20.04.2019

„Das ist total geil“: „Lucky-Lüne“ verpasst Osdorf mit Turban doppelten Punch

Norderstedt zieht vor 1300 Zuschauern am Blomkamp ins Pokalfinale ein

Der Tor-Turban nimmt den Kasten ins Visier: Norderstedts Jan Lüneburg (Nummer neun, hier gegen Robin Schmidt) zielt in Richtung Gehäuse und Keeper Nick Schmidt (li.). Foto: Küch

Der Erfolg überstrahlte alles. Auch den Schmerz. „Vielleicht kommt der nachher, wenn ich im Bett liege“, sagte Jan Lüneburg und grinste. Und genau dazu hatte der Torjäger von Eintracht Norderstedt nach dem Pokal-Halbfinalspiel des Nord-Regionalligisten beim TuS Osdorf (Hier gibt’s den Live-Ticker der Partie zum Nachlesen) auch allen Grund. Vor 1300 Zuschauern am Blomkamp hatte „Lüne“ einen erheblichen Anteil am 3:0-Erfolg der Mannschaft von Trainer Jens Martens und dem daraus resultierenden Einzug der Garstedter ins „Frühschicht“-Finale um den ODDSET-Pokal, das am 25. Mai um 10.30 Uhr angepfiffen wird. Dabei hatte in der ersten Halbzeit zumindest für ein paar Momente in Frage gestanden, dass der „EN“-Angreifer letztlich zum „Man of the match“ werden konnte...

Was passiert war? Nach einem Zweikampf musste Lüneburg in der Anfangsphase der Begegnung runter vom Feld und sich draußen von Physiotherapeutin Vanessa Blunk behandeln lassen. „Lüne“ hatte sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen, aus der er stark blutete. „Das ist ja nicht meine erste Platzwunde. Ich hab mir auch schon zwei oder drei mal das Nasenbein gebrochen. Es ist nicht so, dass der Schmerz im ersten Moment da ist. Aber du kannst halt nicht sehen, wie groß die Wunde ist, weil sie am Kopf ist und wie viel Blut da raus kommt. Bei den meisten ist ja ein bisschen mehr Blut im Kopf. Ich habe nur das Blut an meiner Hand gesehen. Bei einer größeren Wunde muss man sich fragen, ob man überhaupt weiterspielen kann oder sollte“, erklärte er. Eine Frage, die im Falle Lüneburgs schnell beantwortet war: Er spielte weiter – allerdings fortan mit einem Turban-Verband am Kopf so wie einst Dieter Hoeneß, der so 1982 den FC Bayern München zum Pokalsieg führte.

Wiehle: „Ich war selbst erschrocken, dass wir in der ersten Halbzeit nur hinterhergelaufen sind“

Flying Felix: Osdorfs Felix Schlumbohm (Zweiter v. re.) steigt gegen Jan Lüneburg zum Kopfball hoch, während mehmet Eren (re.) die Szene beobachtet. Foto: Küch

Nun, mit einem möglichen Pokalsieg für die Eintracht ist es noch ein bisschen hin, doch den Einzug ins Endspiel hatte „EN“ dann tatsächlich „Lüne“ zu verdanken: Nachdem es am Blomkamp in der ersten Hälfte torlos geblieben war, obwohl die Eintracht Chance um Chance für sich verbuchen konnte (O-Ton Coach Jens Martens: „Ich kann gar nicht mehr wirklich rekonstruieren, wie viele das waren. Mindestens fünf Hundertprozentige. Man kennt das ja: Irgendwann rächt sich das, aber wir haben konzentriert weitergearbeitet“), schlug der 28-Jährige drei Minuten nach dem Seitenwechsel erstmals zu, um dann nach einer Stunde auch den zweiten Treffer für seine Farben zu markieren. Vico Meien setzte schließlich in der ersten Minute der Nachspielzeit den Schlusspunkt zum 3:0 und ließ Lüneburg, der sich trotz Turban in jeden Kopfball schmiss („Die Wunde ist ja am Hinterkopf“), letztlich bilanzieren: „Wenn wir schon zur Halbzeit 3:0 geführt hätten, wäre Osdorf gut bedient gewesen.“

Worte, mit denen er den berühmten sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf traf. „Es sah fast so aus, als ob wir nicht mutig genug gewesen wären. Ich war selbst erschrocken, dass wir in der ersten Halbzeit nur hinterhergelaufen sind und den Gegner schalten und walten lassen haben, Klar ist das ein Regionalligist, der eine andere Handlungsschnelligkeit hat und bei dem es auch ein anderen Tempo ist. Aber ich habe gedacht, dass wir mit der Situation anders umgehen – gerade, weil es ein Heimspiel ist und gerade vor einer so großen Kulisse. Das haben die Jungs nicht mitgenommen. Vielleicht waren sie auch so beeindruckt, dass sie dadurch gehemmt waren“, war jedenfalls auch Piet Wiehle nicht entgangen, dass seine Equipe vorm Pausenpfiff keinen allzu gelungene Auftritt aufs künstliche Grün gelegt hatte. Aber: „Unsere zweite Halbzeit fand ich besser, da haben wir gezeigt, dass wir auch Fußball spielen können. Wir müssen den Ball nicht immer einfach nach vorne holzen. Da hatten wir dann auch Passagen, in denen wir den Ball und den Gegner laufenlassen haben“, so der Osdorfer Übungsleiter, der feststellte: „Es ist ärgerlich, dass wir durch eine Fehlentscheidung mit 0:1 in Rückstand gehen. Eigentlich muss es einen Einwurf für uns geben, aber der Schiedsrichter-Assistent macht einen Eckball daraus.“ 

Martens: „Wir haben die Begegnung dominiert und es spielerisch richtig gut gelöst“

Erfolgreich abgefangen: Osdorfs Keeper Nick Schmidt (re.) nimmt die Kugel auf, während Teamkollege Jeremy Wachter dafür sorgt, dass Marcus Coffie nicht näher herankommt. Foto: Küch

Auch hier beteiligt: Jan Lüneburg – und der gab Wiehle weit nach Spielschluss recht, dass Assistent Devin Wengorz in diesem Moment wohl daneben gelegen hatte: „Wahnsinn, dass er das nicht gesehen hat“, konstatierte Norderstedts Nummer neun und zollte dem unterlegenen Widersacher Respekt. „Im zweiten Abschnitt hat Osdorf viel besser Fußball gespielt als im ersten. Es ist unangenehm gegen die zu spielen. Die Erleichterung ist sehr sehr groß. Ich war angespannt, auch wenn das schon mein sechstes Halbfinale ist“, so Lüneburg. Und die hochgelobten, aber ausgeschiedenen Osdorfer? „Man muss immer auch sehen, was wir in der Oberliga und im Pokal mit dieser Mannschaft und unserem Etat erreicht haben, Es ist ein Traum für jeden Fußballer, ins Pokal-Halbfinale zu kommen. Darauf können wir unheimlich stolz sein. Es schafft nicht jeder unter die letzten Vier. Wenn man es gegen einen Regionalligisten dann nicht schafft, weiterzukommen – dann ist das eben so“, gab Piet Wiehle zu Protokoll, dass er sich mit ein bisschen Abstand trotz des „Aus“ sicher über das Erreichte freuen könne.

Bei Jens Martens war die Sache mit der Freude da schon deutlicher. Der 63-Jährige ergriff nach dem Abpfiff im Teamkreis das Wort und sorgte dafür, dass es richtig laut wurde. „Es ist total geil. Wir haben gesagt, dass wir die Blockade im mentalen Bereich nach dem Abschneiden in der Liga lösen wollen und es nur eins gibt: Wir wollen das Spiel gewinnen – egal wie. Wir haben drei Tore geschossen, auch wenn wir vielleicht acht hätten machen können. Aber ich will nicht das Haar in der Suppe suchen. Das war eine überragende erste Halbzeit – aber mit zu vielen vergebenen Chancen. Unterm Strich war's eine geile Leistung mit geilem Teamspirit. Das müssen wir mitnehmen“, ließ Norderstedts Neu-Coach das Match Revue passieren. „Mir ist ein sehr großer Stein vom Herzen gefallen.“, bekannte Martens und erklärte abschließend: „Es ist mir egal, wer die Tore schießt. Wir wissen, dass Lüneburg ein Mentalitäts-Spieler ist und damit genau in dieses Spiel passt. Dass er zwei Tore macht, ist geil. Wir haben die Begegnung dominiert und es spielerisch richtig gut gelöst“ – und damit den Schmerz des Ausscheidens verhindert. So dürfte wohl am Wochenende nur einem Norderstedter der Schädel brummen: Jan Lüneburg aufgrund seiner Platzwunde...

Jan Knötzsch      

Kommentieren

Mehr zum Thema