12.05.2019

0:7! Meiendorfer „Kopfkino“ - „Es gibt Faktoren dafür...“

Niendorf „tauft“ einen Goalgetter und zwingt den Gegner zur „Aufgabe“

Evailton Fernandes (re.) - hier gegen Meiendorf-Verteidiger Kevin Heitbrock - beendete seine Torflaute und brachte Niendorf mit einem Doppelpack auf die Siegerstraße. Foto: Stefanie Balle

„Ich freue mich wahnsinnig für den Jungen“, strahlte Ali Farhadi in Richtung seines Co-Trainers Jörg Steinbach, ehe der vom Niendorfer Chefcoach gelobhudelte Evailton Fernandes kurz vor dem Pausenpfiff, als sich die Akteure des NTSV mit kühlem Nass erfrischten, da Meiendorfs Kalif Koura angeschlagen auf dem Grün lag und behandelt werden musste, einen flapsigen Spruch von der Ersatzbank trocken konterte: „Das ist mein Job“, scherzte der Angreifer, der zuletzt nicht immer zur ersten Elf gehörte und bis zum Dassendorf-Spiel lange auf einen Torerfolg warten musste. Als ihm Farhadi nach 66 Minuten eine vorzeitigen Abgang bescherte (alle Highlights im LIVE-Ticker), witzelte Steinbach – mit einer Wasserflasche „bewaffnet“ – in Richtung Fernandes: „Ich taufe dich jetzt auf den Namen Goalgetter.“

Der künftige Niendorfer Lawrence Schön (Mi.) kam überhaupt nicht ins Spiel und hatte einen schweren Stand. Foto: Stefanie Balle

Jener Evailton Fernandes war es, der mit seinem Doppelschlag „den Gegner dazu gebracht hat, sich aufzugeben“, wie Farhadi seinem Team nach der Partie im Teamkreis bescheinigte. Erst nutzte der ehemalige Billstedter einen kapitalen Bock von Meiendorf-Fänger Yannick Jonas (14.), dann vollendete er eine Stafette über Tim Philipp Krüger und Ilyas Afsin (30.). Meiendorf war völlig von der Rolle, wirkte abwesend, ungewohnt fahrig und unkonzentriert. „Ich hätte es mir anders gewünscht und auch anders erwartet“, gestand Baris Saglam – und fügte vielsagend an: „Aber es gibt auch ein paar Faktoren, die da eine Rolle spielen…“ Und welche wären das? „Wir haben über die Saison hinweg unser Soll und das Maximum erfüllt. Jetzt legen wir den Schwerpunkt auf die Kaderplanung. Dass unsere Spieler von anderen Vereinen umworben sind und teilweise auch schon woanders zugesagt haben, ist ja auch schon ein Stück weit bekannt. Wenn wir schlechte Arbeit geleistet hätten, dann wären unsere Spieler nicht so begehrt. Deshalb kann ich den Jungs keinen großen Vorwurf machen“, hielt sich der MSV-Dompteur mit harscher Kritik zurück.

„Wir müssen uns nach wie vor als Entwicklungsverein sehen“

MSV-Coach Baris Saglam beobachtete das Treiben von der Bank aus. Foto: Stefanie Balle

Vielmehr klingt es danach, als würde die bei vielen Spielern zum Teil noch ungeklärte sportliche Zukunft in den Köpfen eine Rolle spielen und nicht mal eben so auszublenden zu sein. „Wir müssen uns nach wie vor als Entwicklungsverein, als Ausbilder und Förderer sehen“, so Saglam, der mit Lawrence Schön (traf auf seinen künftigen Verein) und Yannick Jonas (TuS Dassendorf) bereits zwei fixe Abgänge zu verzeichnen hat. Bei anderen Leistungsträgern scheint dem MSV so langsam auch die Zeit davon zu laufen. Gänzlich unbeeindruckt zeigte sich hingegen der Gast. Ein Steilpass von Mustafa Ercetin reichte aus, um die Defensivreihe auszuhebeln und Lennart Merkle – aufgrund der Personalnot der „Sachsenwegler“ als Rechtsverteidiger (!) aufgeboten – das 3:0 zu ermöglichen (35.). Auch nach der Pause wurde es aus Hausherren-Sicht – trotz eines Doppelwechsels – nicht viel besser. Im Gegenteil. Niendorf versprühte weiter reichlich Spielfreude – während die Saglam-Elf überrollt wurde. Ballgewinn Krüger, Tor Afsin (56.)! Dem vorausgegangen war ein viel zu riskanter Pass ins Zentrum vom eingewechselten Marcin Hercog, mit dem Paul-Luca Herrdum nichts anfangen konnte. „Danach war endgültig der Wurm drin und die Luft raus“, befand Saglam, der von der Bank aus noch die weiteren Gegentreffer von Marlon Stannis (59., 74.) und Afsin (90.) mit ansehen musste. 0:7!

„Die Mannschaft war zu sehen mit sich selbst beschäftigt“

Ilyas Afsin glänzte nicht nur als Torschütze, sondern war auch ein ständiger Unruheherd - und wollte immer mehr. Foto: Stefanie Balle

„Schade, dass wir uns heute nicht vernünftig vor eigener Kulisse verabschieden konnten“, resümierte ein enttäuschter Saglam, der jene Klatsche für sich als „absolutes Neuland“ bezeichnete. „Das war das erste Mal seit der D-Jugend oder so. Aber es ist vielleicht auch ein Stück weit der Situation geschuldet, dass viele vom Kopf her noch nicht genau wissen, was sie machen“, stellte er sich vor sein Team – und meinte: „Nicht viele können zwischen dem, was über eine ganze Saison hinweg, und dem, was in einem Spiel geleistet wurde, differenzieren.“ Nichtsdestotrotz habe er seinen Jungs in der Halbzeit gesagt, „dass sie die Saison nicht selber mit Füßen treten und Charakter an den Tag legen sollen“. Nach dem Wechsel hielt sich das Trainerteam jedoch merklich zurück. „Wir wollten keine Unruhe reinbringen. Die Mannschaft war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Da waren ja gefühlt maximal drei Passstafetten – und das sind wir eigentlich nicht. Im Großen und Ganzen kann man sagen: Das war heute ein gebrauchter Tag.“

„Wir haben den Gegner dazu gebracht, sich aufzugeben“

Auch Kalif Koura (li.) war bei Marvin Karow und Co komplett abgemeldet. Foto: Stefanie Balle

Ganz im Gegensatz zu dem, was die Gäste aufs Parkett brachten – trotz diverser Ausfälle. „Die Jungs haben auch im Training schon gespürt, dass ich nicht locker lassen werde“, erklärte Farhadi hinterher. „Es wäre auch schade, wenn du hier ein paar Gänge runterfährst, nur weil du nix mehr erreichen kannst. Am Ende sind es Punkte, die man holen kann, ein Standing, das man verbessern kann – und jetzt haben wir die große Möglichkeit, diesen fünften Platz für uns einzuheimsen. Dafür haben wir hart gearbeitet.“ Bei seinen Mannen sei „viel Ehrgeiz und Wille“ zu sehen gewesen, so Farhadi. „Wir haben den Gegner heute dazu gebracht, sich aufzugeben. Und das ist schwer – gerade mit solch einer Mannschaft wie Meiendorf. Das hat in dieser Saison so keiner geschafft. Meiendorf ist für mich – und das muss man Baris lassen, der hier einen unglaublich guten Job macht – eine gute Truppe, die gespickt ist mit guten Fußballern. Aber sie haben heute nicht zueinander gefunden und wir haben ihnen von Beginn an den Spaß genommen.“

Autor: Dennis Kormanjos

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