20.04.2019

„Dasse“ im Finale: Mölli macht's „last minute“, Boll will „lieber 0:3 verlieren als so“

TuS siegt durch einen Treffer in der 89. Minute im Pokal-Halbfinale gegen Vicky

Die Entscheidung: Dassendorfs Sven Möller schreit nach seinem Siegtreffer in der 89. Minute die Freude heraus. Foto: KBS-Picture.de

Jean-Pierre Richter wusste genau, was jetzt passieren musste. Die TuS Dassendorf hatte im ODDSET-Pokal-Halbfinal-Heimspiel gegen den SC Victoria (Hier gibt's den Live-Ticker der Partie zum Nachlesen) nach einem Foul von Vickys Jan Kämpfer an Rinik Carolus kurz vor der Strafraumgrenze einen Freistoß zugesprochen bekommen. „Ich würde ihn jetzt flach in die Torwart-Ecke schießen“, sagte Dassendorfs Trainer und fügte hinzu: „Aber wir haben für sowas ja Sven Möller. Der macht das schon.“ Und „Mölli“ machte es in dieser 89. Minute wirklich: Der Ball schlug unten links von ihm ein – der Türöffner für die TuS zum Einzug ins Finale. Ausgelassener konnte der anschließende Jubel auf dem Feld und an der Seitenlinie nicht sein.

Nach dem Treffer kurz vorm Schlusspfiff herrschte kollektiver Jubel bei den Gastgebern. Foto: KBS-Picture.de

Richter stürmte auf den Platz, Sportchef Jan Schönteich hinterher. Kurze Zeit später lagen sich die beiden in den Armen. Ein paar Meter dahinter folgten Co-Trainer Markus Walek, Liga-Manager Alexander Knull und Athletik-Coach „Jogi“ Ohle. Auch den nach einer Verletzung noch nicht komplett wiedergenesenen Finn Thomas und Physio Sven Altefrohne hielt es nicht mehr auf der Bank. „Möllis“ später „Lucky Punch“ hatte die Spannung nach 89 intensiven Minuten vor 479 Zuschauern am Wendelweg gelöst – zumindest auf Seiten der Hausherren. „Ich glaube, Jan hat's mehr gewusst“, grinste Richter angesprochen auf seine Vorahnung, dass Möllers Schuss sitzen könnte. „Es war so viel Adrenalin im Spiel, das sich aufgebaut hatte. Du wusstest: Das Ding kann jetzt noch fallen. Deswegen hatten wir eine hohe Begeisterung, dass wir diese Chance noch bekommen. Ein Freistoß aus 17 Metern für Sven Möller – das ist eine riesige Chance. Das hat bei uns draußen Kräfte und Euphorie freigesetzt. Vielleicht ist davon ein bisschen auf den Platz übergeschwappt, so dass Möller die richtige Entscheidung getroffen hat. Die Qualität, die Ruhe zu haben, im Kopf so klar zu sein und den Puls so runterzufahren, hat auch nicht jeder. Es ist gut, dass wir ihn in unseren Reihen haben. Es freut mich für Möller, dass er getroffen hat.“

Richter: „Letztlich haben wir uns das Ding über die Mentalität gezogen“

Duell der beiden Spieler mit der Nummer acht: Dassendorfs Henrik Dettmann (li.) gegen den Victorianer André Monteiro Branco. Foto: KBS-Picture.de

Apropos Freude: Nach dem Schlusspfiff von Referee Murat Yilmaz lagen die Emotionen eng beieinander. Während die TuS-Spieler ihren Sieg lautstark feierten, schlich das kickende Vicky-Personal enttäuscht vom Platz. Nicht aber, ohne vorher von Jean-Pierre Richter, bis zum Dezember 2018 noch Coach des Clubs von der Hoheluft, getröstet worden zu sein. Noch ehe er zu seinem Team eilte, gab es aufmunternde Worte und den einen oder anderen „Hand-Shake“ für die Blau-Gelben. „Vielleicht habe ich damit bei meinen eigenen Spielern etwas an Kredit verloren, weil ich zuerst zum Gegner gegangen bin, aber sowas gehört für mich dazu. Gerade, wenn man sieht, dass der Gegner alles für den Sieg getan hat. Außerdem kenne ich die Jungs ja über Jahre, einige sogar über Jahrzehnte. Sie tun mir nicht leid, weil sie ein Mega-Spiel abgeliefert haben, aber es ist eine Herzensgeschichte. Auf der einen Seite hat der Erfolg für uns bei mir etwas hochgeschwemmt, auf der anderen Seite habe ich Anerkennung für Vicky. Ich bin innen drin so ein bisschen zerfahren. Ich ziehe den Hut davor, dass sie uns alles abverlangt haben. Aber auch wir haben dem Gegner alles abverlangt – sonst wäre das nicht so ein Klasse-Halbfinale gewesen“, konstatierte Richter nach dem Match.

So wie sich Richter ein wenig in der Zwickmühle zwischen jetzigem und Ex-Team steckte, erging es Fabian Boll bei der Beurteilung des Ergebnisses. „Ich bin riesig enttäuscht. Auch die Jungs dürfen heute traurig und enttäuscht sein. Das Finale zuhause an der Hoheluft zu spielen, war unser großes Ziel. Jetzt wird das Hamburger Finale ein Schleswig-Holstein-Cup“, sagte der Vicky-Coach und erklärte: „Wir wissen natürlich um diese extreme Qualität von Möller. Ich kann nicht beurteilen, ob Jan Kämpfer dran war oder nicht. Er schwört, dass es nicht so war. Aber das ist auch egal. Ich kann nicht sagen, ob das Ergebnis nun verdient oder unverdient ist.“ Seine Elf habe, so Boll, „in der zweiten Hälfte lange eine Phase gehabt, in der man dachte: Jetzt haben wir sie und je länger das Spiel läuft desto eher geht’s zu unseren Gunsten aus. Für uns lief es von Beginn an suboptimal. Beim Aufwärmen fällt der erste Innenverteidiger aus, dann im Spiel der nächste (erst musste Vincent Ermisch passen, dessen Stellvertreter Yannick Siemsen schied nach 30 Minuten verletzt aus, Anm. d. Red.).“ Alles in allem aber könne er „den Hut vor der Leistung ziehen“, die seine Jungs gezeigt hätten, sagte Boll: „Da war richtig Leben auf dem Platz. Damit sind wir hochzufrieden, es war das erwartete Duell auf Augenhöhe.“ Aber eben mit einem Ende, das Boll wurmte: „Das ist bitter, da verliere ich lieber mit 0:3 als so und gut ist und ich erkenne dann an, dass man schlechter war.“

Möller tanzt am Finaltag auf zwei Hochzeiten: „Ich kann nicht nein sagen und nicht hingehen“

Ein paar Zentimeter höher gestiegen: Der Dassendorfer Linus Büchler (hi.) überspringt Vickys Dennis Bergmann. Foto: KBS-Picture.de

Für Jean.Pierre Richter war es derweil „einer der schönsten Ostersamstage, die man sich wünschen kann. Ich glaube, wir haben viel vom dem abgerufen, was wir abrufen wollten. Wir waren sehr diszipliniert, zielstrebig und mutig. Aber man hat auch gesehen, welche Qualität auf der anderen Seite war. Das haben wir mit Demut anerkannt. Wenn dieses Spiel in der Liga nach 90 Minuten mit 0:0 enden würde, dürfte keiner traurig sein, dass es keine Tore gab. Es war von der taktischen Umsetzung und den Chancen her ein hochklassiges Spiel.“ In selbigem sei sein Team „am Ende aufgrund der Physis und und Möllers Qualität dran gewesen. Nicht in die Nachspielzeit zu müssen und über 90 Minuten für das Team, den Staff und den Club das Erlebnis zu ermöglichen, im Endspiel zu stehen – das ist richtig groß. Die Vorfreude genau darauf war für die Jungs ein großer Motivationsfaktor. Letztlich haben wir uns das Ding über die Mentalität gezogen“, so Richter, „für mich persönlich ist es ein Wahnsinns-Gefühl im Ex-Heim-Stadion mit der neuen Truppe das Finale um den ODDSET-Pokal bestreiten zu dürfen. Ich freue mich sehr darauf.“

Und was hatte der „Matchwinner“ zu sagen? „Ich hatte in der ersten Halbzeit drei Freistöße, die ich über die Mauer geschlenzt habe. Beim Tor war es von der Entfernung her zentral so dicht dran, dass ich in die Torwart-Ecke schießen musste. Ich war mir sicher, dass es klappt. Ein geiles Gefühl. In der ersten Halbzeit haben wir ein bisschen besser den Ball laufen lassen. In der zweiten war Vicky dann am Drücker, hatte mehr Ballbesitz. Diese Phase haben wir gut überstanden. Zum Ende hin ist unser Sieg verdient“, befand „Mölli“ und ließ seinen Blick direkt auf das Endspiel am 25. Mai schweifen: „Norderstedt ist ein guter, starker Gegner. Das wird ein gutes Finale“, ist sich der 28-Jährige sicher und verriet im Anschluss, dass er am Finaltag (Anstoß: 10. 30 Uhr) im wahrsten Sinne des Wortes auf zwei Hochzeiten tanzt: „Mich stört es nicht, dass das Spiel schon um 10.30 Uhr stattfindet. Ich bin an dem Tag auf eine Hochzeit eingeladen. Ein guter Kumpel von mir heiratet. Um 14 Uhr geht’s los. Ich kann nicht nein sagen und nicht hingehen. Deswegen hat mich die Anstoßzeit gefreut. Erstmal wird der Job erledigt und gefeiert und dann geht’s ab zur Hochzeit“, so „Mölli“. Und wer weiß: Vielleicht ist es ja ausgerechnet er selbst, der an diesem Tag wieder mit einem späten Tor dafür sorgt, dass er früh(er) los kann...

Jan Knötzsch    

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