Oberliga

Aus 0:3 mach 3:3: Sasels „wahres Gesicht“ erschüttert Rugenbergen – Versöhnlicher Abschied für „Kuddel“ und „Höcki“!

11. Mai 2024, 19:39 Uhr

Johannes Höcker riskiert Kopf und Kragen - und pariert mit einer seiner letzten Paraden in seiner langen Karriere. Foto: Klaas Dierks

„Eine kriegen wir noch, Männer!“, war sich Johannes Höcker sicher – und behielt mit all seiner gesammelten Erfahrung von 21 Jahren im Herren-Bereich tatsächlich recht. Nur wenige Augenblicke nach Höckers Motivationsschub in Richtung seiner Teamkollegen fand ein langer Ball über Umwege den Fuß von Abdel Hathat. Der Joker fackelte nicht lange und ließ das Spielgerät aus 20 Metern halblinker Position im rechten Giebel einschlagen (90. +5)! Ein äußerst sehenswerter Treffer, der für kollektiven Jubel beim TSV Sasel und einen versöhnlichen Heim-Abschied diverser Meister-Protagonisten sorgte (alle Highlights im LIVE-Ticker). Aber eben auch für Interimstrainer Carsten „Kuddel“ Reuter – nach sage und schreibe 23 Jahren in verschiedensten Funktionen – und Torwart-Titan Höcker, der sein allerletztes Spiel im Herrenbereich bestritt.

Das 0:3 aus Saseler Sicht kurz vor der Pause: Pascal Haase (re.) hat im Rückraum alle Freiheiten und vollendet für seine Bönningstedter. Foto: Klaas Dierks

„Das war’s“, beteuerte „Höcki“ unmittelbar nach Abpfiff – und gestand auf Nachfrage: „Ich war die ganzen letzten Jahre vor einem Spiel eigentlich nie so aufgeregt wie heute. Ich hatte schon beim Warmmachen ein flaues Gefühl im Bauch und habe gemerkt, dass es von der Anspannung ganz anders war als sonst. Ich bin froh, dass die Jungs am Ende noch einen Punkt rausholen konnten.“ Denn: „Die erste Halbzeit war nicht so gut“, betrieb er Understatement – und quittierte diese Aussage mit einem leichten Schmunzeln. „Nicht so gut“ ist die nette Formulierung von „sehr enttäuschend“, wie Reuter den Auftritt zusammenfasste.

Und auch Höcker musste sich in der Halbzeit seines letzten Auftritts erst einmal sammeln – und verriet, dass er seinen Mannschaftskameraden mit auf den Weg gab: „Nix sagen, weil ich gleich platze!“ Der Grund: Seine „Parkwegler“ bekamen bei der großen Abschiedszeremonie, die jedoch mehr oder minder komplett ausfiel, da man sämtliche Verabschiedungen intern vornehmen will, keinen Fuß auf den Platz und wurden von Abstiegskandidat Rugenbergen regelrecht überrollt. Erst profitierte Patrick Hoppe nach einer Flanke von Pascal Haase von einer völlig verunglückten Klärungsaktion von Arnold Hoeling (23.), ehe Marlon Stannis nach Zuspiel von Mikael Großmann das beherzigte, was das Trainerteam bei einer vorangegangenen Aktion noch monierte – und einfach mal aus 17 Metern abzog. Mit Hilfe des rechten Innenpfostens erhöhte Stannis (37.)!

"Was spielen wir hier eigentlich gerade? Fußball ist das nicht!"

Was für ein Strahl! Keine 20 Sekunden nach Wiederanpfiff läutete Fatih Umurhan (re.) die Saseler Aufholjagd spektakulär ein. Foto: Klaas Dierks

Doch damit nicht genug. Sasel agierte in der Rückwärtsbewegung katastrophal. Das bestraften die Bönningstedter mit dem dritten Streich nach einem perfekt vorgetragenen Konter. Haase veredelte schließlich einen Doppelpass zwischen Mark Zimmermann und Taylan Güvenir (41.)! „Was spielen wir hier eigentlich gerade? Fußball ist das nicht“, schimpfte Reuter an der Seitenlinie. Während Deran Toksöz, der dem Club ebenfalls den Rücken kehren wird, bereits zuvor monierte: „Keiner will den Ball haben!“, brachte er seine Unzufriedenheit zum Ausdruck. Hätte Höcker wenig später bei einem Volley von Hoppe nicht seine noch immer vorhandene, ganze Klasse gezeigt und das Leder aus dem Kreuzeck gekratzt (43.), hätte es sogar 0:4 gestanden.

Als der Pausenpfiff fast schon eine Erlösung für den TSV war, berieten sich die Interimstrainer Holger Sander und „Kuddel“ Reuter noch auf dem Platz mit den Führungsspielern Nico Zankl und Toksöz. Minutenlang wurde eifrig diskutiert. „Es ist auch ein bisschen laut geworden in der Kabine“, gab Reuter anschließend unumwunden zu – und ließ uns wissen: „Nico und ich haben der Mannschaft gesagt: Entweder gehen wir da jetzt raus und zeigen ein anderes, unser wahres Gesicht – oder der heutige Tag ist so richtig für den A…!“

"Aufgrund der Chancen hätten wir das Spiel sogar noch komplett drehen können"

Sasels Joker Pedro Gomes dos Santos (Mi.) verzweifelt nach einem Schuss an die Unterkante der Latte. Foto: Klaas Dierks

Auch Höcker sah den Fußball-Nachmittag – trotz des 0:3-Rückstandes – noch nicht als gelaufen an. Denn: „Mit der Truppe weiß ich immer, dass wir Spiele noch drehen können, weil wir das auch schon ein paar Mal gezeigt haben, dass wir das fußballerisch draufhaben – vor allem hier im Alfred-Mager-Stadion. Und das haben die Jungs auch heute wieder bewiesen“, war der Torwart-Titan am Ende doch noch etwas versöhnlich gestimmt. „In der zweiten Halbzeit haben wir ein ganz anderes Gesicht gezeigt – das Sasel-Gesicht der letzten Wochen – und am Ende noch einen verdienten Punkt geholt. Aufgrund der Chancen hätten wir das Spiel sogar noch komplett drehen können“, befand Höcker.

"Was wir noch für Chancen ausgelassen haben – da war man schon fast fassungslos"

SVR-Keeper Patrick Hartmann (li.) packt einen unfassbaren Reflex aus. Foto: Klaas Dierks

In eine ganz ähnliche Kerbe schlug Reuter: „Die Mannschaft hatte wirklich den absoluten Willen, das Ding zu drehen, und hat Moral gezeigt. Wenn man bedenkt, was wir noch für Torchancen ausgelassen haben – da war man schon fast fassungslos“, trieb Patrick Hartmann im Tor der Bönningstedter die Hausherren ein ums andere Mal mit schier unfassbaren Reflexen und Paraden zur Verzweiflung. „Im Endeffekt ist das 3:3 nach dem Halbzeitstand natürlich gut, aber es hätte am Ende mehr sein können, eigentlich sogar müssen“, durchlebte Reuter in seinem letzten Heimspiel noch einmal alle Emotionen und „eine echte Berg- und Talfahrt“.

Jesse Osei (li.) mit vollem Einsatz gegen Marcel Schöttke. Foto: Klaas Dierks

Gerade mal 20 Sekunden nach Wiederanpfiff läutete Fatih Umurhan nach einem perfekten Toksöz-Ball und einem Großmann-Stellungsfehler die Aufholjagd mit einem satten Pfund ins kurze Kreuzeck ein (46.)! Benjamin Dreca veredelte einen Chip von Jean-Lucas Gerken zum Anschluss (68.), ehe Hathat mit der letzten Aktion des Spiels den Schlussakkord setzte (90. +5)! „Es tut mir leid für Rugenbergen“, so Reuter angesichts der Tabellenkonstellation. „Aber im Endeffekt wollten wir unser Spiel gewinnen und nicht dem Gegner irgendetwas schenken.“

"Hätten locker zwölf Punkte mehr haben können"

Nach 23 Jahren beim TSV Sasel ist zumindest "in dem Ausmaß" Schluss: Carsten "Kuddel" Reuter legt mit 68 Jahren eine Pause ein. Foto: Klaas Dierks

Die Gäste sanken mit Abpfiff niedergeschlagen zu Boden. Vor dem Spiel wäre man mit einem Punkt vermutlich sogar einverstanden gewesen. „Klar“, erwiderte Nils Hachmann. Nach den 95 Minuten dürfte der eine Zähler aufgrund des Pausenstandes zu wenig gewesen sein – und war schlussendlich doch noch irgendwie glücklich. „Dass Sasel spielstark ist, uns reindrückt und mit Toksöz als Libero die Bälle um die Ohren haut, das lag auch daran, dass wir das teilweise nicht gut verteidigt und auch Glück in der einen oder anderen Situation hatten. Trotzdem hatten wie die Räume und hätten mindestens noch ein Tor mehr machen müssen. Und das hätte uns gereicht“, sprach Hachmann auf die zum Teil kläglich vergebenen Konterchancen von Yoshiki Iizuka an.

Durch den Punkt ist Rugenbergen in der Tabelle zwar wieder mit Türkiye gleichgezogen, hat aber das schlechtere Torverhältnis und muss am letzten Spieltag im Heimspiel gegen den HEBC mehr Zähler einfahren als der FC Türkiye zeitgleich gegen Tornesch – sonst sind die Bönningstedter definitiv abgestiegen. „Wir haben die Punkte in der Hinrunde gegen die direkten Konkurrenten verloren. Mit der Spielleistung der letzten Wochen hätte es gereicht. Wir hätten locker zehn, zwölf Punkte mehr haben können. Dann würden wir gar nicht darüber reden, sondern mit einem 3:3 happy wegfahren“, bilanzierte Hachmann – und erklärte abschließend in Bezug auf die Ausgangslage: „Ich wünsche mir, dass Tornesch gewinnt und wir gegen HEBC unentschieden spielen – dann sind wir durch. Oder wir gewinnen und die spielen unentschieden. Das würde ja reichen.“

"Ganz weg bin ich nicht, aber die ganz große Last ist weg"

Zwei ganz Große verlassen die Amateurfußballbühne: Johannes Höcker (li.) beendet nach 21 Jahren seine aktive Laufbahn, auch Carsten Reuter macht Schluss. Foto: Klaas Dierks

Bei der Begrüßung vor dem Spiel witzelte Hachmann noch in Richtung Reuter: „Euch wünsche ich ein gutes Spiel, uns den Erfolg.“ Doch der blieb letztlich aus, weil die „Parkwegler“ im letzten Heimspiel von „Kuddel“ ein furioses Comeback hinlegten. Und wie erging es dem 68-Jährigen? „Ich hatte schon ein Kribbeln im Bauch, war etwas nervös und aufgeregt. Ich bin stolz, dass die Jungs das Spiel in der zweiten Halbzeit gedreht haben und vor allem über die Art und Weise, wie sie das gedreht haben.“ Und fest steht auch: „Ich verlasse den Verein ja nicht komplett, sondern bleibe ihm treu – und werde als ‚Back-up‘ weiter zur Verfügung stehen.“ 

Da sein Nachfolger im Juli erst einmal im Urlaub ist, „habe ich da schon wieder meinen Auftritt und werde ihn vertreten. Ganz weg bin ich nicht, aber die ganz große Last ist weg“, hat sich Reuter eine Auszeit mehr als nur wohlverdient. Und wie steht es nun um die Zukunft von Höcker? „Nächste Woche geht es mit dem Junior erstmal nach Duisburg zu einem Ländervergleich, dann geht es im Juni in den Urlaub – und dann muss ich mir mal überlegen, was ich dann mache. Es wird irgendwo in die Richtung als Torwart-Trainer gehen“, wünschen wir dem Sympathieträger einen erfolgreichen Start in die Karriere nach der Karriere.

Autor: Dennis Kormanjos