Oberliga

Cooler Kukanda kann's – und wie: „Gebt Elia den Ball – der macht das schon!“

10. Oktober 2020, 19:35 Uhr

Der Zeigefinger deutet es schon an: Nach drei Assists machte der überragende Eliakim Kukanda (li.) in der Nachspielzeit den 4:2-Sieg von Hamm perfekt. Foto: noveski.com

Als ein Anhänger des Hamm United FC dem neben ihm sitzenden Jörn Heinemann die aktuelle Live-Tabelle in der Oberliga auf dem Mobiltelefon unter die Nase rieb, entgegnete der HUFC-Präsident kurz vor der Halbzeitpause ganz trocken: „Hättest du was anderes erwartet?!“ Während ein weiterer Fan den aus dem Staunen nicht herauskommenden Mobiltelefon-Besitzer mit einem Schmunzeln dazu aufforderte, doch einen Screenshot vom Tableau zu machen. Zu jenem Zeitpunkt nämlich führte Hamm in Meiendorf – trotz der Ausfälle von Leistungsträgern wie Wicke, Baroni, Tafese oder auch Sharifi (Hamm-Coach Marschall: „Die hatten wir auch letzte Woche schon zu ersetzen. Da fehlt uns die Kreativität im Zentrum“) – nicht nur äußerst souverän mit 3:0, sondern zugleich auch das Feld in Hamburgs höchster Spielklasse an (alle Highlights im LIVE-Ticker)!

Er traf den Ball nicht richtig, aber wurschtelte das Leder nach Kukandas Schuss irgendwie zur Führung in die Maschen: Enis Ay (li.). Foto: noveski.com

Nicht zuletzt dank eines Mannes: Eliakim Kukanda. Der von Concordia in den Hammer Park gewechselte „Flügelflitzer“, der bereits in der Vorwoche gegen Niendorf (4:1) eine astreine Performance aufs Parkett legte, spielte die Meiendorfer Hintermannschaft regelrecht schwindelig. Beim frühen Führungstreffer sorgte sein Abschluss dafür, dass Sulejman Hoxha mit einer erstklassigen Parade zwar noch den Einschlag verhindern konnte, aber nicht die Tatsache, dass Enis Ay den Abpraller über die Linie wurschtelte (7.). Beim zweiten und dritten Torerfolg wurde Kukanda hingegen jeweils von Maurizio d'Urso auf die Reise geschickt, und servierte erst Francis Gyimah (33.), dann Sulieman Omar (43.) die vermeintlich vorentscheidenden Treffer auf dem Silbertablett. Ist Hamm tatsächlich schon eine Spitzenmannschaft? „Wenn man auf die Tabelle guckt, ja. Die lügt ja nicht. Im Moment läuft es“, entgegnete Marschall. Der vorläufige Platz an der Sonne war Hamm nach dem Remis zwischen Dassendorf und Buchholz (1:1) nicht mehr zu nehmen. So schien es zumindest...

"Warum wir so aus der Kabine kommen, weiß ich auch nicht"

Das 0:3! Sulieman Omar (li.) grätscht die mustergültige Hereingabe von Kukanda zum dritten Hamm-Torerfolg in die Maschen. Foto: noveski.com

In der Nachspielzeit des ersten Abschnitts musste Meiendorf-Coach Gökhan Acar den verletzten Dorian Balla durch Josiah-Frimpong Basoah ersetzen. Mit Mazlum Oruk und Joel Weiß – für Ibrahim Özalp und den indiskutablen Niel Lüthje – schöpfte er mit Wiederbeginn der zweiten 45 Minuten sein Wechselkontingent aus. Und siehe da. Auf einmal war Meiendorf drin – voll drin! Und natürlich waren es wieder einmal die Zentrum-Spieler Gökhan Iscan, der von Oruk in Szene gesetzt wurde (49.), sowie Mustafa Ercetin, der ganz Hamm einen Knoten in die Beine spielte und insbesondere Jan Schumacher äußerst alt aussehen ließ (56.), die dem MSV neues Leben einhauchten. Plötzlich stand es 2:3! „Warum wir so aus der Kabine rauskommen, weiß ich auch nicht“, rätselte HUFC-Coach Sidnei Marschall über das Auftreten seiner Mannen nach der Pause.

Mustafa Ercetin (re.) spielte Jan Schumacher (2. v. re.) einen Knoten in die Beine und verkürzte auf 2:3. Foto: noveski.com

Nachdem der starke und immer auf der Höhe befindliche Schiedsrichter Furkan Cevdet Vardar auch bei jener Situation, in der Basoah gegen den emsigen Abraham Yeboah Boateng im eigenen Sechzehner den Ball spielte, alles richtig machte – wie auch in der Halbzeit, als er beide Teams darauf hinwies, den Sicherheitsabstand auf den Ersatzbänken zu wahren –, schien die Partie endgültig in Richtung der Hausherren umzuschlagen. Die „Hammer“ Fans ärgerten sich über den Nicht-Pfiff, während Marschall wie folgt reagierte: „Als es 3:2 stand, meinte ich: ‚Gebt Elia den Ball – der macht das schon und wird das klären!‘ Wir waren ja gar nicht mehr im Spiel drin.“ Gesagt, getan. In der Nachspielzeit setzte Sebastiao Mankumbani den alles überragenden Mann auf dem Platz mit einem Einwurf in Szene. Der 22-Jährige war auf dem linken Flügel nicht mehr zu halten, zeigte seinen Gegenspielern nur noch die Hacken und schloss mit der rechten Innenseite ganz cool ins lange Eck ab (90. +1).

"Der Junge spielt für mich Dritte Liga!"

Der Jubel bei Ercetin (Mi.) war groß - doch die Ernüchterung folgte. Foto: noveski.com

Anschließend verfiel nicht nur sein Trainer in Lobhudeleien: „Der Junge spielt für mich Dritte Liga! Das habe ich auch schon vor der Saison zu ihm gesagt. Aber er muss viel an sich arbeiten. Das mag er nicht. Wenn er das noch hinkriegt, ist er Gold wert. Dass es am Ende auch noch so kommt, dass er das Spiel entscheidet, freut mich für den Jungen“, so Marschall, der nichtsdestotrotz befand: „Das war mit Abstand unser schlechtestes Spiel – und da nehme ich alle elf Vorbereitungs- und die ersten drei Saisonspiele mit rein. Auch schon in der ersten Halbzeit. Wir führen zwar 3:0, aber spielen keinen guten Fußball. Letztlich haben wir verdient gewonnen. Aber meine Nerven waren schon am Ende.“ Dennoch konstatierte er: „Egal, die drei Punkte nimmt uns keiner mehr.“ Und so feierten nicht nur die Unterstützer der „Geächteten“ auf der Tribüne, sondern auch die Spieler und Funktionäre mit lautstarken „Spitzenreiter“-Sprechchören die Tabellenführung.

"Ja, er hat heute das Spiel entschieden"

Faires Tackling: Josiah Basoah (2. v. li.) trifft im Duell mit Abraham Yeboah Boateng klar den Ball. Die Gäste forderten einen Elfmeter... Foto: noveski.com

Obwohl für sein Team am Ende eine 2:4-Pleite zu Buche stand, hat auch Gökhan Acar das Spiel seiner Schützlinge „nicht so schlecht gesehen – auch nicht in der ersten Halbzeit“. Aber: „Wenn man so viele individuelle Fehler macht, dann kriegt man halt drei Gegentore.“ Vor allem, wenn der Gegner eine derartige Kaltschnäuzigkeit an den Tag legt: „Hamm hatte in der ersten Halbzeit gefühlt drei Angriffe und macht daraus drei Tore. Wir müssen da viel konsequenter zur Sache gehen“, bemängelte Acar das Defensivverhalten – und stand nach 45 Minuten mit seiner Equipe vor einer Herkulesaufgabe. Denn: „Natürlich ist es nach dem 1:8 bei Vicky und einem 0:3 zur Halbzeit schwierig. Deshalb fand ich die Reaktion von den Jungs sehr gut. Wir waren dran und bissig. Am Ende hat es zwar nicht gereicht und es hört sich komisch an. Aber mit der zweiten Halbzeit bin ich sehr zufrieden.“ Und weiter: „Ich bin der Meinung, wir hätten uns einen Punkt verdient gehabt.“ Allerdings: „Individuelle Fehler werden in dieser Liga sofort bestraft – und Hamm hat die brutal bestraft.“ 


Vor allem Eliakim Kukanda, der in der vergangenen Spielzeit bei Cordi so gut wie gar keine Rolle spielte. „Ja, er hat heute das Spiel entschieden“, musste auch Acar eingestehen, fügte aber gleichzeitig an: „Auch unsere Dummheit!“

Autor: Dennis Kormanjos

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