Oberliga 01

Dassendorfer „Freestyler“ brauchen 21 Sekunden – und „leisten dann eigentlich zu wenig, um erfolgreich zu sein“

16. Oktober 2021, 01:03 Uhr

Die Dassendorfer haben gut lachen - vor allem Martin Harnik (re.) nach seinem Blitztor nach 21 Sekunden. Foto: noveski.com

„Hätt‘ ich das gewusst, hätt‘ ich Gummistiefel mitgebracht“, witzelte Dassendorfs Kristof Kurczynski beim Betreten des Platzes im Hammer Park. Gemeint war damit der hohe und zugleich äußerst tiefe Rasen. Umso wichtiger und bedeutender: Früh im Spiel einen entscheidenden Akzent in Form eines Tores zu setzen (alle Highlights im LIVE-Ticker). Gesagt, getan. Zumindest aus Sicht der „Wendelwegler“, die das große Ziel hatten, mit einem weiteren „Dreier“ die perfekte Hinrunde mit der Maximalausbeute von neun Spielen, neun Siegen und 27 Punkten hinzulegen. 

Das Führungstor: Leon Osehi (li.) kommt nicht hinterher, Martin Harnik (Mi.) schiebt den Ball zum 1:0 für "Dasse" ein. Foto: noveski.com

Obwohl Hamm-Coach Sidnei Marschall auf unzählige Stammkräfte und Leistungsträger verzichten musste, war das Ziel klar: „So lange wie möglich die Null halten, weil wir wussten: Je länger es dauert desto unruhiger wird Dassendorf vielleicht.“ Der Wunsch war aber nur der Vater des Gedankens. Denn: Eine Anstoßvariante, die auch Marschall aus alten TuRa-Zeiten noch bestens kennt und in Erinnerung geblieben ist, sorgte nach gerade mal 21 Sekunden (!) für den frühen Schock. „Die Variante ist ja bekannt und für einen Innenverteidiger eigentlich ein geschenkter Ball“, sprach Marschall auf den direkten langen Ball an. „Den Kopfball muss ich gewinnen.“ Stattdessen landete der „Rebound“ auf der linken Seite bei Dennis Bergmann. Dessen weite Hereingabe legte Mattia Maggio mit dem ersten Kontakt quer und in der Mitte hatte Martin Harnik leichtes Spiel (1.)!

Harnik verpasst frühes zweites Tor

Eine weitere strittige Situation: Beim Maggio-Rückpass hat Baroni (li.) freie Bahn und wird von TuS-Torsteher Gruhne (Mi.) am Fuß getroffen. Elfmeter? Foto: noveski.com

„Dass wir nach 20 Sekunden das Gegentor kriegen, ist natürlich alles andere als das, was wir uns vorgestellt haben“, schwante Marschall Böses. Vor allem angesichts der überaus dünnen Personaldecke und dem fehlenden Selbstvertrauen nach den Niederlagen der Vorwochen. Der langjährige Bundesliga-Profi Harnik war es auch, der in der Folge per Freistoß, den David Jendrzej reaktionsstark aus dem Giebel kratzte und an den Pfosten lenkte (11.), sowie freistehend nach Zuspiel von Sven Möller, als der 34-Jährige um Zentimeter am langen Eck vorbei zielte (12.), das zweite Dassendorfer Tor hätte besorgen können. Doch schon zuvor kam es zu einer Szene, die selbst „Dasse“-Trainer Jean-Pierre Richter als „Schlüsselaktion“ betitelte.

Carolus im Glück: Vermeintliche Notbremse bleibt ungeahndet

Da fehlen nur Zentimeter! Harniks Freistoß wird von Jendrzej an den Pfosten gelenkt. Foto: noveski.com

Was war geschehen? Nach einem TuS-Ballverlust schaltete Hamm schnell um. Rodrio Baroni schickte Bazier Sharifi, der auf und davon war, aber im Duell mit Kerim Carolus an der Strafraumgrenze zu Boden ging (5.). Schiedsrichter Murat Yilmaz ahndete das vermeintliche Vergehen, das die Rote Karte zur Folge gehabt hätte, da Carolus letzter Mann war und eine glasklare Torchance vereitelte, jedoch nicht. „Aus unserer Sicht steht Bazier in einer Abseitsposition“, so Richter, „läuft dann aber in eine Zweikampfsituation, wo ein Kontakt ist. In der Situation können wir mit ganz, ganz viel Glück sagen, dass das Spiel für uns weiterläuft“, gestand er. Während Marschall meinte: „Ich weiß nicht, ob es ein Foul war oder nicht. Wenn ja, dann ist es eine Rote Karte und es geht vielleicht ganz anders aus.“

Baroni kann Maggio-Bock nicht nutzen, Eröksüz-Tor zählt nicht

Während die Dassendorfer Kleine (li.) und Möller das vermeintliche 2:0 bejubeln, geht der Blick von Referee Yilmaz (Mi.) sofort zu seinem Assistenten raus. Entscheidung: Kein Tor. Foto: noveski.com

Nach starkem Beginn wirkte Dassendorf nun völlig fahrig und schaltete (mal wieder) in den Verwaltungsmodus. Diese Nachlässigkeit bestrafte beinahe Baroni, der einen kapitalen Rückpass von Maggio jedoch nicht zu nutzen wusste (20.). Die letzte wirklich ereignisreiche Szene für eine ganze Weile. Dassendorf machte fast gar nichts mehr, Hamm kam kurz nach der Pause zum Ausgleich. Eren Eröksüz verwertete einen Zuckerpass von Baroni – doch der Assistent hatte die Fahne oben. Abseits (48.)!

Es blieb äußerst zäh im Hammer Park. Bei frostigen Temperaturen bekamen die 320 Zuschauer alles andere als ein herzerwärmendes Fußballspektakel zu sehen. Dafür ein weiteres Abseitstor. Zwar brachte Möller das Runde im Eckigen unter, Harnik stand bei dessen Abschluss jedoch im Abseits. Zunächst schien es aber so, als würde der Treffer zählen. Weder Schiri Yilmaz noch dessen Assistent, der die Fahne unten hatte, machten ein strafbares Vergehen aus. Nach kurzer Beratung wurde dem Tor die Anerkennung dennoch verwehrt – und so blieb es bis zum Schluss beim knappen und glanzlosen 1:0-Erfolg der Gäste.

"Der Sieg kann ganz viel wert sein für die Moral, aber nicht für das, was wir maximal leisten können"

Der Kampf um die Kopfballhoheit: Dassendorfs Amando Aust (li.) vs. Eren Eröksüz. Foto: noveski.com

Man habe vom Niveau „ganz oben“ angefangen, doch dann war „die Leistungskurve stark abfallend“, befand Richter. Spätestens nach dem kapitalen Maggio-Rückpass in Minute 20 habe sein Team „zunehmend zu wenig Bereitschaft“ an den Tag gelegt, „den Spielplan komplett aus der Hand gegeben und viel ‚Freestyle‘ auf dem Feld“ gehabt. Das änderte sich auch nach der Pause nicht. „Wir haben in der zweiten Halbzeit nicht die gewünschten Impulse bekommen, sondern ganz im Gegenteil. Wir hatten viel mehr Probleme, den Spielaufbau vom Gegner zu stören“, konstatierte „JPR“. Und so müsse er „unterm Strich sagen, dass wir eigentlich viel zu wenig geleistet haben, viel zu wenig Bereitschaft hatten und vor allem viel zu wenig das umgesetzt haben, was unser Plan war, um am Ende erfolgreich zu sein.“ Der Sieg könne zwar „ganz viel wert sein für die Moral, aber nicht für das, was wir maximal leisten können“, brachte es Richter auf den Punkt.

"Es waren nicht viele Chancen, aber die müssen wir machen"

Sein Gegenüber konnte – trotz der Niederlage – durchaus zufrieden sein mit seiner Elf: „Ich kann der Mannschaft heute keinen Vorwurf in Bezug auf die Einstellung und die Bereitschaft machen. Es ist zwar noch nicht der Fußball, wie wir es uns vorstellen. Aber es ist halt auch Dassendorf. Wir hatten nicht viele Chancen, aber die, die wir hatten, die müssen wir machen“, war für Hamm mehr drin. Dennoch: „Wenn wir weiter so auftreten, dann holen wir genügend Punkte, um da rauszukommen“, ist sich Marschall sicher.

Die komplette PK mit beiden Trainern im Video:

Autor: Dennis Kormanjos

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