04.11.2018

„Air Schröder“ krönt Türkiyes 75-minütigen Abnutzungskampf in Unterzahl!

Fischer hätte sich „betrogen gefühlt“ - Hitziges Duell und verbale Entgleisungen

Nach dem Siegtreffer zum 2:1 ballt Türkiye-Trainer Michael Fischer die Fäuste und sprüht vor Ekstase. Foto: Kormanjos

Mit einem trockenen „War okay, René Schröder“ klatschte Türkiye-Coach Michael Fischer seinen Matchwinner unmittelbar nach dem Schlusspfiff ab, ehe er im Mannschaftskreis den imaginären Hut vor seinen Jungs zog: „Dieses Spiel kann ein Meilenstein für die ganze Saison sein. Was ihr heute geleistet habt, war unglaublich!“ Denn trotz 75-minütiger Unterzahl feierten die Wilhelmsburger einen Last-Minute-Sieg bei Verfolger FK Nikola Tesla – nicht zuletzt dank der „Urgewalt“ von Innenverteidiger Schröder. „Natürlich ist er heute die Kerze auf der Torte und es freut mich auch für ihn persönlich, dass er diese besagte Urgewalt eingebracht hat. Aber wenn es überhaupt ein Synonym für mannschaftliche Geschlossenheit gibt, dann war es diese heutige Leistung“, so Fischer.

Zum Spiel: Eine Viertelstunde war vorüber, als sich Türkiye-Keeper Stefan Steen bei einer Flanke verschätzte und Onur Tüysüz das Missgeschick „ausbadete“, indem er den folgenden Schuss von Berkant Aydin auf der Linie mit der Hand blockte. Rot für Tüysüz und Elfmeter für Tesla – doch Michel Netzbandt wusste das Geschenk nicht anzunehmen und schoss deutlich rechts am Pfosten vorbei. Nur wenige Augenblicke darauf schlug „Air Schröder“ das erste Mal zu, als er einen Eckball von Philip Pettersson unter die Latte wuchtete (17.)! Es folgte eine Szene, die sowohl während als auch nach dem Spiel für jede Menge Gesprächsstoff, Unruhe und sogar Beschimpfungen sorgte: Nach einem langen Ball von Alexander Krohn eilte Tesla-Schlussmann Faruk Müller weit aus seinem Kasten, verschätzte sich gegen Serdar Aydin jedoch bitterböse und schlug die Kugel weit außerhalb des Sechzehners absichtlich mit der Hand weg. Schiedsrichter Philipp Kleiner (SC Eilbek) zückte zum großen Erstaunen – nach längerer Unterbrechung – „nur“ Gelb (50.). Eine Entscheidung, die kaum einer nachvollziehen konnte und bei Fischer für Entsetzen sorgte.

Fischer: „Ich hätte mich heute betrogen gefühlt“

Serdar Aydin (re.) schlägt die Hände vors Gesicht und kann’s kaum glauben, dass es nach dem absichtlichen Handspiel nur Gelb für Tesla-Torsteher Müller gibt. Foto: Kormanjos

„Ich habe gleich noch einen Termin beim Schiri in der Kabine und hätte ihm da auch gesagt, egal wie es ausgegangen wäre, auch wenn es mir so rum natürlich deutlich lieber ist, dass ich mich ansonsten betrogen gefühlt hätte“, so Fischer, der erklärend ausführte: „Mir geht es nicht darum, dass es diese Regel gibt: Ein Handspiel außerhalb des Sechzehner ist nicht automatisch eine Rote Karte. Mir geht‘s darum, dass sich der Keeper verschätzt. Er merkt, er kriegt den Ball nicht und unterbricht den Fluss des Balles, indem die Hand rausgeht und er die Kugel wegboxt. Ansonsten geht der Ball durch und das Tor ist leer. Ob Serdar Aydin dann ins leere Tor trifft, lass ich mal dahin gestellt. Aber wie klar muss eine Chance noch sein, damit ich da sage, in der Situation nehme ich keine klare Torchance weg?!“ Sein Gegenüber, Faik Algan, der sich hinterher noch, nach Aussage Fischers, eine unflätige verbale Entgleisung ihm gegenüber erlaubte, sah die Situation wie folgt: „Er ist nicht letzter Mann. Und wenn das Wort ‚wenn‘ nicht wäre, wäre ich Millionär. Er muss keine Rote Karte geben. Und selbst wenn es eine Fehlentscheidung war, heißt es dann, dass ich 40 Minuten lang nur herumpöbeln und provokant jubeln muss? Er sollte ein Vorbild sein“, schoss der Tesla-Coach in Richtung Fischer.

„Hut ab, das war sensationell - gegen alle Widrigkeiten“

Algan selbst sah kurze Zeit später den zu diesem Zeitpunkt doch eher überraschenden Ausgleich seiner – wohlgemerkt in Überzahl agierenden – Jungs. Cem Müller spielte einen Doppelpass mit Michel Netzbandt und chippte das Leder dann über die Abwehrkette. Steen kam zu unentschlossen aus seinem Kasten und wurde von Sébastien Mankumbani „überköpft“ (60.)! Fischer: „Normalerweise verlierst du so ein Spiel dann noch kurz vor Schluss“, was angesichts der strittigen Szene nach der Pause und eines Abseitstores von Mümin Mus 20 Minuten vor dem Ende keine gewagte Prognose zu sein schien. Doch es kam ganz anders. „Weiter dran glauben, wir kriegen noch eine Chance“, spornte Alexander Krohn seine Mannen an. „Ich finde, dass unsere Konterchancen besser waren, als die zwei Kopfbälle, die der Gegner hatte. Insofern kann ich nur sagen: Hut ab, das war sensationell – gegen alle Widrigkeiten“, jubelte Fischer, als sein „Kopfballungeheuer“ 120 Sekunden vor Ultimo zum zweiten Mal zuschlug – diesmal nach einer Ecke des eingewechselten Francisco Daniel Alves Monteiro! Angesprochen auf die Leistung seines „Doppeltorschützen“, der auch hinten einen tadellosen Job verrichtete, entgegnete „Fischi“ gewohnt süffisant: „War okay.“ Und weiter: „Er ist Bestandteil der Mannschaft. Seine Aufgabe ist es, hinten die Bälle raus- und vorne eventuell mal einen reinzuköpfen. Diese Aufgabe hat er heute – lass mich mal kurz überlegen... erfüllt.“

„Man hat heute ganz klar gesehen: Diese Mannschaft ist intakt!“

Nach der umstrittenen Aktion kam es zu einer Rudelbildung... Foto: Kormanjos

Doch für den Übungsleiter des FC Türkiye stand die Mannschaftsleistung im Vordergrund: „Es gibt ja diverse Seiten und Foren, wo in der kommenden Woche wieder die ‚Elf des Spieltags’ gekürt wird. Ich finde, entweder alle von uns oder gar keiner. Denn es wäre wirklich ein Schlag ins Gesicht jedes anderen Spielers, der da nicht drin wäre – denn dessen Leistung würde abgewertet werden. Für mich zählt das, was heute abgeliefert wurde – und das war überragend.“ Scheint so, als hätten die offenen Worte unter der Woche Wirkung gezeigt. „Es gab diese Woche eine klare Ansage von mir und am Donnerstag nach dem Training eine mannschaftsinterne Aussprache, die sehr positiv war. Ich habe heute das erste Mal von Mannschaftsseite aus einen Zettel in der Kabine hängen sehen, wo es um gewisse elementare Dinge geht. Und ich glaube, man hat hier heute eines ganz klar gesehen – nämlich: Diese Mannschaft ist intakt! Solch eine Leistung – mit Einstellung, Herz und Leidenschaft – hätte ich mir auch in den letzten Wochen gegen andere Teams gewünscht. Dann wäre vieles einfacher.“ Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Denn: „Dieses Spiel könnte vielleicht das wichtigste der ganzen Saison gewesen sein und eine gewisse Sogwirkung haben. Denn das war eine Ansage mit 75 Minuten in Unterzahl und trotzdem klar die besseren Chancen zu haben.“ Aber: „Wenn du nächste Woche gegen Tornesch 1:4 verlierst, ist schon wieder alles erledigt.“

Algan: „Wir wollten gewinnen und dranbleiben - jetzt sind wir im Niemandsland“

Faik Algan war hingegen auch einige Zeit nach Abpfiff noch mächtig angefressen: „Zwei Standard-Gegentore, obwohl wir das angesagt und trainiert haben. Diese Niederlage ist so ärgerlich – mehr geht gar nicht. Ein geschenkter Tag und geschenkter Sieg für Türkiye.“ Weiter meinte er: „Wir haben versucht und probiert. Aber es war sehr schwer, wie bei Bayern gegen Freiburg. So ist Fußball. Die haben es clever gemacht, waren eklig und haben ja auch ein paar Söldner, die überall schon gespielt haben und wissen, wie das geht.“ Eine Aussage, die bei den Wilhelmsburgern sicher nicht gut ankommen wird. Zumal sich Sascha Richert nach Spielschluss vehement über die verbalen Entgleisungen von der Tesla-Bank während der 90 Minuten echauffierte. „Das zeigt das Niveau hier...“, wollte Fischer nicht zu sehr ins Detail gehen. Stattdessen gab sein Team die Antwort auf dem Platz und distanzierte NikolaTesla auf acht Punkte. „Wir wollten in der Schlussphase auf den Sieg gehen“, so Algan. „Nachdem sich Ersin (Kücük; Anm. d. Red.) verletzt hat und nicht mehr voll spielen konnte, war ein bisschen durcheinander. Aber was nützt uns ein Punkt? Wir wollten gewinnen und dranbleiben – jetzt sind wir im Niemandsland.“

Autor: Dennis Kormanjos

Kommentieren