gesicht bekommen. „Wir haben das Training von den Inhalten her komplett umgestellt, von den Übungen und Passformen ganz viel verändert, und das hat letztendlich auch auf dem Feld ganz viele Effekte gehabt, die zu dem geführt haben, wo wir jetzt sind“, verrät Pieper, der mit diesen „Synergie-Effekten“ an die Sommer-Vorbereitung anknüpft. Damals, so Pieper, habe es allerdings „nicht funktioniert“. Nun aber scheint man auf dem besten Weg zu sein, dem einen oder anderen Kontrahenten mit der „neuen Ausrichtung“ vor Probleme stellen zu können... 


Autor: Dennis Kormanjos

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