16.04.2019

„Du kannst sie zerlegen“ – doch der Sekundenschlaf gegen die „Flatterfüße“ macht's zunichte

Wedel vergibt nach 1:0 reihenweise Chancen und erreicht beim SVR am Ende glücklich ein Remis

Action im Strafraum: Rugenbergens Keeper Jannis Waldmann (hi.) schaut dem runden Leder hinterher, Broder Hansen versucht zu klären und Wedels Tim Vollmer hofft, dass der Ball zu ihm durchkommt. Foto: KBS-Picture.de

Jannick Wilckens war der letzte Spieler des Wedeler TSV, der nach dem Auswärtsspiel beim SV Rugenbergen (Hier gibt’s den Live-Ticker der Partie zum Nachlesen) noch auf dem grünen Rasen des Sportzentrums in Bönningstedt stand. „Hätte Marcus nur mehr daraus gemacht...“, sinnierte der Youngster mit der Nummer acht auf dem Rücken des grün-weiß gestreiften Trikots. Marcus – damit war sein Mannschaftskollege Marcus Richter gemeint. Mehr daraus gemacht – dabei ging es um die Szene aus der 90. Minute, in der Richter tatsächlich noch den Siegtreffer auf dem Fuß gehabt hatte, ihn aber verpasste. So wurde es beim 2:2 nichts mit dem „Dreier“. Und nichts mit dem „Spiel meines Lebens“, das Wedels Coach Andelko Ivanko im Bereich des Möglichen gesehen hatte.

Ja, sie war wirklich verrückt – diese Partie vor den 149 Zuschauern bei lauen Temperaturen im beschaulichen Bönningstedt. Auf dem Platz allerdings war Beschaulichkeit nur bei einer Mannschaft Trumpf: beim Gastgeber. Behende, behäbig, kaum in den Zweikämpfen, zu weit weg von Ball und Mann, ohne Einsatzwillen und Biss – das, was der SVR da in den ersten 45 Minuten anbot, dürfte, und da muss man keinerlei hellseherische Fähigkeiten haben, Trainer Ralf Paplapies absolut nicht gefallen haben. Ebenso wenig dessen „Co“ Knut Aßmann, der irgendwann in der ersten Hälfte gar lautstark die Frage aufwarf: „Habt ihr in den letzten zehn Monaten alles verlernt?“ Nun, lange Zeit schien es so, als hätten die Bönningstedter in der Abwesenheit von „Pala“ und Aßmann, die bekanntlich erst relativ frisch die Nachfolge des entlassenen Übungsleiters Thomas Bohlen angetreten haben, die primären Tugenden tatsächlich vergessen.

Ivanko: „Ein 4:0 oder 5:0 zur Pause wäre ein realistisches Ergebnis gewesen“

Torschützen unter sich: Wedels Enzo Simon (re.) im Zweikampf mit Kevin Lohrke. Foto: KBS-Picture.de

Nahezu eine komplette Halbzeit spielte nämlich nur der Gast. Wedel hier, Wedel da – in fast allen Situationen waren die Mannen von Coach Andelko Ivanko schneller, griffiger und zielstrebiger. Die Sache sollte nur einen Haken haben: Nachdem Enzo Simon seine Farben in der 13. Minute mit 1:0 in Führung gebracht hatte, hatten die Wedeler genügend Chancen, allein nur den ersten Durchgang in ein wahres Schützenfest zu verwandeln. Aber: Der Ball wollte einfach kein weiteres Mal ins Netz. Und so kam es wie es zwangsläufig kommen musste, auch wenn diese Weisheit mittlerweile nette Geldbeträge in die Phrasenschweine dieser (Fußball-)Welt kostet: Wer vorne nicht trifft, der wird hinten bestraft. In Bönningstedt waren die Vollstrecker dieser Strafe Kevin Lohrke und Sven Worthmann, die mit ihren beiden Toren in der 44. Minute und der ersten Minute der Nachspielzeit aus einem Rückstand eine Führung machten. Unglaublich! Fand auch Ralf Palapies: „Dass wir mit einem 2:1 in die Halbzeit gehen, halte ich für einen relativen Witz. Wenn wir zur Pause mit 0:3 hinten gelegen hätten, dann wäre das in Ordnung gewesen.“

Trotz der Führung habe er „in der Kabine genau die Ansprache gehalten, die ich mir vorher vorgenommen hatte. So konnte es ja nicht weitergehen“, sagte Palapies nach dem Spiel, das tatsächlich anders weiterging: „Die zweite Halbzeit war dann besser, aber immer noch zerfahren mit unseren Flatterfüßen. Wir können nach der Pause relativ schnell das dritte Tor schießen, als wir gut aus der Kabine gekommen sind“, so „Pala“ weiter. Genau dieses besagte Tor aber schossen die Rugenbergener nicht. Und so musste stattdessen um den greifbar nahen „Dreier“ gezittert werden. Bis zur 88. Minute – denn da war Enzo Simon für Wedel zum zweiten Mal zur Stelle und traf zum Ausgleich. Selbst den hätte Rugenbergen beinahe noch aus der Hand gegeben. Denn es folgte jene Szene, die Jannick Wilkens nach dem Match noch vor dem geistigen Auge hatte: Wedels Richter wurde lang geschickt, steuerte im Strafraum aufs Tor zu, suchte den Abschluss, kam dabei aber ins Straucheln – weil er von hinten einen Schubser abbekommen hatte. „Wenn Marcus da clever ist“, trauerte Andelko Ivanko dem 3:2 nach, „der Kontakt ist da... Oder er spitzelt den Ball mit der Pike unterm Torwart durch. Fällt da der Siegtreffer – das wäre dann das Spiel meines Lebens geworden.“

Palapies: „Dass wir mit 2:1 in die Halbzeit gehen, halte ich für einen relativen Witz“

Kampf um die Kugel: Rugenbergens Pascal Haase (li.) gegen Wedel-Kapitän Marlo Steinecke. Foto: KBS-Picture.de

So aber bleib Wedels Trainer nach dem Match nur die Erkenntnis, dass „ein 4:0 oder 5:0 zur Halbzeit ein realistisches Ergebnis gewesen wäre.“ Es sei, so Ivanko weiter, in der Pause nach den beiden Nackenschlägen vorm Halbzeitpfiff von Referee Florian Schwarze (MSV Hamburg) „schwer gewesen, die Mannschaft mental zurück zu bekommen. Ich habe den Jungs gesagt: Lasst uns vergessen, wie es steht und wir legen nochmal eine solche Halbzeit hin und dann geht’s. Es war schwierig. Du hättest sie zerlegen können, machst es aber nicht und bekommst in der gleichen Halbzeit, in der du das beste Spiel seit zwei Jahren machst, noch zwei Gegentreffer, die aus dem Nichts fallen. Das war wieder unser Sekundenschlaf. So wie gegen Vicky, als wir verloren haben.“ Am Ende hätten die Gäste dann „Vabanque gespielt“, konstatierte Ivanko, „wir haben mit drei Spitzen agiert und das Tor zum 2:2 förmlich erzwungen.“

Zumindest eine kleine Sache, die Wedels Coach Freude bereitete, gab es dann aber doch noch: „Es ist ein Trost, dass wir in der Tabelle jetzt wieder vorm SC Condor stehen und einen Punkt näher an den HEBC herangerückt sind“, befand Ivanko nach dem Schlusspfiff und gibt sich im Anstiegskampf der Oberliga weiterhin als Mutmacher und Optimist: „Ich bin sicher: Wir schaffen das“, sagte der 52-Jährige im Anschluss an die Begegnung. „Wir haben einen Punkt mehr Abstand auf Condor und einen mehr auf den HEBC. Ein Sieg und drei Punkte wären schön, aber unterm Strich auch nicht verdient gewesen. Aber das ist im Fußball egal. Du kannst auch mal ein Spiel gewinnen und weißt nicht, warum du es gewonnen hast. Wir können mit diesem einen Punkt sicher wesentlich besser leben als Wedel“, gab derweil Ivankos Gegenüber Ralf Palapies zu Protokoll, dem das ganze Match irgendwie aber doch zugesetzt hatte: „Ich bin froh, wenn ich wieder rauf aufs Sofa kann“, so der Coach, der nur bis zum Saisonende als SVR-Übungsleiter fungieren wird.

Jan Knötzsch

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