06.12.2018

„Als ich hergekommen bin, hatte ich mich darauf eingestellt, gegen den Abstieg zu spielen“

Stephan Rahn spricht über die bisherige HUFC-Saison, seine Rolle und die Perspektive des Teams

Skeptischer Blick vor Saisonbeginn: Stephan Rahn wusste nicht unbedingt vollständig, was ihn bei Hamm United erwarten würde. Foto: Bode

Es ist – mal abgesehen vom zwischenzeitlichen Höhenflug des FC Voran Ohe – die Überraschung der Landesliga Hansa-Saison bislang: Der Hamm United FC steht an der Tabellenspitze und darf nach jetzigem Stand der Dinge vom Aufstieg in die Oberliga träumen. Zwar gab es – unter anderem mit Hamid Derakhshan, dem Trainer des Ligakonkurrenten SC V/W Billstedt – Experten, die dem HUFC schon vor der Saison eine solche Rolle zugetraut hatten, im Hammer Park aber will man auch jetzt das Wort „Meisterschaft“ noch immer nicht in den Mund nehmen. Weder Trainer Sidnei Marschall, noch Stephan Rahn. 

„Ich hab nicht damit gerechnet. Überhaupt nicht...“, sagt der 36-Jährige umumwunden, als die Rede auf die Platzierung kommt, auf der die „Geächteten“ in die Winterpause gehen. „Als ich hergekommen bin, hatte ich mich darauf eingestellt, gegen den Abstieg zu spielen“, konstatiert der Neuzugang, der im Sommer zu United wechselte. „Ich kannte die Truppe nicht, wusste nicht, wer kommt. Du steigst gerade auf, was willst du denn da erwarten? Da kannst du nicht gleich sagen, du steigst nochmal auf“, erklärt Rahn und findet gleich noch weitere Gründe, die aus seiner Sicht dagegen sprechen, dass man den „Geächteten“ schon im Voraus für den Winter die Rolle des „Leaders“ der Landesliga Hansa hätte zuteilen können: „Wir haben viele neue Spieler dazu bekommen. Dementsprechend musst du dich erst einmal finden. Dass das in der Vorbereitung im Sommer so gut geklappt hat, wusste ja keiner. Oftmals ist es ja so: In der Vorbereitung läuft es und dann kommt auf einmal die große Katastrophe“, so Rahn. 

„Das Umfeld ist echt mal ruhig – das kennt man von Hamm United so eigentlich nicht“

Routinier Stephan Rahn (re, hier gegen Bergstedts Max Selch) lobt ausdrücklich die Arbeit von Coach Sidnei Marschall. Foto: Bode

Nicht so beim HUFC. „Wir haben komplett durchgezogen“, stellt der Kapitän des Teams  mit Blick auf 15 Siege, ein Unentschieden und nur drei Niederlagen in den bislang absolvierten 19 Spielen der laufenden Saison fest und lobt den Coach. „Sid macht das richtig gut. Es bringt sehr viel Spaß mit ihm. Er hält die Jungs bei Laune, sein Training ist super“, schreibt der „Routinier“ dem ebenfalls neuen HUFC-Übungsleiter Sidnei Marschall ins Stammbuch. Ein Lob, dass man angesichts von 46 Punkten und einem Torverhältnis von 65:20 schon mal aussprechen kann. Es ist aber nicht der einzige Erfolgsgrund, den Rahn ausgemacht hat. „Das Umfeld ist mal echt ruhig. Das kennt man von Hamm United so eigentlich nicht“, sagt der 36-Jährige und trifft damit tatsächlich irgendwie den berühmten Nagel auf den Kopf. Dort, wo es einst nahezu immer Nebenschauplätze und -geräusche gab, ist es in dieser Saison tatsächlich ruhig. Nein, eigentlich sogar ruhiger als ruhig. Vielleicht auch ein Verdienst von Marschall.

Der einstige Mittelfeldspieler hat es tatsächlich geschafft, aus einem Kader mit hervorragenden Einzelspielern eine funktionierende Mannschaft zu formen. Keiner der vielen Häuptlinge im Team fällt aus der Reihe, keiner aus dem Vorstand oder Management hat einen Anlass zur Kritik. Am Hammer Park hat man die Unruhe schlichtweg ausgesperrt. „Jeder ordnet sich unter und sieht das große Ganze – den Verein und die Mannschaft. Es ist nicht so, dass jeder für sich allein unterwegs ist. Das merkt man gerade sehr gut. Und nun stehen wir halt den Winter über oben“, erläutert Rahn. Platz eins zum Jahreswechsel – da erwacht der Wunsch, auch am Ende oben zu stehen doch von ganz allein, oder? „Wir haben noch elf Spiele vor uns“, erklärte Trainer Marschall nach dem souveränen 4:0-Erfolg des HUFC im Spiel gegen den SV Bergstedt ganz nüchtern. Vokabeln wie Titel, Aufstieg oder Meisterschaft kommen „Sid“ halt einfach nicht über die Lippen. „Das will keiner bei uns sagen...“, lacht Rahn und schiebt den immer wieder gern genommenen Satz nach: „Wir gucken nur von Spiel zu Spiel.“   

„Bramfeld ist echt eine starke Truppe – das muss man ganz klar sagen“

KOnkurrenten im Kampf um den Aufstieg: HUFC-Kapitän Stephan Rahn (li.) und Bramfelds Kevin Mellmann. Foto: Bode

Bramfeld ist echt eine starke Truppe – das muss man ganz klar sagen. Auch Voran Ohe spielt einen guten Ball“, wiegelt Rahn ab, dass dem HUFC aufgrund der aktuellen Konstellation im Klassement für die Rückrunde die Favoritenrolle gebührt. „Man muss abwarten: Wenn wir am Ende oben stehen, dann ist das eben so“, sagt Rahn fast schon lapidar und fügt hinzu: „Wir wollen jetzt erstmal die Winterpause genießen und dann in der Rückrunde gucken, was geht.“ Was den United-„Oldie“ zu so viel Zurückhaltung verleitet? „Oftmals ist es ja auch so: Du hast bisher eine gute Saison gespielt und dann kommt ein bisschen so eine Larifari-Einstellung rein. Da müssen das Umfeld, der Trainer und auch ich als alter Sack aufpassen, dass uns das nicht auch so geht“, konstatiert der Blonschopf, der vor der Saison vom TSV Auetal zu Hamm wechselte: „Es war eigentlich schon vor einem Jahr klar, dass ich wieder zurück nach Hamburg komme. Ich bin Anfang des Jahres Vater geworden, meine Frau hat dann gesagt, dass das das so nicht geht“, berichtet Rahn.

„Ich arbeite samstags. Deswegen war es ihr wichtig, dass ich Sonntags nach Möglichkeit nicht oder selten spiele. Sonst hab ich von meiner Kleinen einfach auch nichts. Es haben sich dann unverbindlich einige Vereine gemeldet, bei Hamm United passte es letztlich halt“, verrät der 36-Jährige, dessen Blick auch in die Parallel-Staffel geht: In der Landesliga Hammonia spielt der Hamburger SV III, als Coach steht dort Stephans Bruder Christian Rahn an der Linie. Gibt's also in der neuen Saison das Bruder-Duell in der Oberliga? „Da muss man abwarten, ob die aufsteigen, ob wir hoch gehen, ob mein Bruder beim HSV III bleibt, ob ich in Hamm bleibe. Aktuell beschäftigt uns das nicht viel“, sagt Stephan Rahn, um dann am Ende doch vergleichsweise fast schon euphorisch zu werden: „Wir haben eine gute Mannschaft. Auch neue Jungs wie Christian Ayim oder Lucas Kauth spielen eine brutal starke Saison. Wenn alle Vollgas heben, kann das passen. Wir haben einen großen Kader, es kommen ja auch noch einige Verletzte zurück...“ Nur das Wort Aufstieg will dann doch einfach nicht fallen...

Jan Knötzsch  

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